„Oh Mann oh Mann!"
Die gute Nachricht zuerst: auch „Blackhat" ist in mehrfacher Hinsicht ein typischer Michael Mann-Film geworden. Wieder einmal sieht der Autorenfilmer männlichen Profis bei ihrer gefährlichen Arbeit über die breiten Schultern und taucht dies in die für ihn charakteristische Bildsprache aus Close-ups, unscharfen Vordergründen, farbintensiven Nachtaufnahmen und kühlen Blaufilter-shots. Erneut hat Mann akribisch recherchiert, so dass seine Thematik auch und insbesondere vor den Augen ausgewiesener Experten ohne weiteres bestehen kann. Und zum wiederholten Mal hat er sich persönlich um die passgenaue Musikuntermalung bemüht und den Input des eigentlich dafür engagierten Komponisten weitestgehend ignoriert.
Und nun die schlechte Nachricht: „Blackhat" ist der erste Multi-Flop in Manns bis dato nahezu makelloser Regie-Karriere. Die Dramaturgie stottert, die Charaktere sind blass und/oder unglaubwürdig. Die Optik erscheint selbstzweckhaft und der erstaunlich spärlich eingesetzte Score schafft es zu keinem Zeitpunkt Stimmungen zu untermalen, geschweige denn Atmosphäre zu kreieren. Der Totalabsturz an den amerikanischen Kinokassen gleich am so richtungsweisenden Startwochenende ist die logische Konsequenz und definitiv zu Recht passiert.
Dieser Missgriff ist umso überraschender, als Mann sich für seinen Cyber-Thriller ganze 6 Jahre Zeit gelassen hat und man keineswegs von einem uninspirierten Schnellschuss sprechen kann. Mit „Thor"-Darsteller Chris Hemsworth hatte er zudem einen zumindest aktuell angesagten Hauptdarsteller verpflichtet und mit dem Hacker-Thema durchaus Gespür für Zeitgeist-Relevanz und -Brisanz bewiesen.
Daher ist es fast schon ironisch, dass beide hauptverantwortlich dafür zeichnen, dass der Film nie so recht in die gewohnt blank polierte Spur kommen will. Die Vorliebe des Regisseurs für die Besetzung der Protagonisten mit kernigen Typen ist hier erstmals kontraproduktiv, denn der muskelbepackte Blondschopf Hemsworth ist so ziemlich das genaue Gegenteil eines handelsüblichen Computer-Nerds. Die Vorstellung von einem nächtelang seine Tastatur malträtierendem Computergenie, welches das Tageslicht nur von Internetphotos kennt, will so gar nicht zu dem Surfer-Boy-Look des schmucken Australiers passen. Entsprechend unglaubwürdig ist dann auch sein Filmcharakter.
Aber damit nicht genug. Mann setzt fast schon trotzig auf die kraftmeierische Ausstrahlung seines Hauptdarstellers und will ihn uns als eine Art Laptop-Bond verkaufen, indem er das Hacker-Genie als im Faustkampf und Schusswaffengebrauch gleichermaßen versierten Mann der beherzten Tat präsentiert. Damit geht natürlich bereits mit der Hauptfigur jeglicher Realitätsanspruch laut polternd über Bord.
Aber auch die anvisierten Thrillerqualitäten bekommen von Mann eine ordentliche Breitseite verpasst. So ist das Sujet von brandgefährlichen, weil urplötzlich von wenigen Personen mit relativ geringen Mitteln zu bewerkstelligenden Hackerangriffen auf politisch und/oder gesellschaftlich bedeutende Ziele zwar hochaktuell. Allerdings gibt es in der Klaviatur des Spannungskinos wohl kaum schmerzlichere Drögheits-Misstöne, als irgendjemand beim Bearbeiten seiner Tastatur, oder beim Starren auf seinen Bildschirm zu beobachten. Das ist in ungefähr so spannend wie das Zusammen legen frisch gewaschener Wäsche.
Ein weiteres Problem liegt in der Visualisierung der eigentlichen Gefahr, die ja in Sekundenschnelle per Mausklick zuschlägt. Hier verfällt Mann ungewohnt einfallslos auf den schon in vielen Themen-verwandten Filmen versuchten (und gescheiterten) Kniff, die Kamera durch ein Labyrinth aus Platinen und Drähten, also das Innenleben eines Computers, sausen zu lassen. Das ist auf Dauer ziemlich ermüdend und schon beim ersten Mal alles andere als packend.
Um diese Thrill-Bremsklötze sich nicht vollends entfalten zu lassen, peppt Mann seine Geschichte um einen groß angelegten Hackerangriff auf ein chinesisches Kernkraftwerk mit einer bleihaltigen Hatz um den halben Planeten auf, bei der systemfeindliche Geheimdienste, das FBI und eine schießfreudiger Söldnertrupp in diversen Konstellationen aufeinander prallen.
Das klingt erheblich spannender als es letztendlich ist, denn als Zuschauer weiß man nie so genau, wer gerade was warum tut und vor allem, wie er dem jeweiligen Widersacher auf die Schliche gekommen ist. Vieles wird dazu gar nicht bzw. lediglich durch unglaubwürdige Geistesblitze oder Zufälle erklärt. Gespickt mit allerlei Computer-Fachausdrücken die Otto-Normaluser rein gar nichts sagen, schwankt der Plot zwischen banal, wirr und völlig unverständlich, so dass sich sehr schnell eine bleierne Langeweile einstellt.
Dazu passt dann auch, dass Mann es sträflich versäumt einen bedrohlichen Antagonisten aufzubauen, um zumindest damit für Thriller-Unterhaltung zu sorgen. Auch in diesem Fall mag die uncharismatische und lange Zeit im Dunkeln agierende Figur - der fieberhaft Gesuchte taucht erst in den letzten Filmminuten auf - der Wirklichkeit recht nahe kommen, nur gilt das leider mitnichten für die Mechanismen des verwendeten Genres.
„Blackhat" wirkt letztlich wie ein willkürlicher Zusammenschnitt typischer Szenen aus Manns bisherigem Oeuvre, ein Flickenteppich ohne eigenes Gesicht und ohne relevante Aussage. Man nehme eine nicht zu knapp bemessene Portion „Insider" (Wirtschafts- bzw. Bankenkriminalität), füge eine ordentliche Prise „Heat" dazu (genial geplanter Coup und druckvolle Straßen-Schießereien) und rühre das Ganze dann mit einem Schuss „Miami Vice" auf (blonder Antiheld verliebt sich in Asiatin und versucht ein aus dem Verborgenen operierendes Gangster-Genie aus der Deckung zu locken).
Was leider fehlt, ist die richtige Dosierung, Reihenfolge und vor allem Auswahl der für sich allein genommen zweifellos schmackhaften Zutaten. Hier hat Mann lediglich alle verfügbaren bewährten Ingredienzien wahllos in einen Topf geworfen und gehofft, so einen filmischen Leckerbissen zu bekommen. Heraus gekommen ist aber lediglich ein fad schmeckender, zäher Brei aus dramaturgischem Leerlauf, unglaubwürdigen und farblosen Figuren sowie inszenatorischer Planlosigkeit.
Die wirklich gute Nachricht zum Schluss: der wünschenswerte Mantel des Vergessens könnte sehr schnell über „Blackhat" fallen, denn Michael Mann plant keine weitere mehrjährige Schaffenspause, sondern arbeitet bereits an seinem nächsten Projekt. Und bei dem Bio-Pic über Rennfahrerlegende und Marken-Gründer Enzo Ferrari ist ein schillernder Hauptdarsteller bestimmt kein Fehler.