13 Jahre nach ihrem gemeinsam Hit „Training Day“, der Denzel Washington einen Oscar plus Imagewechsel bescherte und Antoine Fuqua endgültig zum gefragten Mainstreamregisseur machte, tun sich Star und Regisseur wieder zusammen, für „The Equalizer“.
Sehr lose basierend auf der gleichnamigen TV-Serie aus den 1980ern ist es in erster Linie das Vorwissen des Publikums, aufgrund des Trailers, aufgrund des Titels, aufgrund der Berichterstattung usw., das andeutet, dass Robert McCall (Denzel Washington) mehr als der Baumarktangestellte ist, den man in der gediegen langsamen Exposition kennenlernt. Eine gute Seele, der seinem Kollegen Ralphie (Johnny Skourtis) bei der Vorbereitung für die Prüfung zum Security Guard hilft, stets freundlich ist und sich nachts gerne zum Lesen in sein Stammcafé setzt, wo er hin und wieder auch Gespräche mit der jungen Prostituierten Teri (Chloë Grace Moretz) führt. An dem spartanischen Lebensstil und der Genauigkeit, die ihn zu einem Seelenverwandten von Bryan Mills aus „Taken“ macht, erkennt man ansatzweise den Profi, aber seine Fähigkeiten werden vorerst nicht gezeigt, noch nicht einmal erwähnt.
Selbst als Teri eines Tages von ihrem Zuhälter, dem russischen Mafioso Slavi (David Meunier), zusammengeschlagen wird, ist Robert noch zurückhaltend, besucht sie im Krankenhaus und versucht sie anschließend freizukaufen. Der folgende Ausbruch der Gewalt, nachdem bereits einiges an Screentime verstrichen ist, ist daher umso krasser: Slavi lehnt das Angebot ab und verhöhnt den vermeintlichen Durchschnittsbürger sogar – der jedoch in seinem früheren Leben als Killer für die CIA arbeitete und daraufhin mit Slavi und seinen Leibwächtern kurzen Prozess macht. Zum ersten, aber nicht einzigen Mal zeigt Fuqua in dieser Szene, wie McCall seine Umgebung scannt, die Positionen seiner Gegner sowie potentielle Waffen wahrnimmt und sämtliche Kontrahenten innerhalb weniger Sekunden tötet.
Damit beschwört McCall einen Privatkrieg herauf: Die russische Mafia schickt den effizienten Vollstrecker Teddy (Marton Csokas), der Slavis Mörder finden und ein Exempel an ihm statuieren soll. Doch McCall ist bereit diesen Krieg zu einem Ende zu führen, auch wenn er ihm lieber ausweichen will…
Auch mit „The Equalizer“ erweist sich Antoine Fuqua als Restaurator altgediegener Männergenres, die er allerdings im hochmodernen Gewand ablichtet. Dementsprechend werden wieder alle Register der stylisch-slicken Videoclip-Optik gezogen, gelegentlich unterbrochen von körnigeren Bildern. Gekonnt ist dabei vor allem die ruhige, einfallsreiche Kameraarbeit von Mauro Fiore, die einerseits stets den Raum der jeweiligen Location klar erschließt, andrerseits einfallsreiche Blickwinkel, etwa über einen Spiegel, wählt um Gewohntes aus einem leicht anderen Blickwinkel zu präsentieren. Gelegentlich geht Fuqua allerdings dem Reiz der Überinszenierung auf den Leim: Wenn McCall von einer selbst gelegten, gewaltigen mehrstufigen Explosion davon schreitet, der er nur knapp entgeht und dabei nicht zurückschaut, dann ist das übertriebenstes Actionklischee, das sich mit dem sonst eher geerdeten Stil des Films beißt.
Denn McCall ist quasi der böse Bruder im Geiste des Titelhelden von „Jack Reacher“: Ein höchst effizienter, höchst trainierter Geheimdienstler, der eher auf Effizienz denn auf Gepose setzt. Wo Christopher McQuarrie seinen Helden als ironische Pulpikone inszenierte, da meint Fuqua es recht ernst; grimmiger Witz kommt nur hin und wieder auf und resultiert meist aus der Schadenfreude, wenn man als Zuschauer weiß, wozu der äußerlich so freundliche McCall in der Lage ist. Etwa, wenn er nach einem Raubüberfall auf den Baumarkt abends einen Hammer mitnimmt und man am nächsten Tag nur noch sieht wie er das gute Stück reinigt und zurück an seinen Platz hängt.
Im Gegensatz zu Jack Reacher oder Bryan Mills verwendet Robert McCall allerdings keine Schusswaffen, sondern setzt auf seine Nahkampffähigkeiten oder Alltagsgegenstände – gerne auch aus dem Baumarkt, ähnlich wie „Burn Notice“-Held Michael Westen, der ebenfalls immer gern improvisiert. Doch wo die Übelwichte in „Burn Notice“ fernsehgerecht selten sterben, da ist Equalizer McCall aus ganz anderem Holz geschnitzt: Egal ob in den Kopf gestochene Korkenzieher, Würgeschlingen aus Stacheldraht oder Bohrmaschinen – mit tödlicher Effizienz und überraschend hohem Härtegrad werden die zweckentfremdeten Gegenstände eingesetzt in den übersichtlich inszenierten, dynamisch geschnittenen und zackig choreographierten Actionszenen. Obwohl sich McCall meist gegen größere Gegnerhorden zur Wehr setzt, inszeniert Fuqua dies durchaus bodenständig und – sofern man im Actionrahmen davon sprechen kann – relativ realistisch.
Dabei bleibt McCall weitestgehend ein Enigma, was aber für seine mythische Qualität spricht: Ein Witwer, der von sich nur sagt, dass er schlimme Dinge während seiner Geheimdienst getan hat, der die großen Literaturklassiker wie „Der alte Mann und das Meer“ und „Don Quixote“ liest und der sterbenden Gegnern mit nicht verächtlichen, nicht überheblichen, sondern irgendwie fragenden und fast schon melancholischen Blicken beim Sterben zusieht. Der seine Gegner stets vorwarnt, aber dann umso gnadenloser austeilt. Mit Teddy steht ihm ein durchaus imposanter Widersacher gegenüber: Ein kalter, ebenso genau planender Soziopath, der ohne Gefühlsregung mordet, Gewalt zur Abschreckung und Einschüchterung einsetzt und um seinen Status weiß, diesen sogar betont und im Gespräch thematisiert. Zwischen diesen beiden Gegenspielern können selbst andere Profis wie der korrupte Cop Frank Masters (David Harbour) kaum mehr als zusehen.
Diese Figurenkonstellation und Fuquas sichere Regie tragen den Film, dessen Drehbuch freilich wenig komplex ist. Langsam, aber sicher arbeitet der Film auf die unausweichliche Konfrontation hin, so sehr McCall sie auch vermeiden möchte, so sehr die Mafiosi anfangs noch glauben, dass Slavi und seine Leute einem Bandenkrieg zum Opfer gefallen sind. Dabei bleiben dann die Nebenfiguren auf der Strecke, von denen man es erwartet, dabei gibt es wenig Überraschendes zu sehen und die eigenwillige Nachklappszene um Teddys Auftraggeber passt zwar zur Badass-Attitüde des Films, wirkt aber gleichzeitig unnötig und übertrieben, der finalen Ansprache aus Fuquas vorigem „Olympus Has Fallen“ nicht unähnlich. Was etwas schade ist, denn ansonsten ist „The Equalizer“ durchaus ruhig und sorgfältig erzählt.
Denzel Washington, hier in ähnlicher Mission wie in „Man on Fire“ unterwegs, überzeugt als leiser, freundlicher Ex-Agent, dessen Abgründe man nur erahnt, an seinen Aktionen aber deutlich erkennt. Marton Csokas als Widersacher besitzt Charisma, auch wenn die Rolle etwas eindimensional ist und Chloë Grace Moretz schlägt sich gewohnt wacker in ihrer eher kleinen Rolle. Stark ist David Harbour als korrupter Cop, der vor allem seine eigenen Interessen schützen will, während ein gewohnt markiges Nebendarstellerensemble auch diesen Fuqua-Film veredelt: David Meunier kann als überheblicher Zuhälterchef ebenso auftrumpfen wie Melissa Leo und Bill Pullman als Paar aus McCalls Vergangenheit, während Vladimir Kulitchs Gastauftritt nicht ganz so überzeugend ausfällt.
„The Equalizer“ mag nicht übermäßig komplex sein und in Sachen Posing manchmal den falschen Ton treffen, doch ähnlich wie der noch etwas bessere „Jack Reacher“, welcher etwas mehr Selbstironie besaß, ist Antoine Fuquas Film ein souveräner Actionthriller um einen übermenschlichen Profi, der als eigenwilliger Streiter für Recht und Ordnung fiese Gangster ausmerzt. Stark inszeniert, gut besetzt und in seinen ausgesprochen rohen Kampfszenen ziemlich kraftvoll, da kann man gerne über den einen oder anderen Schwerpunkt hinwegsehen, zumal das Erbe des Actionthriller der 1970er und 1980er hier würdig fortgeführt wird.