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An den Filmen von Veit Harlan ist schon immer viel herumgepfuscht worden. Die ursprünglichen Fassungen sind kaum jemanden bekannt. Sowohl das NS Goebbels-Ministerium als auch später die Freiwillige Selbstkontrolle setzten immer wieder Kürzungen durch. Auch mussten im Dritten Reich immer wieder Szenen in veränderter Form nachgedreht werden bis sie dem NS-Regime genehm waren.

Mit dem Seuchendrama "Verwehte Spuren" wollte Harlan offensichtlich den Anschluss an die Suspense-Thriller von Alfred Hitchcock schaffen. Der Versuch ging schief, war aber kommerziell erfolgreich.

"Verwehte Spuren" weist eine sehr einfache inhaltliche Gliederung auf:

Der Film beginnt einer ausführlichen, wenn auch frei erfundenen Darstellung der Pariser Expo-Festumzüge des Jahres 1867, während der die beiden kanadischen Gäste Madeleine und Seraphine Lawrence ins Blickfeld des notorischen Charmeurs Dr. Morot geraten. Morot begleitet das Pärchen bei seiner frustrierenden Hotelsuche und kann Seraphine Lawrence auch gleich ein separates Zimmer getrennt von ihrer Mutter besorgen. Die deutet immer wieder ein fiebriges Unwohlsein an, was Dr. Morot aber nicht sonderlich zu alarmieren scheint, hat er doch nur Augen für Seraphine. Während die Zwei sich im Pariser Nachtleben vergnügen, verfällt Mutter Lawrence in der ihr zugewiesenen Dachkammer in einen Fieberschub und deliriert vor sich hin. Hier fällt es dem Zuschauer schwer, die Krankheitssymptome eindeutig einzuordnen. Die meisten würden hier wohl auf eine harmlose Grippe tippen. Kurz darauf konfrontiert Harlan den Zuschauer schon mit den besorgten Minen im Polizeipräsidium. Die Herrschaften ängstigen sich offensichtlich eher vor dem Ausbruch einer Massenpanik als vor einer Massenepidemie. Seraphine beginnt mit der verzweifelten Suche nach ihrer Mutter und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Sie verbündet sich mit einem Sensationsreporter und macht Bekanntschaft mit einer rigoros betriebenen Pressezensur.

Harlan punktet in erster Linie mit klug inszenierten Massenszenen und der Zurschaustellung weiblicher Reize bei den Festumzügen. Ein Gruselfaktor will sich nicht so recht einstellen. Zu hölzern die berlinernden und sächselnden Schauspieler und zu geradlinig der Handlungsverlauf, der kaum Überraschungen zu bieten hat. Einzig Kristina Söderbaum vermag durch ihr natürliches Spiel so etwas wie emotionale Anteilnahme hervorzurufen. Es ist die aufrichtige Verzweiflung einer lebensunerfahrenen Kindfrau, die nach ihrer geliebten Mutter sucht.

Hat dieser Film auch nach 70 Jahren noch eine tragfähige Botschaft für uns? Etwa: Verschwinden Leute plötzlich aus Deiner näheren Umgebung, sorge Dich nicht, es könnte eine tödliche Seuche gewesen sein...? Oder: Suchet und ihr werdet die Wahrheit schon finden...?

In Verbindung mit der Reichskristallnacht mag "Verwehte Spuren" auf den Verstand des Publikums wie Methadon gewirkt haben.

Interessant ist, dass ein Verleih in den USA 1939 nach Kriegsausbruch noch lebhaftes Interesse an diesem Film zeigte und ihn auch dort in die Kinos brachte. Und das zu einer Zeit, als die deutschen Filmexporte nach Nordamerika schon tief in den Keller gegangen waren.

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