Review
von Leimbacher-Mario
Ein Stalker allein zu Hause
Egal wie groß Netflix (oder Streaming allgemein) so langsam wird, sogar mit etwas Verspätung (wie mit allem) in Deutschland - manch eine exklusive Produktion kam trotzdem ganz schön unter die Räder oder brauchte lange, um sich eine spürbare Mundpropaganda aufzubauen. So kam der Netflix-Exclusive "Creep" von 2014, erst jetzt bei mir an - obwohl ich Horrorfan bin & viele Newsseiten rund ums Genre regelmäßig besuche, stich mir die kleine Indieproduktion nie positiv ins Auge. Doch nachdem ich von "Hush" neulich so begeistert war, kam ich über Umwege auf "Creep", einem extrem gering budgetierten "Grusler" im Found Footage-Stil, bei dem die Anführungszeichen leider gesetzt werden müssen. Einerseits ist er sympathisch & unübersehbar von Horrorfans gemacht, mit einem Gänsehaut-Finale & einigen atmosphärischen Einstellungen... doch im Ganzen gesehen, sind die 76 Minuten verlorene Zeit & kein gutes Beispiel, für einen gelungenen Vertreter des Subgenres mit dem schlechtesten Ruf.
Es ist ein Zwei-Personen-Stück: ein Mann lernt einen anderen auf Craigslist kennen, der ihn darum bittet, eine kleine Doku über ihn zu drehen, für sein ungeborenes Kind, da er Krebs hätte & nicht mehr lang zu leben. Doch nach ein paar seltsamen, aber noch nicht wirklich beunruhigenden Tagen, merkt man, dass dieser "Creep" gefährlicher sein könnte, als man sich je ausmalen hätte können. Die klassische Stalker-Story, nur diesmal mit überraschend homoerotischen Untertönen, erschreckend simpel-realistisch & etwas schwarzem Humor. Klingt ganz gut & einige unbeantwortete Fragen plus ein offenes Wow-Ende schwören den Wunsch auf eine Fortsetzung herauf - doch wenn ich die ersten zwei Drittel mit in die Bewertung einschließe, vergeht mir die Lust. Das Finale ist groß & Scriptschreiber/Creep in Personalunion, Mark Duplass, ist charismatisch crazy. Doch die simple Prämisse plus 45 Minuten Leerlauf nerven. Nicht das ich zu ungeduldig wäre oder Charakterbuilding nicht schätze, doch mit einer strangen Männerfreundschaft & unlustigen Jumpscares, kriegt man mich nicht. Zu easy, zu ärmlich, zu abwechslungsarm. Trotzdem würde ich die Jungs gerne weiter im Genre sehen, und, wenn es nicht anders geht, dann mit einer ideenreicheren, teureren & vor allem spannenderen "Creep"-Fortsetzung. Lieber aber mit etwas Neuem.
Fazit: extrem zähe Angelegenheit, deren gelungenes letztes Drittel zu spät kommt, um den Indie-Horror noch zu retten. Keine Fortsetzung(en) benötigt von meiner Seite aus. Daumen eher runter.