kurz angerissen*
Eine überlange Rekonstruktion eines längst vergangenen Zeitgefühls, aufgeblasen mit Aberdutzenden von Anekdoten, Manierismen und oftmals hässlichen Details, immer eine Pointe versprechend, die niemals eingelöst wird – wo ein Paul T. Anderson einen Thomas Pynchon verfilmt, musste so etwas Egozentrisches herauskommen.
„Inherent Vice“ zu schauen ist so, wie mit dem hässlichen Realismus einer Zeit konfrontiert zu werden, die man immer nur über beschönigende Erzählungen kannte. Und die Wahrheit ist ernüchternd. Die Gesichter sämtlicher Darsteller werden im schmutzig-orangefarbenen Ton der untergehenden Sonne so unvorteilhaft wie nur möglich gefilmt und sehen nie das Licht des Glamour. Man ist direkt vor Ort, riecht Gras, Heroin und Meersalz. Wie aus dem Unterbewusstsein hört man diverse Gestalten über einen komplizierten Kriminalfall palavern, fast so, als ginge einen das alles nichts an.
Anderson leistet ganze Arbeit dabei, die verschachtelte und eigentlich doch so geradlinige Story möglichst kompliziert zu erzählen. Alleine die ungewöhnliche Herangehensweise lässt diese Arbeit wie ein absolutes Unikat erscheinen, sowohl im Oeuvre des Regisseurs als auch außerhalb. Joaquin Phoenix darf man mal wieder zur Rollenwahl gratulieren, eine unwahrscheinlich verdrehte und nach ganz eigener Logik denkende Figur ist ihm mit Doc Sportello gelungen, deren Slapstick-Potenzial ebenso groß ist wie ihre Abgründe.
Als sich aber abzeichnet, dass die weit ausholende Story sich nicht etwa zu einer Welle türmt, sondern als Ebbwasser relativ unspektakulär auf der ganzen Fläche verteilt, kommt man doch ins Grübeln. Die Essenz seines meisterhaften „There Will Be Blood“ erreichte Anderson schon mit „The Master“ nicht mehr ganz, hiermit erst recht nicht. Andererseits ist „Inherent Vice“ sein komischster und herzlichster Film seit „Punch Drunk Love“ und somit bei all der Konfusion durchaus liebenswert.
(6.5/10)
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