Dies ist also der sagenumwobende Kultfilm, den Trash-Meister Jess Franco mit seiner damaligen Muse Soledad Miranda drehte. Seine Zusammenarbeit mit ihr dauerte leider nicht sehr lange, da die hübsche Spanierin bereits 1970 im Alter von nur 27 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. So konnten nur insgesamt-ich glaube-sieben Filme realisiert werden (den zehn Jahre zuvor gedrehten La Reina Del Tabarin nicht mitgerechnet).
Einen Film wie Vampyros Lesbos kann man eigentlich nicht beschreiben, man muss ihn wohl oder übel gesehen haben. Danach kann man sich eventuell ein Bild machen, ob es sich bei eben Gesehenem nun um Kunst handelt, ob dem Regisseur wirklich keine Mittel zur Verfügung standen, die Produzenten keine Lust mehr hatten, in diesen Film zu investieren oder ob uns der gute Jess einfach verarschen wollte. Obwohl ich nicht zu Letzterem tendiere, muss doch festgehalten werden, dass hier einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. So könnte man denken. Aber einen Franco-Film darf man halt nicht mit normalen Maßstäben messen. Er, der einst mit Orson Welles Falstaff drehte, hat sich nie im geringsten um normale massentaugliche Mainstreamware gekümmert. Warum sollte er es hier tun? Im Gegensatz zum überragenden Orson Welles, der Zeit seines Lebens ebenfalls immer wieder mit finanziellen Schwierigkeiten zurecht kommen musste, hat Franco seine Filme wenigstens beendet, was Welles in den wenigsten Fällen gelang. Kann man diesen Ehrgeiz oder vielleicht einfach Pragmatismus gegen ihn auslegen? So machte er halt aus der Not eine Tugend und drehte mit dem Material, das ihm zur Verfügung stand. Franco ist ein Filmverrückter, ein Liebhaber-er drückt sich aus, wie es der Großteil des Publikums nicht gewöhnt ist, auf einer anderen Ebene. Da ist es dann auch egal, ob die Tischlampen und Tapeten im Hintergrund einfach lächerlich wirken. Hier trifft völlig absurde Surrealität auf Kaufhaus-Ästhetik. Ein in der Tat seltsamer Charme, dem sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Dieses anscheinende Nichtzusammenpassen sollte Franco Anfang der 70er mit Werken wie Christina, Princesse De L' Érotisme und seinen anderen "Jungfrauen"-Filmen auf die Spitze treiben.
Die Geschichte ist sehr an die des Grafen Dracula angelehnt. Die junge Lucy (und nicht Jonathan Harker) wird willenlos von der fremden Schönen hypnotisch angezogen. Bald sind Realität und Traum nicht mehr auseinander zu halten.Beide Damen werden übrigens ganz gut verkörpert von Ewa Strömberg bzw. erwähnte Soledad Miranda. Leider kann sich ihre wunderbare erotische Ausstrahlung unter der Regie Francos nicht voll entfalten. Dafür fehlt hier-anders als noch im weitaus besseren Necronomicon-ganz einfach die passende Atmosphäre. Auch seine Stammleute sind nicht ganz auf der Höhe ihres Könnens. Der viel zu früh verstorbene und sichtlich gealterte britische Schauspieler Dennis Price-vielen bekannt aus Kind Hearts And Coronets (Adel Verpflichtet)-wollte hier wohl nur schnell seinen dringend benötigten Scheck einstecken und der ansonsten sehr gute Paul Müller (man schaue sich nur Eugenie De Sade an) ist einfach zu kurz im Bild; dafür zeigt uns Meister Franco selbst einmal mehr sein Können, was natürlich etwas augenzwinkernd gemeint ist.
Schaut euch diesen Film an und urteilt selbst. Man erlebt einen fiebrigen Rausch anscheinend wahllos miteinander verknüpfter Szenen mit einem wunderbar unterlegten Jazz-Soundtrack, der sich, ebenso wenig stringent wie der ganze Film, kongenial ins Gesamtbild einfügt.
Dieser Kultfilm ist eines der Werke im kaum zu überschauendem Schaffen des Jess Franco, mit dem er einen Übergang wagte von einigermaßen anspruchsvollen Versuchen bildlich dargestellter Kunst hin zu rein optischen Motiven, die einer logisch aufgebauten Handlung nicht mehr folgen müssen. Kurze Zeit später fiel es nicht mehr schwer, die Grenze zum Trash völlig zu überschreiten.
Ich habe zu diesem-objektiv und in Relation zum Medium Film gesehen-schwachen Film eine Menge geschrieben und interpretiert. Aber vielleicht ist gerade das alles Unsinn und Franco hat möglicherweise wirklich nur einfach draufgehalten und das gemacht, was er wollte! Nun...wenn dem so sein sollte, dann hülle ich mich lieber im Schweigen.
Rein objektiv
2,5 / 10 Punkte