Mitte der 60er Jahre sind die Beach Boys auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, doch ihr kreativer Kopf Brian Wilson (Paul Dano) hat Größeres vor. Während die Band ohne ihn auf Japan-Tournee geht, bastelt er an dem Album „Pet Sounds“. 20 Jahre später ist Wilson (John Cusack) ein psychisches Wrack und seinem Vormund und Therapeuten Eugene Landy (Paul Giamatti) hilflos ausgeliefert…
„Ich weiß nicht, wo es herkommt? Irgendetwas ist in meinem Inneren und will ausbrechen…“ Mit diesen Worten beginnt die starke Filmbiografie über Brian Wilson, neben John Lennon, Paul McCartney und Pete Townshend der bedeutendste Komponist der Pop- und Rockmusik. Nach der Uraufführung beim Toronto International Film Festival 2014 bestätigt Beach Boy Mitgründer Mike Love die Szenen aus den 60ern als hoch authentisch, Wilson selbst lobt Paul Dano und John Cusack für ihre Darstellung und meint, „… they laid pretty heavy on the dark sides of my life, you know? So the movie overall was a bad experience for me to see.“
Regisseur Bill Pohland zeigt Brian Wilson als Getriebenen, der stets unter starkem Druck steht. Um seinem tyrannischen Vater zu gefallen, unter dessen Schlägen er das Gehör auf einem Ohr verloren hat, schüttelt er in den frühen 60ern erfolgreiche Surf Music aus dem Ärmel, während die Stimmen in seinem Kopf viel schönere und harmonischere Klänge erzeugen. Um dies filmisch umzusetzen werden ruhige Bilder des Genies mit Klangkollagen von Schnipseln aus seinem Werk unterlegt. Für „Pet Sounds“, heute eines der zehn besten Alben aller Zeiten, arbeitet er wie ein Besessener, lässt im Studio Tierstimmen aufnehmen und stattet die Studiomusiker schon mal mit Feuerwehrhelmen aus. Noch wird die ablehnende Haltung seiner Bandkollegen durch ihre erfolgreichste Single „Good Vibrations“ gemildert, doch sein nächster Geniestreich „Smile“ stößt bei Band und Plattenfirma auf taube Ohren. Während Motive von Brian Wilson für „Smiley Smile“ genutzt werden, verfällt der Meister in Depressionen und verlässt 3 Jahre lang nicht sein Bett. Aus dieser Perspektive lässt Regisseur Pohland zum Filmende den Musiker wichtige Momente seines Daseins erleben. Zuvor wird, in ständigem Wechsel mit den Sixties, auch der „kaputte“ Brian Wilson dargestellt, den erst seine Zuneigung zur Cadillac-Verkäuferin Melinda Letbetter (Elizabeth Banks, „Die Tribute von Panem“ 2012/13/14) aus seinem Schneckenhaus retten kann. Paul Giamatti („Sideways“ 2004, „12 Years a Slave“ 2013) spielt den nur ums eigene Wohl besorgten Psycho-Doc Landy so widerlich, dass der Zuschauer schon bald aufstehen und ihn würgen möchte. Und die Hauptdarsteller sind überragend: Paul Dano („Knight and Day“ 2010, „Prisoners“ 2013) sieht dem jungen Brian Wilson nicht nur im nachgestellten Promo-Video zu „Sloop John B“ verdammt ähnlich, er verkörpert auch im Sinne des Wortes Genie und Wahnsinn. Doch auch John Cusack („Bullets Over Broadway“ 1994, „Der Butler“ 2013) ist großartig. Wer (wie ich, sogar 2 mal) das Vergnügen hatte den reifen Brian Wilson auf der Bühne zu sehen, der weiß, wie sehr Cusacks Mimik und vor allem Gestik dem Künstler nahe kommt. Zum Abspann ist der 72-jährige selbst im Bild und singt den 1988 entstandenen Titelsong. „So, love and mercy to you and your friends tonight“ (9/10)