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„Code geknackt!"

Benedict Cumberbatch ist so etwas wie der (Film-)Star der Stunde. Momentan gibt es kaum eine TV-Show, kaum ein Print-Magazin und kaum eine cinephile Gesprächsrunde, die ohne den smarten Briten mit dem unaussprechlichen Namen und der sonoren Stimme auskommt. Auch beruflich scheint er aktuell omnipräsent und tanzt äußerst erfolgreich auf allen drei möglichen Hochzeiten.
Als bekannt wurde, dass er auf der Bühne des renommierten Londoner „Barbican Centre" den Hamlet geben würde, waren die Karten in Rekordzeit vergriffen. Die BBC-Serie „Sherlock" geht v.a. dank seiner extravaganten Darstellung der britischen Detektiv-Ikone bereits in die vierte Runde. Im Kino schließlich glänzt er aktuell als Mathematikgenie Alan Turing, was ihn ganz nebenbei auch noch zu einem heißen Kandidaten für den diesjährigen Hauptrollen-Oscar macht.

Ob er ihn nun gewinnt oder nicht, ist letztlich nicht so wichtig. Mit seinen 38 Jahren ist „Ben Batch" zwar vergleichsweise spät ins gleißende Popularitäts- und Bekanntheits-Rampenlicht getreten, aber dennoch jung genug, um noch viele Jahre auf höchstem Niveau zu verweilen. So ist seine Interpretation des verschrobenen Wissenschaftlers lediglich ein weiterer und bestimmt nicht finaler Beleg für Cumerbatchs enorme Bandbreite und seine Fähigkeit komplexe, für den Zuschauer eigentlich schwer zugängliche Figuren nicht nur facettenreich und interessant zu gestalten, sondern auch empathisch aufzubrechen.

Denn auf dem Papier ist Alan Turing ein wandelndes Klischee des genialen Wissenschaftlers: hoch intelligent, entrückt, egozentrisch, arrogant, an sozialen Bindungen und Konventionen weder interessiert, noch dazu fähig. Trotz all dieser Attribute gelingt es Cumberbatch auf so subtile wie beeindruckende Weise den Menschen hinter dem vermeintlichen "Arschloch-Genius" Stück für Stück zu enthüllen und so etwas wie Verbundenheit und Mitgefühl zu erzeugen.

Dabei hilft natürlich auch die spannende, weil ungewöhnliche Lebensgeschichte Turings, die vom norwegischen Regisseur Morten Tyldum geschickt auf drei Zeitebenen erzählt wird. Hauptstrang dabei ist Turings streng geheime Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs. Angeworben vom britischen MI6, arbeitete er auf dem als Fabrik getarnten Landsitz „Bletchley Park" mehrere Jahre an der Dekodierung der deutschen Rotor-Schlüsselmaschine ENIGMA, die sämtliche Funksprüche der Wehrmacht verschlüsselte und die Alliierten lange Zeit vor ein unlösbares Rätsel stellte. Die letztendliche Entschlüsselung bedeutete nicht nur die Wende im U-Boot-Krieg, sondern veränderte auch den Kriegsverlauf an vielen anderen Fronten. Der Ruhm für diese kriegsentscheidende Arbeit bleib Turing allerdings zeitlebens verwehrt, da das Projekt bis in die 1970er Jahre unter Verschluss gehalten wurde.
Nach dem Krieg beschäftigte er sich mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz und gilt heute als einer der Pioniere der modernen Computertechnik. Anfang der 1950er Jahre wurde schließlich seine Homosexualität öffentlich, was im damaligen Großbritannien einem gesellschaftlichen Skandal gleich kam und Turing nur die Wahl zwischen Gefängnis und einer Hormontherapie lies, deren Nebenwirkungen ihn schlussendlich in den Selbstmord trieben.

Die Umstände die zu Turings Tod führten bilden dann auch die narrative Klammer des Films. Bei einem Polizeiverhör nach seiner Festnahme erzählt der Mathematiker von seiner Tätigkeit in „Bletchley Park". Dazwischen schneidet Tyldum immer wieder Szenen aus Turings Schulzeit, bei der sein offenkundiges mathematisches Ausnahmetalent, seine introvertierte Art und seine aufkeimenden homosexuellen Neigungen bereits früh zu Mobbing und Isolation führen.   
Durch die ineinander verwobenen Handlungsstränge entsteht einem Puzzle gleich nach und nach das faszinierende Portrait eines hoch begabten Außenseiters, der beruflich enorme Erfolge feiert, diese aber aufgrund seiner misanthropischen Art sowie strenger Geheimhaltungsauflagen nicht entsprechend gewürdigt sieht und zunehmend vereinsamt.

Darüber hinaus bzw. parallel dazu funktioniert „The Imitation Game" aber auch bestens als spannender historischer Thriller sowie gruppendynamisches Lehrstück. Die Arbeit einer Gruppe ausgesuchter Kryotographen, Linguisten und Codeknacker an der Entschlüsselung der ENIGMA ist geprägt von Rückschlägen, Irrwegen und Verzweiflung, was auch das Klima untereinander recht explosiv gestaltet. Insbesondere die Rivalität zwischen dem extrovertierten Lebemann und Schachgenie Hugh Alexander (Matthew Goode) und dem in vielerlei Hinsicht völlig gegensätzlichen Turing führt zu enormen Spannungen. Das sich für die Briten sehr ungünstig entwickelnde Kriegsgeschehen steigert den Druck ins Unermessliche, zumal der zuständige Offizier Alastair Denniston (Charles Dance) weder Turing als Mensch, noch dessen Theorie einer maschinellen Dekodierung schätzt. Ganz abgesehen von der Rekrutierung der Krytonalytikerin Joan Clarke (Keira Knightley endlich wieder einmal mit einer ansprechenden Leistung), die aber nicht nur für die Harmonie innerhalb der Gruppe federführend ist, sondern auch den entscheidenden Hinweis zum Durchbruch liefert.

„The Imitation Game" ist somit keine bloße One-Man-Show des allerdings wieder einmal großartigen Benedict Cumberbatch, sondern eine auf vielen Ebenen äußerst fruchtbare Teamarbeit und damit quasi ein Spiegelbild der filmischen Figurenkonstellation. Erzähltechnisch geschickt, darstellerisch durch die Bank hochklassig und dramaturgisch gekonnt auf Spannung getrimmt, bekommt der Zuschauer zwar kein innovatives, aber dennoch überaus versiertes Stück Biopic-Kino geboten, dass allerhöchsten Unterhaltungsansprüchen genügt. Ob das den diesjährigen Best Picture-Oscar wert ist, wird die Academy entscheiden. Für die Nominierung muss sie sich jedenfalls bestimmt nicht schämen.

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