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Mit „Tiefland“ drehte Leni Riefenstahl eine in Anbetracht der schwierigen und sich lange hinziehenden Produktion des Films erstaunlich homogene und in sich geschlossene Vision des Konfliktes zwischen Stadt und Land, aristokratischem Potentaten und unterdrücktem Volk, Macht und Liebe. In deren Mittelpunkt: Riefenstahl selbst in der Rolle der Martha, in der sie zu ihren künstlerischen Ursprüngen als Tänzerin zurückkehrt, die ihr filmisches Schaffen bis dahin kontinuierlich beeinflussten. Vorlage war die gleichnamige Oper von Eugen d’Albert nach einer Vorlage von Rudolf Lothar, die an die italienische Bewegung des „Verismo“ anknüpfte, eine zunehmende Konzentration der ernsten Oper auf Alltagsfiguren der niederen Bevölkerungsschichten und ihre oft drastisch dargestellten Konflikte. Das Libretto wiederum geht auf das Drama „Terra baixa“ des katalanischen Dichters Angel Guimerá zurück.

In expressiver Bildsprache treten Berge und Wolken als selten idyllisch, meist eher drohend wirkende Verkörperungen ewiger Naturgewalten hervor. Schon der anfängliche Zweikampf des Hirten Pedro mit einem Wolf ist mit seinen schonungslosen Nahaufnahmen ein handwerkliches Meisterstück in sich. Bewusst wird hier ein Duell gezeigt, wie es schon seit Jahrtausenden immer wieder stattgefunden haben dürfte. Wenn Pedro den Wolf mit einem Steinwurf anlockt, sich vor dem Kampf seinen Arm finster mit Stofffetzen bandagiert und seinen Gegner erwartet, könnten dies nahezu Bilder aus prähistorischer Vergangenheit sein.

Zeitlosigkeit ist eines der großen Stichworte im ästhetischen Konzept dieses Films. Ein anderes ist Intensität. In ungeschönten Bildern sehen wir, wie der Wolf zubeißt und Pedros Arm eine blutige Wunde zufügt, bevor der Kampf für einen der beiden Gegner ein tödliches Ende nimmt. Nicht nur in dieser hochdramatischen Szene wirkt der Film in visueller Hinsicht zukunftweisend. Die Kamerabewegung auf eine Person hin zur Verbildlichung emotionaler Erregung, die Riefenstahl in einer Szene anwendet, wirkt hier noch völlig unverbraucht und überrascht in einem Film der 40er Jahre, während dieser Kunstgriff Jahrzehnte später geradezu inflationären Gebrauch fand und zum Standard wurde. Auch dass eine Figur in einem kurz gezeigten Traumbild die Identität einer anderen anzunehmen scheint, ist ein aufregender Einfall, der an den Ideenreichtum von Fritz Langs Filmen der 20er Jahre erinnert.

Mit dem an die Szene des Wolfskampfs anknüpfenden Schluss des Films endet ein erzählerischer Kreislauf, in dem Riefenstahl durch diese Parallelenhaftigkeit den übergreifenden, allgemeingültigen Gehalt seiner Motive hervorhebt. Bernhard Minetti verkörpert den selbstsüchtigen Landbesitzer Don Sebastiano, der seine Bauern um so despotischer behandelt, je schwieriger seine eigene wirtschaftliche Lage wird. Die von ihm betriebene Stierzucht steht sinnbildlich für ebenso teuren wie sinnlosen, Männlichkeit betonenden Prunk. Ein Thema, das heute, im Zeitalter medial glorifizierter Ressourcenvernichtungen wie „Formel I“ und ähnlicher Verschwendungsorgien sehr aktuell ist. Dabei ist „Tiefland“ jedoch nicht so banal, hier Schwarzweißmalerei zu betreiben, sondern hebt die Ausweglosigkeit hervor, die die Situation des Landbesitzers kennzeichnet. Die wirtschaftlich völlig aussichtslose Zucht der Stiere repräsentiert ihn selbst, insbesondere seine Männlichkeit. Ihre Aufgabe wäre die Aufgabe seiner Persönlichkeit und seiner Autorität. Daher presst er den Bauern nicht nur einen erheblichen Pachtzins, sondern auch noch das für die Feldarbeit dringend benötigte Wasser eines Baches ab. Die Tänzerin Martha scheint zunächst eine neue Lebensperspektive zu bieten, dann versucht er sie auf intrigante Weise in sein Herrschaftssystem einzugliedern – unbewusst stellt er sich damit selbst aber eine Falle.

Bernhard Minetti spielt den verdüsterten Sebastiano mit ans Manische grenzendem Charisma, als Gegengewicht dazu gibt Aribert Wäscher mit starrer Miene einen kalt abwägenden Ökonomen. Leni Riefenstahl selbst verkörpert, obwohl ihr damaliges Alter das der Filmfigur Martha wohl nicht geringfügig übersteigt, ihre Rolle ebenfalls glaubwürdig. Franz Eichberger verleiht seinem Hirten Pedro die gebührende Naivität und Begeisterung, die von dessen älterem Mentor als kennzeichnend für das Hochland gegenüber der Falschheit des Tieflandes angegeben wird. Mitunter gestaltet sich die nachträglich angefertigte Vertonung der Dialogszenen etwas schwerfällig. Ihr verzögertes Entstehen war den schwierigen Produktionsumständen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs geschuldet, durch den das Filmmaterial nach Kriegsende erst einmal längere Zeit in alliierter Beschlagnahme verblieben war. Die Musik aus d’Alberts Oper, vom Filmkomponisten Herbert Windt bearbeitet und ergänzt, erweist sich als wichtiges intensivierendes Element.

Von den meisten Filmproduktionen der frühen 40er Jahre hebt sich Tiefland ab durch seine Intensität und Dichte der Stimmungen und seine expressiven, an die Stummfilmzeit gemahnenden Bilder vor allem der Bergwelt, der viele Filme von oder mit Riefenstahl verpflichtet gewesen waren. Bei den meisten Diskussionen über den Film im Laufe der Nachkriegszeit stand nicht das Werk an sich, sondern Fragen über das Verhalten Riefenstahls gegenüber Statisten, die aus Konzentrationslagern geholt worden waren, und ihr Wissen über deren noch bevorstehendes Schicksal im Mittelpunkt. Ohne diese entstehungsgeschichtlichen Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen oder zu verharmlosen, kann man dem Film jedoch aufgrund seiner ästhetisch zeitlosen und bildsprachlich kraftvollen Gestaltung Respekt bezeugen.

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