Was kommt raus, wenn sich der bekannteste Actionregisseur Hong Kongs John Woo (A better Tomorrow, The Killer, Hard Boiled) mit dem damals aufstrebenden Martial-Arts Hollywoodstar Jean-Claude Van Damme zum Kaffee trifft und die beiden beschließen, ein gemeinsames Projekt zu wagen? Ein nicht ganz perfekter, aber unterhaltsamer Actionreißer mit den bekannten Zutaten der beiden Genregrößen: Bleihaltige Schusswechsel (Woo) und spektakuläre Kampfsporteinlagen (Van Damme), auch wenn die etwas eindimensionale Geschichte genretypische Logiklöcher aufweist und vor allem in der ersten Stunde ein kleines bisschen mehr Tempo und Action hätte vertragen können. Die Rede ist von Harte Ziele (1993), der bei Fans des Belgiers auch heute noch einen ausgezeichneten Ruf genießt, während die Anhänger der asiatischen Regielegende im Vergleich mit dessen Hong Kong-Klassikern eher ein wenig enttäuscht waren. Die wirtschaftlichen Zahlen können sich jedenfalls durchaus sehen lassen: Bei einem Budget von knapp 18 Millionen Dollar konnten weltweit 76 Millionen Dollar Kinoumsatz erzielt werden, was für einen Van Damme-Actioner ein recht ordentliches Ergebnis darstellt.
Dem Hong Kong Actionbrett Hard Boiled (1992) folgend, war John Woo fest entschlossen, seinen nächsten Film in Amerika zu verwirklichen, während das Major Label Universal Pictures durch dessen Actionstreifen The Killer (1989) auf ihn aufmerksam wurde. Wussten Sie, dass man bei Universal Pictures Woo auf Grund bescheidener Englisch Kenntnisse nicht zutraute, die Geschicke von Harte Ziele alleinverantwortlich zu leiten? Sam Raimi (Tanz der Teufel) wurde ihm zur Seite gestellt, er sollte Bericht erstatten, wenn Woo überfordert gewesen wäre und ihn möglicherweise ersetzen. Nachdem John Woo für sein Amerika-Debüt mehrere Drehbücher vorlagen, entschied er sich letzten Endes für das Hard Target Skript von Chuck Pfarrer, in welchem Hauptstar Jean-Claude Van Damme als kampferprobter Außenseiter Chance Boudreaux der jungen Natasha Binder (Yancy Butler) in New Orleans hilft, ihren verschollenen Vater Douglas Binder (Chuck Pfarrer) zu suchen. Bei ihren Ermittlungen kommen sie dem von Emil Fouchon (Lance Henriksen) und seinem Handlanger Pik van Cleef (Arnold Vosloo) angeführten skrupellosen Menschenhändlerring auf die Spur, welche für reiche Geschäftsleute tödliche Menschenjagden auf Obdachlose organisieren. Als der tote Binder gefunden wird und Boudreaux sich der grausamen Wahrheit gefährlich nähert, gibt es für die perversen Kopfgeldmörder ein neues Ziel... doch dieses ist zäher als gedacht....
Ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass sich die Zusammenarbeit mit John Woo für Jean-Claude Van Damme mehr als gelohnt hat, da der Kultregisseur die Stärken des Belgiers in Harte Ziele wie kaum ein anderer bisher unterstreichen konnte. Optisch eiskalt mit langer, dunkler Mähne, engen Klamotten und lässigem 3 Tage Bart typisiert, darf er sich wortkarg auf das Wesentliche konzentrieren und das ist die zahlenmäßig überlegene Schurkenparade knallhart und stilvoll zu dezimieren. Seine spektakulären Martial-Arts Fähigkeiten inszeniert Woo im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend mit Wiederholungsschlägen, flotten aber niemals unübersichtlichen Kamerafahrten und ausgiebigem Zeitlupeneinsatz. Vor allem die letzten 40 Minuten gleichen einer einzigen JCVD- Actiongala, die mit Woo üblichen, blutigen Shoot-Outs verfeinert werden. Woo erweist Van Damme dazu noch den Gefallen, Szenen die anspruchsvolles Schauspiel verlangen würden, weitgehendst zu vermeiden, so dass Mister Bloodsport nicht mit Inhalten überfordert wird, die ihn wohl möglich schlecht aussehen lassen würden. Die Anforderungen eines unbesiegbaren Actionhelden mit dem lässigen One-Liner im richtigen Moment füllt er jedenfalls zur vollsten Zufriedenheit aus und auch seine Filmpartnerin, der attraktive Sidekick Yancy Butler, hat ihre Prioritäten wohl eher auf ihr ansprechendes Äußeres gelegt als auf eine oscarwürdige Darbietung.
Die Feindbildgenerierung weiß in Harte Ziele ebenfalls zu überzeugen, denn mit Lance Henriksen (Alien 2; Terminator; Near Dark - Die Nacht hat ihren Preis) und Arnold Vosloo (Darkman 2 + 3; Die Mummie 1 + 2) zwei ausgezeichnete harmonierende Bösewichte. Henriksen besticht durch seine diabolische Mimik, seine egozentrischen Wutanfälle, seine tobende Herrschsucht und seine beängstigende Gewissenlosigkeit, er verkörpert den Anführer der Todesorganisation derart charismatisch, dass Hannibal Lecter und Norman Bates wie Chorknaben auf einer Christmette wirken. Vosloo gefällt dagegen auf anderer Ebene. Eiskalt, zynisch kommentierend und zielstrebig versteht er sein professionell gnadenloses Handwerk. Fakt ist, die starke antagonistische Seite beschert Van Damme mindestens ebenbürtige Gegner, was für reichlich Spannung und fesselnde Action sorgt. Weitere tragende Nebenrollen werden von solide performenden Akteuren wie beispielsweise Willie C. Carpenter (obdachloser Elijah Roper), Eliott Keener (korrupter Arbeitsvermittler Randal Poe) oder Wilford Brimley als Onkel Douvee besetzt, welche die für einen Actionfilm ordentlich agierende Darstellerriege vervollständigen dürfen.
Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne, oder etwa doch nicht? Wer auf der Suche nach marginalen Schönheitsfehlern ist, der dürfte in der nicht immer durchdachten Story fündig werden. Die eigentlich interessante Menschenjagd Thematik wird durch das ein oder andere Fragezeichen, beispielsweise in der künstlich konstruierten Beweisführung oder bei merkwürdig erscheinenden Zufällen zum Lückenfüller für das zweifellos imposante Actionfeuerwerk degradiert. Der Held schnüffelt im Brandschutt herum und findet genau die Marke, welche beim Opfer durch einen tödlichen Pfeil durchbohrt wurde. Auch bei Boudreaux Besuch beim schleimigen Arbeitsvermittler Poe, ist genau in diesem Moment, welch eine Überraschung, der Badguy zur Stelle, während Natascha Binder kurz darauf, als wären sie verabredet, von einem Polizisten auf offener Straße angesprochen wird, dass ihr Vater gestorben sei. Die Mühen, ihre Opfer verschwinden zu lassen, haben die bösen Buben auch einfach aufgegeben, oder warum bleibt der von Kugeln durchsiebte farbige Elijah die ganze Nacht auf der Straße liegen, nur damit Van Damme am nächsten Tag seinen Freund finden darf? Sie merken schon, im etwas einfältig erzählten Plot liegt der Hund begraben, was für John Woo Streifen sonst eher ungewöhnlich ist: Klassiker wie The Killer oder A better tomorrow können neben ihrer fulminanten Action auch mit einer transparenten und mitreißenden Geschichte aufwarten.
Ein weiterer kleiner Wermutstropfen ist die streckenweise langatmige Inszenierung in den ersten 60 Filmminuten, welche zwar immer wieder kurze, brachiale Actioneinlagen bieten, kleinere Handlungslängen aber eben nicht verhindern können. Die MPAA jedenfalls hatte so ihre lieben Probleme mit Hard Target. Erst beim sage und schreibe 8 mal und nach reichhaltigem Federverlust erhielt der Streifen das kassenträchtige R-Rating, mittlerweile ist die ungeschnittene Unrated-Version überall frei erhältlich. Das alles ändert nichts daran, dass Harte Ziele ein hervorragender Actionfilm ist, mit jeder Menge atemberaubender Fights, aufwendigen Explosionen, blutigen Schussorgien und rasanten Verfolgungen. Van Damme tut dies, was er tun muss und das tut er verdammt gut, was auch bitter notwendig ist, gegen die beiden groß aufspielenden Gangster-Anführer Lance Henriksen und Arnold Vosloo. Obwohl das Drehbuch phasenweise krankt und der Spannungsbogen sich erlaubt kurzfristige Auszeiten zu nehmen, gehört Harte Ziele zu den Zugpferden der 90er Jahre Action Unterhaltung. " Randal, wenn ich nochmal kommen muss, schneid ich mir ein Steak daraus" MovieStar Wertung: 8 von 10 Punkte.