„Es macht Spaß, nackt im Sand zu liegen – besonders zu zweit!“
Im Jahre 1971 konzentrierte sich der spanische Vielfilmer Jess Franco („Die Jungfrau und die Peitsche“) für seinen in spanisch-deutscher Koproduktion entstandenen Erotikfilm „Vampyros Lesbos“ auf den sexuellen Aspekt der klassischen Vampirgeschichte und konstruierte zusammen mit Co-Autor Jaime Chávarri die Handlung um seine damalige Muse Soledad Miranda („Sie tötete in Ekstase“) als lesbische Vampirin. Der Horroranteil spielte eine deutlich untergeordnete Rolle:
Die in Istanbul für eine Anwaltskanzlei arbeitende Linda Westinghouse (Ewa Strömberg, „Erotik auf der Schulbank“) wird auf eine anatolische Insel auf Dienstreise geschickt – sie soll sich um eine Erbschaftsangelegenheit der Gräfin Nadine Korody (Soledad Miranda) kümmern. Als sie sie auf der Insel antrifft, stellt sie zu ihrer Überraschung fest, dass Gräfin Korody der Dame aus den erotischen Träumen, die sie seit einiger Zeit heimsuchen, zum Verwechseln ähnlich sieht. Nadine Korody entpuppt sich als niemand Geringere als die Erbin des Grafen Dracula, und sie hat es auf Linda abgesehen...
„Meine Freundin ist die Herrscherin der Nacht!“
Franco vermengt als eine Art Intro nächtliche Bilder eines Hafens mit der liegenden Soledad Miranda, die immer wieder nach der Kameralinse greift. Diese Aufnahmen gehen über in eine ausgedehnte lesbische Erotiknummer, die Miranda mit einer blonden Partnerin in einem Nachtclub aufführt. Im Publikum: Linda und ihr Freund (Andrea Montchal, „Dr. M schlägt zu“). In der nächsten Einstellung liegt Linda bei ihrem Psychologen (Paul Muller, „Lady Frankenstein“) auf der Couch und berichtet von ihren erotischen Träumen – und dass sie deren Protagonistin bei eben jener Nachtclub-Darbietung erkannt habe. Der Psychologe zeichnet derweil Strichmännchen auf seinen Block und fällt ein schnelles Urteil: Linda solle sich einen besseren Liebhaber suchen. Bereits dieser Prolog glänzt mit knisternder, ästhetischer Erotik, stilsicher eingefangen von Francos Kamera.
„Die Herrscherin der Nacht nimmt dich von nun an auf ihre schwarzen Schwingen!“
In Anatolien angekommen, wird sie von einem seltsamen Hotelangestellen (Jess Franco höchstpersönlich) vor Toten gewarnt, kurz darauf erwischt sie ihn im Keller mit einer Leiche. Sie hört eine Stimme nach ihr rufen, findet ihre Ansprechpartnerin in Person Nadine Korodys und geht sofort mit ihr Nacktbaden. Die im Prolog bereits angedeutete Mystik findet hier ihre Entsprechung, längst wirkt die Handlung jeglicher Realität entrückt. Das Weltlich-Analytische, Logische, das bereits anhand des fragwürdigen Verhaltens des Psychologen seinen schweren Stand innerhalb dieses Films markierte, hat auf dieser Insel nichts zu suchen und entschwindet Linda in hoher Geschwindigkeit seit ihrer Ankunft, denn längst hat Nadine begonnen, sie in ihren Bann zu ziehen – was den zunehmenden Realitätsverlust und den Verlust des Urteilungsvermögens Nadines erklärt. Schließlich betäubt Nadine Linda und ihr Diener Morpho (José Martínez Blanco, „Der Hexentöter von Blackmoor“) bettet sie. Plötzlich hat Nadine Blut an den Lippen. Linda wird wieder wach und gibt sich dem Liebesspiel mit Nadine hin, das sich ganz langsam in einer sinnlichen Erotikszene zu Orgelklängen entfaltet – und Nadine beißt zu.
Immer wieder greift Franco zu symbolträchtigen Zwischenschnitten von lokaler Fauna und führt schließlich eine sich in ärztlicher Behandlung in Dr. Sewards (Dennis Price, „Frankensteins Schrecken“) Privatklinik befindende Agra (Heidrun Kussin, „Rat' mal, wer heut bei uns schläft...“) in die Handlung ein, die unter Anfällen leidet, offenbar eine Verflossene der Gräfin ist und fortan das Geschehen mehr oder weniger bissig kommentiert. Linda indes kommt in einem anderen Zimmer derselben Klinik wieder zu sich, nachdem sie bei Nadine in Ohnmacht gefallen war. Ihr Freund befindet sich mittlerweile auf der Suche nach ihr, Lindas Erinnerung ist ausgelöscht. Nadine berichtet derweil von ihrer Vampirwerdung nach ihrer Begegnung mit Graf Dracula und nimmt telepathisch Kontakt zu Linda auf. Sie ruft sie zu ihr, gemeinsam trinken sie Blut. Lindas Freund tappst mittlerweile wie paralysiert durch die Klinik, Dr. Seward entpuppt sich als Vampirjäger, Agra büchst aus und während Franco sich erneut die Zeit nimmt, Miranda eine ausgedehnte erotische Nachtclub-Aufführung darbieten zu lassen – mit vom Publikum unbemerkten tödlichem Ausgang für die Strip-Partnerin –, überschlagen sich die Ereignisse.
Wenngleich der Film nun an Dramatik und Tragik gewinnt und es Tote zu beklagen gibt, ist dies kein Grund für Franco, in Hektik zu verfallen. Seinem entspannten Erzähltempo bleibt er weitestgehend treu, die Handlung nebensächlich und gängige Genre- oder Spannungsfilm-Charakteristika besitzen für „Vampyros Lesbos“ ebenso wenig Gültigkeit wie viele Vampir-Klischees. So lebt hier niemand in einem nebligen, spinnennetzverhangenen Gothic-Schloss, verwandelt sich in eine Fledermaus oder zerfällt bei Tageslicht zu Staub (da hätte die Putzfrau viel zu tun gehabt, denn meist ist es taghell) und mit derberen Horroreinlagen wie Schauermasken oder blutigen Spezialeffekten hat dieser Film erst recht nichts zu tun. Vielmehr war Franco an der Erzeugung einer traumartig-surrealen Atmosphäre gelegen, von der eine einlullende Sogwirkung ausgeht. Wer dafür empfänglich ist, kommt in den Genuss eines entschleunigten Films, der den Zuschauer mit seine Darstellerinnen respektierenden, ihre Körper lustvoll umgarnenden Erotikszenen belohnt, für die Soledad Miranda wie geschaffen schien. Zudem blitzt auch außerhalb ihrer Nacktszenen ihr schauspielerisches Talent immer wieder auf, wogegen die männlichen Kollegen stark abfallen und fast wie Störfaktoren wirken – irgendwie auch passend in einer sich um lesbische Erfahrungen drehenden Handlung. Mit der Kamera arbeitet Franco recht kreativ, wählt ungewöhnliche Einstellungen und Perspektiven, filmt gern einmal schräg von unten, fängt das ausgefallene Interieur ein und betont auffallend die Farbe rot. Weitere Versuche der künstlerischen Durchästhetisierung äußern sich in Farbfiltern, Zooms, Kamerafahrten und bedeutungsschwanger langsamen Bewegungen der Schauspieler, was bisweilen jedoch etwas holprig wirkt. Gern aber hätte für meinen Geschmack zugunsten von mehr Blut und mehr Sex Franco auf den Versuch konsequent verzichten dürfen, gegen Ende doch noch verstärkt bekannte Vampirgeschichten-Muster zu bedienen. Die wechselhafte Beziehung zwischen den drei weiblichen Charakteren wäre dafür prädestiniert gewesen und auch ohne in den harten Horrorbereich vorzudringen, kann der rote Lebenssaft metapherhaft und ästhetisch eingesetzt werden. So wirkt „Vampyros Lesbos“ letztlich leider ein wenig inkohärent und sich in Zugeständnissen übend. Für den außergewöhnlichen Soundtrack mit seinen orientalischen, jazzigen und loungigen Klängen zeichnet übrigens Sigi Schwab verantwortlich, zur Musik eingestreut werden immer wieder wie Funksprüche in einer fremden Sprache klingende Samples.
Mit „Vampyros Lesbos“ ist Jess Franco ein über weite Strecken gerade wegen seiner Eigensinnig- und Eigenständigkeit überzeugender Erotikfilm mit Vampirthematik gelungen, der traumwandlerisch statt wachkomatös seine individuelle Ästhetik vor dem Zuschauer ausrollt, Soledad Miranda perfekt in Szene und ihr damit ein Denkmal setzt und möglicherweise den oder die eine(n) oder andere(n) vom über visuelle Reize kommenden Bauch- zum nachdenklichen Kopfkino über versteckte Sehnsüchte und Lüste sowie ihre gesellschaftliche Ächtung gerät. 6,5/10 Leichen im Keller für dieses aus Francos Œuvre positiv herausstechendes Beispiel für unkonventionelles, europäisches Low-Budget-Kino längst vergangener Zeiten!