Review

Mit dem vielen Billigfraß hat man sich als alter Filmhase schon so oft den Magen verdorben, daß man geradezu verblüfft reagiert, wenn dann jemand mit kleinem bis nicht vorhandenem Budget doch etwas Genießbares bzw. Bewundernswertes erschafft, ganz einfach weil er einigermaßen wußte, was er wollte - und wie man es auf Sparflamme umsetzt.

Zu diesen Gemmen gehört meiner Meinung nach inzwischen aus "Messias des Bösen", ein kleiner 15.000 Dollar teurer Film mit wie so oft tragischer Produktionsgeschichte. Gedreht von 1970 bis 1971, ging den noch unerfahrenen Machern Willard Huyck und Gloria Katz (Ehepaar!) mitten in der Produktion das Geld aus, dann konnten entscheidende Szenen nicht mehr so gedreht werden wie geplant und schließlich wurde der Film von den Produzenten praktisch umgearbeitet, neu geschnitten und mit einer neuen Musik versehen (die übrigens trotzdem verdammt gut geworden ist). Erst 1973 kam der Film in ein paar Kinos und kassierte prompt vernichtende Kritiken, weil die Macher inzwischen für "American Graffiti" eine Oscarnominierung eingefahren hatten und für einen Untotenhorror prompt zerrissen wurden. Schließlich versank der Film in der Obskurität, wurde überall hin verkauft, dauerhaft umgetitelt und neu beworben, bis erst Anfang der 80er immer mehr Filmkritiker feststellten, daß diese Perle sie nachhaltig beeindruckt hatte.

Was also ist denn dran an so einem Schnellschuß, der von der morbid-surrealen Wirkung so einiges mit "Grauen um Jessica" gemeinsam hat?
Inhaltlich versucht er, als einer der Nachfolger von Romeros richtungsweisendem "Nacht der lebenden Toten", neue Wege zu beschreiten, orientiert sich aber stark an den "fleischfressenden Untoten", um sie jedoch mit einem nicht näher definierten Bösen zu mischen, das sowohl historische, satanische wie sogar lovecraftsche Züge annimmt. Der Witz ist, dass das stärkste Element in den Untotenszenen ausgerechnet die Spitzen gegen die moderne Gesellschaft sind, die Huyck und Katz hier Romeros "Dawn of the Dead" praktisch um Jahre vorausschickten.

Ort der Handlung ist ein sinistres Kaff an der kalifornischen Pazifikküste, in das die Protagonistin Arletty reist, um dort nach ihrem Vater zu suchen, von dem sie lange nichts mehr gehört hat. Erzählt wird die Geschichte in Form einer Rückblende, denn Arletty sitzt eigentlich in einer Nervenheilanstalt - was natürlich immer die Möglichkeit zuläßt, daß das alles nur der Auswuchs eines wirren Geistes sein soll.
Aber das ist eben nur die narrative Klammer und bevor die startet, wurde man schon Zeuge eines gepflegten Kehlenschnitts, insofern war zu Hippiezeiten die Pazifikküste kein sicheres Pflaster. Das gilt auch für den wortkargen Tankwart, der Arletty das Benzin schenkt, als er auf der Ladefläche eines Wagens, den ein wortkarger farbiger Albino (oh, yeah!) fährt, ein paar Leichen sieht. Dummerweise überlebt er seine nächste Reparatur nicht sehr lang.

In der Folge steigt das Mädchen in das Haus ihres Künstlervaters ein, der aber vorerst verschwunden bleibt, jedoch ein beunruhigendes Tagebuch hinterlassen hat - so daß sich bald zwei erzählende Voiceover mischen. In einem Hotel stöbert sie alsbald ein zusätzliches Trio auf, das wie ein Gegenentwurf der Zeitkultur wirkt. Versammelt sind der dandyhafte Thom, der sich als Kind von adeligen Europäern ausgibt, die ihn begleitende (auch körperlich) Laura als reife Frau der freien 70er und die halb kindliche und ziemlich ahnungslose (aka: doofe) Toni, die hauptsächlich am Kiffen interessiert ist.
Man erkundet also die beunruhigende Stadt, das beunruhigende Haus und die nicht minder Nervosität verursachenden Einwohner, die gern mal am Strand stundenlang in den Himmel starren.
Und wer allein bei Nacht in die Stadt geht, findet in den Konsum- und Amüsiervierteln ein schreckliches Ende...

Nein, erzählerisch ist das sicherlich nicht erste Sahne, aber formal ist der Film geradezu ein Juwel.
Die Atmosphäre schwankt zwischen bedrohlich und bizarr, geradezu andersweltlich präsentiert sich die kleine Gemeinde einer fast ausgestorbenen Stadt. Eine surreale Atmosphäre herrscht drinnen und draußen, unterstützt durch eine prägnante, leuchtende Farbgebung, eine ausgesuchte Anzahl bedrückender bis erschreckender Bilder und Inserts und die menschenleere Weite von Natur und Zivilisation.
Filetstück dieser intensiven Erfahrung ist das Haus des Vaters, das praktisch jedem einigermaßen phantasiebegabten Menschen ordentlich Alpträume bescheren müßte. Als Spiegelung der tatsächlichen Situation auf den Straßen (blank starrende Menschen bar jeder Kommunikation), sind die Wände in Form von Straßen, Gelände- und Gebäudeszenarios gestaltet, die fluchtpunktartig oder verzerrt in die Ferne oder Tiefe führen und den Räumen eine Dimension verleihen, die sie natürlich nicht haben. Da sieht es so aus, als würde an einer Atelierwand eine Rolltreppe in ein Obergeschoß führen oder man sieht endlose Großstadtstraßen oder Gebäudekomplexe entlang, die im Nichts enden.
Bevölkert - kaum ausgefüllt - werden sie an gewissen Stellen von menschlichen Abbildern und Figuren, die genauso stilisiert starr in den Raum und seine Bewohner blicken, leer und künstlich wie die Einwohner der Stadt. Das hat zur Folge, daß sich die Figuren in dem Haus in ständiger Beobachtung wiederfinden, in einer besonders schönen Sequenz (nachtblau) dadurch ausgefüht, daß Toni in einem hängenden Bett keine Liegeposition einnehmen, wo sie sich nicht von Figuren, Silhouetten oder übergroßen Gesichter verfolgt fühlt.
Ausgesprochen gelungen ist dabei die Farbgebung, die meistens mit leuchtenden Primärfarben arbeitet und Szenen und Sequenzen in rot, blau oder andere intensive Töne einfärbt. Der Schluß liegt nahe, daß hier Giallo-Meisterregisseur Dario Argento vermutlich so einige Anregungen abgekupfert hat, die später in "Suspiria" oder "Inferno" zur Anwendung kamen.

Geradezu modern-urbaner Horror verströmen die Stadtszenen, die die Protagonisten (die noch menschlich zu nennen sind) gegen eine ausufernde, weitflächig angelegte und fast menschenleere Häuserlandschaft stellt, die ebenso endlos und verlassen (auch von menschlichen Gefühlen) wirkt, wie eben die Wandbemalungen im Haus.
Dazu erweisen sich Huyck und Katz als sehr geschickt, wenn es darum geht, ihre eigenen Filmvorlieben mit in den Film einzuarbeiten. Der Besuch eines riesigen, hell erleuchteten, fast leeren Supermarkts in tintiger Nachtschwärze, wird zur Reminiszenz an Romeros Kultfilm, wo eine der Figuren eine Gruppe kannibalistischer Untote dabei aufstöbert, wie sie sich über eine Gefriertruhe voller Fleisch hermachen - Verfolgungsjagd inclusive.
Einige Filmminuten später folgt dann ein neuerlicher Coup, als eine andere Figur in ein riesiges, fast leeres Kino geht und dort Platz nimmt. Der Film beginnt und langsam und unbemerkt durch den rasanten Westernlärm, füllt sich nach und nach der Raum (und damit der Fluchtweg) hinter der Figur und um sie herum - eine klare Parallele zu der Spielplatz-Sequenz aus Hitchcocks "Die Vögel".
Alle diese Sequenzen und Parallelen sind kunstvoll in Szene gesetzt und paßgenau fotographiert, so daß sie in Erinnerung bleiben, auch ohne allzu große gorige Details - damit wird "Messiah of Evil" zu einem künstlerischen Horrorfilm, der wohl vielen Zuschauern enorme Impulse gegeben hat, Bilder, Ausleuchtung, Farbgebung, Kamera und auch der unheimliche elektronische Score von Phillan Bishop tragen zu einem intensiven atmosphärischen Gesamteindruck bei.

Probleme kriegt der Film nur dort, wo er aus Budgetgründen nicht so umgesetzt werden konnte, wie ursprünglich geplant (in dem Buch "Nightmare USA" widmen die Macher mehr als 10 großformatige Seiten allein der Produktionsgeschichte). Ursprünglich war wohl geplant, den titelgebenden "Messias", einen "dunklen Fremden", der die Stadt vor 100 Jahren schon einmal heimsuchte in der Gestalt von Hauptdarsteller Michael Greer (Thom) auftreten zu lassen, doch die Idee wurde offenbar fallengelassen, so daß man den Fremden nun nie deutlich sieht.
Auch das Finale, daß praktisch kurz per Rückblende zusammengefaßt wird, deutet nur an, was aus dem Finale hätte werden können. Besonders bedauerlich, weil die finale Invasion des väterlichen Hauses durch die Stadtbewohner ein mehr als horribles Stück intensiven Horrors darstellt - so fällt der leicht zusammengestückelte Schluß mit einigen offenen Enden etwas enttäuschend ins Gewicht. Allerdings war wohl definitv kein Budget mehr übrig, um das zu filmen, was aus dem Meer zurück in die Stadt kommen sollte, insofern war ein großer Abschluß wohl generell nicht mehr zu bewerkstelligen.

Abgesehen davon (die letzten 5 Minuten) ist "Messias des Bösen" aber visuell und atmosphärisch ein wegweisender kleiner Bastard von Film, den man schon beim ersten Durchlauf wegen seiner abstrusen Fülle und den langsamen, sich aufbauenden Rhythmus einfach nur lieben muß. (8,5/10)

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