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„Möchten Sie eine Puppe, Sir?“

Der britische Regisseur Freddie Francis war vornehmlich im Bereich der phantastischen Genres aktiv und arbeitete u.a. für die „Hammer“-Produktionsschmiede. Zwischen seinen beiden „Amicus“-Episodenfilmen „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ und „Der Foltergarten des Dr. Diablo“ verfilmte er im Jahre 1966 ein Drehbuch des „Psycho“-Autors Robert Bloch für „Amicus“: „Der Puppenmörder“, eine interessante Mischung aus Psycho-Thriller und Horrorfilm.

Eine unheimliche Mordserie beschäftigt Inspektor Holloway (Patrick Wymark, „Ekel“): Vier ehemalige Mitglieder einer Kommission, die einst einen Kriegsgewinnler verurteilt hat, werden ermordet. Mysteriös: Der Täter hinterlässt stets eine Puppe am Tatort, die nach Vorbild des Opfers modelliert wurde. Die Spur führt zur Witwe des Verurteilten, der sich nach dem Schuldspruch das Leben nahm: die an den Rollstuhl gefesselten Puppensammlerin Amelia Maugham (Margaret Johnston, „Hypno“). Doch noch viel mehr interessiert sich Holloway für Mrs. Maughams Sohn Mark (John Stranding, „Die eiserne Jungfrau“)…

„Sie haben hier interessante Bücher stehen: ,Anormale Psychologie‘“

Das erste Opfer wird von einem Auto an der Wand zerquetscht, dem zweiten wird die Medizin gegen Blausäure ausgetauscht, das dritte wird stranguliert, das vierte grausam verbrannt (wofür die Kameralinse eingerußt wird) – und der Inspektor entgeht nur knapp einem Bombenanschlag auf sein Auto. „Der Puppenmörder“ ist ein komplett unblutiger, jedoch inhaltlich harter Thriller, der Holloway und damit den Zuschauer in ein mysteriöses Umfeld eintauchen lässt: Das der schrulligen Puppensammlerin Mrs. Maughams, auf die Holloway kommt, weil der Puppenhersteller ihm von sechs bestellten Exemplaren berichtet und ihm die Adresse nennt. Mrs. Maugham bewohnt ein gruseliges Puppenhaus und spricht mit ihren Sammlungsstücken, die sie als ihre Kinder bezeichnet. Verdächtig macht sich jedoch ihr Sohn aus Fleisch und Blut, der junge Mann Mark, der Gina (Gina Gianelli) bittet, weitere Puppen zu besorgen.

Diese rafft’s ebenfalls dahin, interessanterweise in einem ausgesprochen gialloesken Mord mit knallrotem Mantel, schwerem Messer und schwarzen Handschuhen. Mark liefert sich in einem Bootshaus eine schwere Prügelei mit dem Inspektor, bis seine Mutter eingreift und er einen Abgang in schweren Metallketten hat. Was all das soll und wer nun weshalb mordet, wird zumindest ein bisschen deutlicher, als offiziell bestätigt wird, dass Mr. Maugham auf Grundlage gefälschter Beweise verurteilt wurde. Die Identifikation des Mörders, der seine Taten bewusst wie die einer anderen Person aussehen lassen wollte, sowie seines Motivs erscheint schließlich arg weit hergeholt, ist jedoch noch nicht die Pointe des Films. Dieser wirft nämlich in den letzten Minuten seine Kriminalfilm-Handlung über Bord und liefert stattdessen ein krudes Horror-Finale mit gruseligen Bildern, das recht originell ausgefallen ist und durchaus verstörende Wirkung besitzt.

Eine Spieluhrmelodie findet als Soundtrack Verwendung und versieht den Film mit morbider, unheilschwangerer Atmosphäre, die ihm in den herkömmlichen Krimi-Szenen abgeht. Dafür bieten diese aber Raum für interessante Charakterisierungen der Rollen, die wiederum leider keinerlei Entwicklungen durchlaufen – von der Schlusspointe einmal abgesehen, auf die sich Freddie Francis damit dann etwas zu sehr verlässt. Für einen nostalgischen Briten-Grusel langt’s aber allemal, 6,5 von 10 Puppen opfere ich gern dafür. Bezeichnenderweise hießen Mrs. Maugham und ihr Sohn in der Originalfassung „von Sturm“ mit Familiennamen und wurden als Deutsche dargestellt, wovon man in Deutschland aber offenbar nichts wissen wollte...

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