Review

Der Affenkönig des Großstadtdschungels - Was für eine (eigentlich kurze) Karriere 

Ich stelle mir gerade die Frage, wie es sein muss, eine über 30-jährige Karriere mit dem Höhepunkt zu beginnen, um dann kontinuierlich alles den Berg runterrauschen zu sehen. Vielleicht würde man sich schämen oder an Selbstzweifeln zugrunde gehen, um dann Feierabend zu machen oder das Ruder unter Aufbietung aller vorhandenen Kräfte doch noch mal herumzureißen. Oder man würde verschrobene Positionen einnehmen und sich mit Mayonnaise und einem Laster voller KFC-Fraß bewaffnet bei faschistischen Autokraten einmieten. Wir sehen: Seagal ist kein Mann der Selbstzweifel und wählte ganz folgerichtig Tor 2. Und jetzt gibt es jeden Morgen ein Wettwiegen mit Gerard Depardieu.  


Unter der goldenen ersten Phase in Steven Seagals Karriere, die aus „Nico" (Above the Law, 1988), „Zum Töten freigegeben" (Marked For Death, 1990), „Hard to Kill" (1990) und eben „Deadly Revenge - Das Brooklyn-Massaker" (Out For Justice, 1991) besteht, war bereits alles viermal gesagt worden, was Seagal zu sagen hatte. Und dem hatte er dann auch nur noch selbstherrliche Ökobotschaften („Auf brennendem Eis" aka „On Deadly Ground", 1994) hinzuzufügen, denen er wohl bei näherer Betrachtung niemals selbst gerecht werden würde. In die Kerbe dazwischen quetschte sich sein größter Erfolg „Alarmstufe: Rot" (Under Siege, 1992). 
Nebenbei verstehe ich gerade angesichts der Titel und den Übersetzungen derselben, warum ich die lediglich vier Filme aus der ersten Phase Seagals nie auseinanderhalten konnte. 
Ich trennte die Filme bisher so: Der mit Pam Grier, der mit dem wahnsinnigen Forsythe, der mit den Jamaikanern, der mit dem Vollbart. Dann gab es noch den mit Sharon Stone. Das ist aber auch der mit Pam Grier, wie ich kürzlich erst feststellte. Legte ich einen Film ein, geschah es dann oft, dass ich feststellte, es ist der Vollbart, nicht die Jamaikaner. Oder so ähnlich.

Alles, was dann kam, war irgendwie nur noch vermurkste Genrevariation („Glimmer Man" 1996) oder einfach Action-Trash, mal unterhaltsam („Submerged", 2005), mal unerträglich (der ganze Rest). Unter allen Filmen, die ich über die Jahrzehnte vom sich immer noch im Wachstum befindenden Tausendsassa gesehen habe, mögen „Alarmstufe: Rot" und „Exit Wounds" (2001) die rundesten und unterhaltsamsten sein. Der coolste Film ist für mich aber „Out for Justice", der irreführender Weise in Deutschland in „Deadly Revenge" umbenannt wurde.   


Seagal - Ein Mann der Straße 

„Out for Justice" befreit sich von vornherein vom Ballast einer Wendungsreichen Geschichte und konzentriert sich auf die Vergrößerung eines kleinen Ausschnitts des dargestellten Milieus. Wir beobachten unter dem Brennglas Seagal als italo-amerikanischen Cop Gino Felino, der in seiner Hood alles und jeden kennt, mit den lokalen Mafiosi zur Schule ging und praktisch mit dem Asphalt der Straßen, auf denen er groß wurde, verschmilzt. Brooklyn ist ein Dorf oder Goldfischglas und in dieses Glas kommt als größte Stärke des Films Antagonist William Forsythe als Richie Madano, der vollkommen von Sinnen alles umbringt, was ihm und seinem Pudel-Rudel in die Quere kommt. Forsythe liefert hier eine wunderbare Vorstellung als cracksüchtiger Soziopath ab, ohne den der Film niemals so gut funktionieren würde. Und zwangsweise werden sich die Wege der beiden kreuzen. Hier setzt der Film sein einziges Ziel und das ist allemal erfrischend, denn nun kann sich der Film allein darauf konzentrieren und alle weiteren menschlichen Belange stehen hinter dieser Konfrontation zurück.  

Der Rhythmus des Films ist durch den kurzen erzählten Zeitraum dicht, die Figuren wunderbar zweidimensional (oben und unten) und niemand wird zu irgendeiner Zeit überfordert. Die Action ist dabei roh und dreckig und Seagal kann mit seinem tiefen Schwerpunkt (Bleihüften?) hier noch körperlich überzeugen. Unerwartet hat er hier zudem noch volleres Haar als drei Jahre zuvor in „Nico", was allein seiner Willensstärke zuzurechnen sein dürfte („Wachst"!) und als sei das nicht schon beeindruckend genug, krönt er sich in zwei Szenen mit einem Barett zum besten Che-Guevara-Imitator seit Fidel Castro. Mit diesem Outfit hätte er auch ohne Vorsprechen bei DJ Bobos Tanztruppe mitmischen können. Man muss es selbst einmal gesehen haben.

Was den Film für mich unterhaltsamer macht als die ebenfalls brauchbaren Vehikel aus der Frühphase, ist der Drive, den Regisseur Flynn Seagal hier unterschiebt. Als Gino mit dem Auto zu einem Tatort kommt, von einer Prostituierten angemacht wird und aus dem Auto heraus Kollegen zulacht und die Situation kommentiert, verleiht dies der Rolle mehr Tiefe als alle anderen Rollen Seagals zusammen jemals hatten. Ob dies auch in der deutschen Version funktioniert, weiß ich nicht zu beurteilen, aber die Originalversion bringt diese vollkommen entrückten Figuren zweitweise auf einen unerwartet lebendigen Kurs, wodurch eine atmosphärische Dichte erzeugt wird, die auch die Zeit zwischen den Kloppereien oder Schießereien ordentlich aufrüscht. Bitte nicht falsch verstehen: Als Vater strahlt Seagal in der Rolle dem Kinderdarsteller gegenüber dennoch sehr viel „Wie heißt du nochmal?" aus und letztlich muss dann ein Hundewelpe herhalten, um seiner Figur auf fadenscheinige Art etwas Emotionalität angedeihen zu lassen. Diese Facette erweist sich jedoch als rudimentäres Anhängsel, denn hauptsächlich erleben wir Seagal als unantastbaren Backpfeifenverteiler. Und wenn gerade scheinbar gar nichts geht, dann kommen merkwürdige Geschichten aus Gino Felinos Kindheit oder Seagals Versuch, Italienisch zu sprechen. Der Film liefert.   


Fazit 

Die Set Pieces sind durchgehend ansehnlich in Szene gesetzt und nichts wirkt, als habe das Geld nicht gereicht, wie es ab Ende der Neunziger ja permanent der Fall sein sollte. Hier fließt alles ineinander und „Out For Justice" ist ein ebenso dichtes wie schlichtes Filmvergnügen, dessen faschistoide Botschaften man nie ernst nehmen sollte. Jedoch wird die Selbstherrlichkeit des Hauptdarstellers hier angenehm umgelenkt und mit William Forsythe hat man die geheime Zutat, die den Film wirken lässt, als würde man zwei Zügen über 90 Minuten dabei zusehen, wie sie stoisch aufeinander zufahren. Dass der hier sehr quallenförmige Forsythe Gottes persönlicher Handkante wenig entgegenzusetzen hat, mag am Ende dann logisch erscheinen, führt aber auch zu einem Endkampf, der doch vielleicht etwas lau daherkommt. Und: Das hier ist der beste Soundtrack, den ein Seagal je hatte. Hätte er hier jetzt noch Horatio Fellatio statt Gino Felino geheißen, wäre eine Topbewertung  dringewesen. So reicht es aber locker für 8 beinharte Punkte. 

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