Welche Vorbehalte man auch immer gegen Veit Harlan wegen seiner heutigen "Vorbehaltsfilme" hat, sein Historiengemälde "Der große König" kommt - besonders im Vergleich mit Johannes Meyers "Fridericus - Der alte Fritz" (1937)", ebenfalls mit Otto Gebühr in der Titelrolle - mit unerwarteter dramatischer Wucht, verhältnismäßig realistischen, grausamen Kriegsdarstellungen und einer bemerkenswerten Ausgewogenheit der vertretenen Positionen daher. Ganz deutlich klingt im Film immer wieder die damalige Lage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg durch. Während sich das Kriegsgeschehen damals gegen das deutsche Reich wandte, befindet sich auch Preußen gegen Beginn des Films am Abgrund. Friedrich II., hier radikaler und zorniger als im gemütlicheren Vorgängerfilm, ist zu Beginn des Films weniger über die Niederlage von Kunersdorf (1759) an sich empört als vielmehr über den (in seinen Augen) schändlichen Rückzug des Regiments Bernburg.
Dieses hätte sich nicht zur Hälfte retten sollen, wie es sein Befehlshaber (Franz Schafheitlin), der später demonstrativ Selbstmord begeht, beschlossen hat, sondern nach Meinung des Königs noch als Wall aus toten "Preußenleibern" das Kampfgeschick positiv beeinflussen können. Reden wie diese mag man heute vorschnell als menschenverachtende Propagandaelemente hinstellen. Aber man kann Harlan, der den Film nicht nur inszenierte, sondern auch schrieb, nicht vorhalten, er hätte hier die Meinung des Königs als einzig richtige vermittelt. Der Hauptmann des Regiments wirkt keineswegs als Feigling, er wollte das sinnlose Abschlachten der Soldaten verhindern. Zumal die überlebenden Soldaten später noch eine wichtige Rolle spielen, wird ihm bis zu einem gewissen Punkt recht gegeben. Hinzu kommt, dass eine Identifikationsfigur des Films, Feldwebel Treskow (Gustav Fröhlich), nicht nur einem Befehl entgegenhandelt, sondern auch noch mit Desertion liebäugelt. Nachdem der König erfahren hat, dass Treskow durch seine eigenmächtige Entscheidung einen Teil des preußischen Heeres vor einem Überraschungsangriff gerettet hat, lässt er ihn zwar öffentlichkeitswirksam bestrafen, beschließt aber eine spätere Beförderung und sagt, dass er es schätze, wenn seine Soldaten eigenständige Entscheidungen treffen (!!).
In diesem Kontext ist es natürlich traurig, wenn man so was lesen muss (aus einer der 2 derzeit vorhandenen IMDB-Rezensionen): "Gustav Fröhlich [...] gives a splendidly earnest performance here as Sergeant Treskow, who violates orders to give a crucial command to his men ... with disastrous results. The propaganda message here is that good Germans shouldn't take the initiative and think for themselves: instead, they should follow the orders of their wise leaders who know what's best for them." Das ist (absichtlich?) komplett falsch verstanden und mit einer natürlich ebenso falschen Schlussfolgerung versehen, da das Ergebnis der Entscheidung Treskows eben nicht desaströs ist, ganz im Gegenteil, und demzufolge auch die Unterstellung der Propagandaaussage zugunsten des blinden Gehorsams an dieser Stelle Unsinn ist.
Man geht vielleicht etwas zu weit, wenn man "Der große König" einen Antikriegsfilm nennt, aber Veit Harlan geht so weit in diese Richtung, wie es 1942 nur irgend denkbar war. Statt Glanz und Gloria auf dem Schlachtfeld bekommen wir massenweise umfallende, blutende, sich im Dreck und in Schmerzen windende Soldaten zu sehen. In Kunersdorf brennen die meisten Häuser ab und es liegen tote Dorfbewohner am Boden. Inkognito in dem einzig verbliebenen intakten Haus untergebracht, muss sich der König eine Wutrede von Luise (Kristina Söderbaum) anhören, der späteren Frau Treskows, deren Familie ihre Existenzgrundlage verloren hat.
Nicht nur an dieser Stelle wird die völlig zutreffende Einschätzung vorgebracht, dass Krieg ein Spiel der Mächtigen ist, dessen Preis die Zivilbevölkerung zu zahlen hat. Ein paar Stadthonoratioren, die eine diesbezügliche Beschwerde beim Königshof vorbringen, müssen sich anhören, ein wenig zu murren sei ja in Ordnung, aber am bevorstehenden Sieg der Preußen zu zweifeln sei Hochverrat. Letztere Aussage entspricht zwar nationalsozialistischer Kriegspropaganda, wirkt allerdings an dieser Stelle, nüchtern betrachtet, kaum plausibel, denn in der dargestellten historischen Situation war ein Sieg Preußens eher unwahrscheinlich und nur aufgrund verschiedener günstiger Umstände kam es nicht zu einem finalen Vorstoß der Russen und Österreicher. Zu diesen günstigen Umständen gehört auch die Zuwendung des neuen russischen Zaren Peter III., der Friedrich II. ein Kontingent Soldaten zur Verfügung stellte. Die Russen werden hier vor allem durch Paul Wegener, bekannt durch den "Golem", als General Tschernitschew verkörpert - doch eher eine typische Propagandavorstellung. Hinterhältig und mit falschem Grinsen versucht der General den Preußenkönig für sich einzunehmen, und das Haus Habsburg schickt mit dem schmierigen Alfons (Kurt Meisel) sogar einen Giftmörder. Die Darstellung der politischen Feinde Friedrichs ist also weniger ausgewogen als diejenige der Kriegsskeptiker im Lande Preußen.
Die entscheidende Frage ist letztlich, ob der Sieg Preußens die Aussagen Friedrichs in seinen Zornreden bestätigt, ob er die Schlussfolgerung transportieren soll, dass der Glaube an den Sieg diesen trotz aller militärischen und zivilen Opfer erzwingen kann. Für die NS-Führung war das vermutlich die Aussage des Films, aber als heutiger pazifistischer Zuschauer kann man auch aus verschiedenen Stellen seine entgegengesetzte Haltung im Film bestätigt sehen. Denn der König beschließt seine militärischen Erfolge als tragische Figur, er lässt eine leere Kutsche beim Triumphzug vorfahren und zieht sich stattdessen einsam in eine Kirche zurück, unter anderem da sein erhoffter Thronfolger (gespielt von dem 1944 gefallenen Klaus Detlef Sierck, dessen Vater später in Hollywood als Douglas Sirk bekannt wurde) an einer Krankheit gestorben ist, ohne dass er ihn noch einmal sehen konnte. Außerdem scheint ihn die Verantwortung für den Tod vieler Soldaten zu verfolgen. Möglicherweise ist diese Interpretation auch durch eine pazifistische Sichtweise bedingt, aber Harlans Erzählung der Ereignisse vermeidet es auffälligerweise, die Kriegsskeptiker Preußens demonstrativ ins Unrecht zu setzen - er lässt den Film disharmonisch enden, das feiernde Preußen bildet keine Einheit, sondern der König wird aus dem Bild genommen. Sind es nur die vielen Toten, die ihm das Feiern verbieten, oder auch die Einsicht, dass der Sieg nicht so gewiss war, wie er es nicht nur seinem als Schwächling herabgewürdigten Bruder, sondern auch eventuell sich selbst immer einreden wollte?
Filmhandwerklich gesehen kann "Der große König" anders als der im Vergleich recht behäbig wirkende "Fridericus" auch heute noch überzeugen. Die Schlachtszenen verfehlen ihre beklemmende Wirkung nicht, nicht zuletzt dank einiger für damalige Verhältnisse drastischer Bilder und der großartigen Kameraführung von Bruno Mondi. Harlan schafft durch übereinandergelegte Aufnahmen, unter anderem in einer bedrohlichen Traumszene des Königs, und Schattenspiele auch starke Stimmungsbilder, die eher an den Expressionismus der Stummfilmzeit erinnern als an die Standards des kostümierten Historienfilms der damaligen Zeit. Dass die Darsteller hochklassig sind, braucht angesichts der großen Namen in der Besetzung kaum noch erwähnt zu werden. Ob Kristina Söderbaums Figur essentiell für die zentralen Themen des Films ist oder ob Harlan seine Stammdarstellerin und Ehefrau hier einfach unterbringen musste, ist schwer zu beantworten. Von den noch nicht genannten Darstellern möchte ich besonders Otto Wernicke hervorheben, vor allem bekannt durch seine Rolle des Kommissar Lohmann in "M" und "Das Testament des Dr. Mabuse" von Fritz Lang, der auch hier einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
"Der große König": Ein beeindruckender Film, an den es sich offen heranzugehen lohnt und den nicht der Triumph, sondern die Tragik des Feldherrn Friedrich II. von Preußen beschäftigt.