Tobey Maguire spielt das Schach-Genie Bobby Fischer, das bereits in jungen Jahren auf sich aufmerksam machen konnte. Der manische Exzentriker, der vom krankhaften Ehrgeiz getrieben die Gemüter seiner Mitmenschen des Öfteren erhitzte, mischte die sowjetisch dominierte Schach-Szene auch international auf, womit der in Brooklyn aufgewachsene Sonderling in seinem Heimatland einen regelrechten Hype für das Spiel der Könige entfachte. Mitten im Kalten Krieg, in dem sich die USA und die Sowjetunion auf allen Ebenen gegenseitig zu überbieten versuchten, wurde er damit auch zur symbolischen Hoffnung einer durch Vietnam verunsicherten Nation. 1972 kam es im isländischen Reykjavik zum Showdown zwischen Fischer und Weltmeister Boris Spasski, gespielt von Liev Schreiber.
Nicht nur in Hollywood erfreut sich das Thema der eigenwilligen Genies ungebrochener Beliebtheit, Genie und Wahnsinn geistern auch regelmäßig durch die internationale Zeitschriftenlandschaft und sind Gegenstand zahlloser Dokumentationen. Womöglich ist van Gogh nur deshalb bekannter als der Maler Paul Cezanne, weil er sich ein Ohr abschnitt. Der Mathematiker John Nash dürfte vor allem aufgrund seiner paranoiden Schizophrenie und dem Biopic „A Beautiful Mind“ über Fachkreise hinaus bekannt geworden sein. Bobby Fischer, über den bereits der Dokumentarfilm „Bobby Fischer Against the World“ erschien, fällt auch in diese Kategorie. Außerdem ist der Sohn einer Krankenschwester, der es mit Fleiß und Ehrgeiz zum Schachweltmeister brachte, ein perfektes Beispiel für den amerikanischen Traum, eine dieser Geschichten also, wie die Amerikaner sie lieben, wenngleich Fischer sicherlich nicht der Inbegriff des amerikanischen Helden ist. Klar war jedenfalls, dass Leben und Wirken von Bobby Fischer nicht unverfilmt bleiben würden.
Er leugnete den Holocaust und lobte die Attentäter des 11. September, er war in den USA der gefeierte Star eines bis dato eher als Randsportart zu bezeichnenden Spiels und trat bei der WM in Reykjavik zu einer Partie gegen den amtierenden Weltmeister erst gar nicht an. Fischer war ein widersprüchlicher Geist, der auch über den Schachsport hinaus für zahllose Kontroversen sorgte. Eine solche Persönlichkeit ist natürlich pures Gold für einen Filmemacher, gleichzeitig aber auch eine Herausforderung, weil die Geschichte sehr viele Aspekte hat. Wer die ungewöhnliche Vita von Fischer kennt, wird sich jedenfalls fragen, warum die ohnehin schon beeindruckende und interessante Geschichte für den Film noch einmal derart aufgeplustert werden musste.
Aber von vorn: Drehbuchautor Steven Knight, der mit „Senventh Son“ zuletzt einen Megeflop zu Papier brachte, fokussiert sich insbesondere auf die Schachkarriere Fischers und lässt den Film in der Weltmeisterschaft von 1972 gipfeln. Das Biopic ist klassisch chronologisch erzählt - eine innovativere Erzählweise, wie sie Danny Boyles „Steve Jobs“ zuletzt aufweisen konnte, ist aber noch nicht zwangsläufig ein Gütekriterium für ein biographisches Drama. Redundanz, langatmigere Phasen und eine nicht immer gelungene Höhepunktsetzung sind Edward Zwick und seinem Autor aber teilweise anzulasten. Wenngleich Zwicks Film nicht schlecht geworden ist, so bleibt doch festzuhalten, dass ihm mit „Last Samurai“ oder „Blood Diamond“ schon weitaus bessere gelungen sind.
Dass sich in den knapp zweistündigen Film einige Längen einschleichen ist nicht nur der soliden aber nicht übermäßig packenden Erzählweise geschuldet, bei der es immer wieder zu sich stark ähnelnden Wutausbrüchen Fischers kommt. Problematisch ist zunächst auch, dass der Protagonist mit seinen Eigenheiten, seiner Arroganz und seinen Manierismen nicht gerade als Sympathieträger fungiert und die emotionale Distanz vor allem am Anfang einem raschen Einfinden entgegensteht. Und auch im weiteren Verlauf drängt sich vor allem die Frage auf, wie Fischers Begleiter, der Priester und der Patriot, es eigentlich mit diesem Sonderling aushalten können.
Dass der Film dann im Mittelteil sehr wohl zu packen vermag, ist zum einen der trotz aller Abänderungen sehr interessanten wahren Begebenheit geschuldet, zum anderen dem großartigen Hauptdarsteller. Tobey Maguire, der auch an der Produktion beteiligt war, liefert hier die wohl beste Leistung seiner Karriere ab. Man nimmt dem bleichen, hageren Ex-Spiderman mit seinem bohrenden Blick und den tiefen Augenringen die Rolle nicht nur voll und ganz ab, er spielt auch die Ausbrüche und Allüren seines manischen Charakters beängstigend authentisch. Vielleicht ziehen sich Kindheit und Jugend von Fischer auch deshalb so in die Länge, weil der brillante Maguire erst später auftritt. Ein Lob geht aber auch an die restlichen Darsteller, die ebenfalls zu überzeugen wissen, wobei hier besonders Liev Schreiber zu nennen wäre, der als russischer Schachweltmeister authentisch und charismatisch agiert.
Beim Finale stehen dann die Schachpartien zwischen Fischer und Spasski im Vordergrund, keine leichte Aufgabe für Zwick, weil ein Schachspiel eben kein Boxkampf ist, bei dem dynamische Bilder und gute Choreografie für Unterhaltung sorgen. Außerdem fanden gleich 21 Partien in Reykjavík statt, was für einen eher ermüdenden Showdown sorgen würde, wollte man den kompletten Verlauf wiedergeben. Doch Zwick löst den Schlamassel ganz gut, er lässt in Person des Schach spielenden Priesters die grobe Taktik am Spieltisch erläutern, sodass auch Laien folgen können und setzt auf eine möglichst dynamische Inszenierung bei dichter Atmosphäre, weshalb die Schachpartien erstaunlich unterhaltsam ausgefallen sind. Vor allem ist es auch der Nervenkrieg zweier guter Darsteller, der im letzten Drittel verhindert, dass der Film verflacht.
Störend ist dagegen, dass die Macher zusätzlich versuchen, die Schachspiele mit Hilfe einer möglichst martialischen Sprache aufzumotzen, die man eher auf dem Schlachtfeld erwarten würde und die selbst beim Hand- oder Fußball unangebracht wirken würde. Überhaupt neigt Zwick zur Übertreibung. Der Hype um Bobby Fischer, den es in den USA zweifellos gegeben hat, sprengt alle Dimensionen und es fällt schwer zu glauben, dass der manische Nerd tatsächlich zwischenzeitlich der bekannteste Mensch in den USA war, wie es im Film heißt. Auch das Kalte-Kriegs-Szenario, das den Film zwar durchaus interessant gestaltet, wirkt deutlich überspitzt. Ähnlich wie der Wettlauf zum Mond wird der Triumph bei der Schach-WM zur nationalen Aufgabe und glaubt man einem von Fischers Begleitern, so könnte der Schachspieler mit seinem Sieg die Schmach in Vietnam regelrecht kompensieren. Bei allen wahnwitzigen Überbietungswettbewerben, die der Ost-West-Konflikt so mit sich brachte, entsteht so doch der Eindruck, der Film nehme sich, Fischers Platz in der Geschichte und den Schachsport etwas zu ernst.
Fazit:
Es ist vor allem dem großartigen Tobey Maguire zu verdanken, dass „Bauernopfer“ ein unterhaltsames Biopic über eine interessante Person geworden ist, deren Leben und Wirken wohl kaum für noch mehr Kontroversen hätte sorgen können. Die anfänglichen Längen und die zahllosen Übertreibungen trüben das Vergnügen jedoch deutlich.
64 %