Review

„Vampyros Lesbos“ gilt als einer der besten Franco-Filme und ist mit Sicherheit sein bekanntester. Überraschenderweise ist der Film allerdings äußerst durchwachsen.
Fangen wir bei der Story an: Sie orientiert sich sehr lose am Original-Dracula von Bram Stoker, schafft es aber, weder die Motive adäquat umzusetzen noch eigene Ideen vernünftig einzustreuen. Die Story baut keinerlei Spannungsbogen auf, noch ist sie logisch oder folgt einem roten Faden. Sie ist komplett konfus.
Auch der so berühmte psychedelische Soundtrack konnte mich leider nicht begeistern, vielmehr nervten die als Stilmittel häufig eingestreuten verfremdeten „Funksprüche“ ziemlich.
Dennoch hat der Film auch seine positiven Seiten. Angefangen von den beiden Hauptdarstellerinnen (Soledad Miranda und Eva Strömberg), die Franco gekonnt in Szene setzt. Es gibt viele äußerst ästhetische Momentaufnahmen der beiden, die von der malerischen Kulisse noch unterstrichen werden. Des Weiteren streut Franco immer wieder Aufnahmen von Skorpionen mit erhobenem Stachel ein, wenn die böse Gräfin Nina im Begriff ist, die Szene zu betreten. Dieser Mix verbunden mit dem Charme damals moderner 60er Mode und Einrichtung stimmen den Zuschauer wieder etwas versöhnlich.
Zwei Szenen bleiben nachhaltig in Erinnerung:
Einmal treibt Gräfin Nina nackt und auf dem Rücken im Pool, um sich der totalen Entspannung nach einem lebensverlängernden Vampirbiss zu erholen. Diese wunderschöne und ruhige Szene transportiert wunderbar das Gefühl der momentanen Befriedigung und die Lust am Leben des Vampirs Nina. Wirklich exzellent umgesetzt.
Auch erinnerungswürdig sind die beiden Nachtclubszenen. Nina führt dort abends eine psychedelische Tanzshow auf. Diese Aufführungen sind sehr kunstvoll und vermitteln neben einer Vorstellung der Kunstszene der damaligen Zeit auch ein gewisses erotisches Knistern.
Davon abgesehen bleibt der Film vieles schuldig, er wird leider nicht mal dem interessanten Titel in irgendeiner Form gerecht. Franco hätte sich mehr Zeit für die Entwicklung der lesbischen Liebe zwischen Miranda und Strömberg nehmen sollen, um dem Zuschauer die gegenseitige, immer stärker werdende Abhängigkeit voneinander deutlich zu machen.
Viele gute Ansätze werden verschenkt und sind nur durch eingehende Interpretation seitens des Betrachters irgendwie greifbar. Das ist sehr schade.
„Vampyros Lesbos“ ist ein sehr bildgewaltiger Film mit zwei sehr attraktiven Hauptdarstellerinnen, der jedoch sehr unter der völlig konfusen Handlung, lachhaften Nebencharakteren und der ziemlich gewöhnungsbedürftigen Musik zu leiden hat.
Sieht man den Film aber ohne Ton mit eigener Hintergrundmusik, so sieht man einen überaus ästhetischen Bilderbogen der 60er Jahre, von Franco unkonventionell und stylisch eingefangen.
Als Spielfilm 4/10
Als rein visuelles Kunstobjekt 8/10

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