Review

Puh, was für ein Film!
"Vampyros Lesbos" ist ein Film, der wirklich hochgradig eigentümlich ist. Gedreht 1970, als Jess Franco noch nicht zum Fließbandproduzenten von Exploitation Schund geworden war, drehte er diesen Film und liefert damit, den Beweis ab, das er es durchaus versteht auch handwerklich ordentliche Filme abzuliefern. Ob das nun hier aus reinen Zufall geschieht oder wirklich so beabsichtigt war, lasse ich lieber mal dahingestellt, aber ganz ohne Zweifel ist dies einer der optisch anspruchsvollsten Franco Filme.

Die Story gibt dabei nicht viel her und zieht sich auch dem entsprechend über die knapp 90 Minuten Laufzeit. Der Film spielt in Istanbul, wo die Angestellte einer Anwaltskanzlei einer geheimnisvollen Frau verfällt, die sich als letzte Geliebte Draculas herausstellt. Dazu gibt es noch einige kleine Nebenschauplätze, so etwa einen Professor der sich der Vampirforschung verschrieben hat, eine ehemalige Geliebte der Gräfin und deren Ehemann der etwas, nun ja, durchgeknallt ist. Diese Stränge laufen immer mal wieder zusammen und ergeben mit viel Wohlwollen eine mehr oder weniger gelungene Neuinterpretation von Bram Stokers Ur Dracula.

Da die Story also wenig hergibt hat man die Möglichkeit sich auf die Bilder zu konzentrieren die Jess Franco präsentiert und da muss man dann doch neidlos anerkennen, das man es hier mit teilweise wundervoll gewählten Symbolen und Szenen voller Bedeutung zu tun hat. Gefilmt wurde das alles zwar ersichtlich ohne großes Budget, aber aus dem wenigen das zur Verfügung stand wird das beste herausgeholt. Was dem Film sehr gut tut ist der Verzicht auf Special Effects und Blutorgien, die die Atmosphäre, die etwas sehr Traumhaftes hat, eindeutig zerstören würden. Es gibt zwar vereinzelt etwas Blut, das sieht aber grellrot und eher dickflüssig aus.

Wie der Titel und insbesondere der Name Jess Franco vermuten lassen, gibt es natürlich reichlich nackte Haut zu sehen, aber der Film bleibt doch trotz der unbedeckten Darstellerinnen sehr zahm und deutet vieles nur an. Mindestens so erstaunlich wie erfreulich ist die Tatsache, das Jess Franco zwei überaus attraktive Darstellerinnen für seine beiden Hauptrollen ausgewählt hat, was ja auch eher selten ist bei Franco. Ewa Strömberg als Mitarbeiterin der Anwaltskanzlei und Soledad Miranda als Vampirin sind eindeutige Hingucker.
Der Film verfügt ja über einen nicht zu verachtenden Kultstatus, den er sich insbesondere in den letzten Jahren erarbeitet hat. Im Rahmen des 70er Jahre Revivals und der Rückkehr von Easy Listing Musik kam insbesondere der Soundtrack zu neuen Ehren, stellt er doch so etwas wie die Reinkultur des funkig-belanglosen 70er Jahre Pops dar. Sicherlich einen ebenso großen Anteil zum neu erweckten Interesse am Film dürften die typischen 70er Dekorationen und Sets haben, die einen doch das ein oder andere Mal am Geschmack einer ganzen Generation zweifeln lässt. Der Film strahlt wirklich mit jeder Szene und jedem Bild typisches Seventies Feeling aus und wirkt in Kombination mit dem teils schon fast im Hamilton Stil gedrehten Weichzeichner Szenen und den teils recht eigentümlichen Überblendungen, dann auch schon durchaus etwas surreal.

"Vampyros Lesbos" ist sicherlich kein Meilenstein des Horror oder Erotikkinos aber nicht ganz zu unrecht hat ihn jemand in einem Review mal als "The Citizen Kane of European exploitation" betitelt. Denn irgendwie verbindet er alle Elemente die dieses Genre ausmachen zu einem optisch beeindruckenden Erlebnis, dass man zwar des Öfteren eher belächelt, aber nichts desto trotz auch heute noch begeistern kann. Wer allerdings Gewalt und Sex erwartet dürfte enttäuscht werden. Es gibt zwar einiges an Kritikpunkten, so etwa die schon angesprochenen Schwächen der Story, oder auch die Leistungen der Darsteller und der Film spielt keinesfalls in einer Liga mit den thematisch verwandten "Vampyres" und "Blut an den Lippen", aber er ist doch ein Film den man zumindest einmal gesehen haben sollte. Und sei es nur um mit eigenen Augen zu sehen, zu was Jess Franco in der Lage ist, bzw. wenn man sieht was er danach gedreht hat, wozu er in der Lage war. 6 von 10 Punkten.

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