Ein vergleichsweise ruhig erzähltes Regiedebüt hätte man dem britischen Schauspieler Paul Bettany wahrscheinlich nicht zugetraut, wenn er nicht von einem Sachverhalt maßgeblich beeinflusst worden wäre. Unweit von seinem Apartment wohnte ein obdachloses Paar, welches seinerzeit nach dem Hurrikan Sandy verschwunden war.
Die heroinabhängige Hannah (Jennifer Connelly) und der nigerianische Flüchtling Tahir (Anthony Mackie) leben in den Straßen von New York, als sie eher durch Zufall zueinander finden und sich ineinander verlieben. Gemeinsam wollen sie zurück ins Bürgerliche, doch der nahende Winter droht alle Hoffnungen erfrieren zu lassen…
Für die weibliche Hauptrolle engagierte Bettany mal eben seine Ehefrau Connelly, die für dieses Projekt extrem abmagerte und verdammt ausgemergelt daherkommt, wodurch die äußere Erscheinung einer heroinabhängigen Obdachlosen durchaus glaubhaft ausfällt.
Bei Mackie sieht das ein wenig anders aus, denn der kommt zu gepflegt, zu sauber und unverbraucht daher, zumal das Make-up kaum Hand anlegte, was bei Connelly allenfalls für die typischen Drogenspuren notwendig war.
Die zwei absolut unterschiedlichen Charaktere schüren auf Anhieb Interesse: Er ist ein in sich gekehrter, oftmals nur beobachtender Moslem, der aus Alltagsgegenständen Trommeln bastelte und diese hervorragend beherrscht. Die launige Hannah neigt häufig zu depressiven Phasen, gewinnt mit Tahirs Hilfe jedoch ihren Kämpfergeist zurück. Zuweilen geht sie unorthodoxe Wege, wogegen Tahir stets versucht, nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.
Der zurückhaltende, oftmals fast meditativ anmutende Score fügt sich hervorragend der melancholischen Grundstimmung, einige entlegene Orte um New York untermauern die Isolation der Protagonisten und manche Wetterkapriolen veranschaulichen, wie unbarmherzig das Leben unter freiem Himmel sein kann.
Jedoch wird das Milieu ein wenig zu plakativ präsentiert, als müsse jeder mindestens zehn harte Schicksalsschläge erlitten haben, um auf der Straße zu landen, während oberflächliche Kritikpunkte am amerikanischen Gesundheitssystem immerhin ins Schwarze treffen.
Die Erzählung selbst gerät im Mittelteil ein wenig ins straucheln, da kurzfristig eine noble Wohnung von Urlaubern bezogen wird und hier Gespräche stattfinden, die zwar einerseits philosophische Tiefe erkennen lassen, andererseits zu forciert wirken, als es um die individuellen Hintergründe und Schicksalsschläge geht. Erst als die Vorboten des Winters deutlicher in Erscheinung treten und die raue Wirklichkeit zurückkehrt, ist der Fluss wieder hergestellt.
Auf handwerklicher Ebene ist Bettany wenig anzukreiden, vor allem die variable Kamera weiß zu gefallen, welche mit recht individuellen Perspektiven überrascht. Darstellerisch hat Connelly eindeutig die Nase vorn, muss jedoch auch ein weitaus größeres Repertoire abrufen als Mackie, welcher oftmals zu unauffällig bleibt.
Unauffällig ist auch der Gesamteindruck, was nicht nur negativ zu betrachten ist, da die Dramaturgie nur selten zu konstruierten Kniffen greift und nicht zuviel Pathos eingebunden wird. Die ruhige Grundstimmung zieht rasch in ihren Bann, darstellerisch liefert Connelly eine grandiose Performance ab, nur wird es eben selten spannend, während im Mittelteil ein paar Längen entstehen. Für eine Sichtung in entsprechender Stimmung durchaus tauglich, nachhaltig wirkt „Shelter – Auf den Straßen von New York“ hingegen nicht.
6 von 10