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Im Juni 1945 wird die Ausschwitz-Überlebende Nelly (Nina Hoss) mit zerschlagenem Gesicht von ihrer Freundin Lene (Nina Kunzendorf), einer Mitarbeiterin der Jewish Agency, zurück ins zerstörte Berlin gebracht. Nach einer Gesichts-OP und einem langen Genesungsprozess macht sie sich auf die Suche nach ihrem Mann (Ronald Zehrfeld). Sie trifft ihn im amerikanischen Club Phoenix…

Der Schrecken des 2. Weltkriegs und die schauerlichen Gräueltaten der Nazis sind in Deutschland immer wieder auch im Kino thematisiert worden. Christian Petzolds („Die Innere Sicherheit“ 2000, „Barbara“ 2012) Drama „Phoenix“ dient in diesem Sinne nicht der Vergangenheitsbewältigung, sondern nutzt den Nachkriegshintergrund zu einem eindringlichen Studie über menschliches Verhalten in Sachen Schuld, Verdrängung und Habgier. Denn Nelly schöpft ihren Überlebenswillen im Vernichtungslager aus dem Wunsch ihren Mann einmal wiederzusehen, nicht ahnend, dass er sie unter Druck den Nazis ausgeliefert hat. Nach dem Krieg glaubt er an ihren Tod und erkennt sie nicht, sieht aber die Ähnlichkeit zu seiner Exfrau und will sie als zurückgekehrte Nelly ausgeben um an ihr von den ermordeten Familienmitgliedern geerbtes, großes Vermögen zu kommen. Die physisch, wie psychisch schwer Lädierte lässt sich auf den Deal ein in der Hoffnung, die Liebe müsse siegen und er werde sie schon früh genug erkennen. Diese Grundkonstellation kann letztlich nur bedingt überzeugen, weil ein Mann seine Ehefrau auch an Gesten, Handschrift und Gewohnheiten, spätestens aber beim innigen Kuss erkennen müsste. Unabhängig davon hat Petzold seine Mischung aus Kammerspiel und Film Noir gekonnt in Szene gesetzt, und wenn eine Hausruine ein offensichtlicher Studionachbau ist, symbolisiert es doch einfach nur die seelische Zerstörung der Überlebenden. Ronald Zehrfeld („Zwischen Welten“ 2014) überzeugt als Möchtegern-Kriegsgewinnler, noch besser ist Nina Kunzendorf („Bis nichts mehr bleibt“ 2010), wo der kühle Blick die inneren Qualen überdeckt („Ich fühle mich den Toten näher als den Überlebenden“). Alle überragt aber eine Nina Hoss, die hier ihre großartige Darstellung in den vorangegangenen Rollen („Barbara“, „Gold“, „A Most Wanted Man“) noch übertrifft, als vielfach gebrochene Frau zu Tränen rührt und im Finale Größe beweist. (8/10)

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