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Harter Weg zu den Good Vibrations

Biopics können langweilen. Ganz einfach, weil sie zu oft nach Schema F wiederholt wurden, sodass es trotz hervorragender Werke wie "Walk The Line" oder "Ray" im Jahr 2016 mehr braucht, als eine stumpfe Nacherzählung eines fantastischen Menschen bzw. Musikers samt üblicher Ups & Downs. Die Doku "Amy" berührte vor kurzem gelungen neue Bereiche & somit Herzen, und auch "Love & Mercy", obwohl keine Doku sondern "klassischer" Spielfilm, entgeht dem Einheitsbrei & fesselt mit ungewohnter Herangehensweise. 

Es geht um den Kopf der Beachboys, Brian Wilson, einem genialen Musiker & Komponisten. Wir sehen seinen Aufstieg mit seinen Brüdern als ernstzunehmende Beatles-Konkurrenz aus den USA der 60er, jedoch psychisch angeschlagen & immer weiter abrutschend. Parallel wird zwanzig Jahre weiter im Leben des außerordentlichen Mannes gesprungen, wie er Ende der 80er, voll gepumpt mit Medikamenten, von einem fiesen Psychologen mehr oder weniger festgehalten wird & wie eine Frau, vielleicht seine große Liebe, ihn wieder in freiere, glücklichere Bahnen lenkt.

Nicht nur diese clevere Zweiteilung zwischen musikalisch genialem Fall & menschlich kämpferischer Befreiung, hebt das ungewöhnliche Biopic, was man fast schon kaum mehr so betiteln will, von Anderen seiner Art ab. Auch die oft künstlerisch psychedelische Machart, Schnitte & Toncollagen, sind sogartig & beispiellos in diesem Subgenre. Was für ein Soundteppisch, erst recht durch die ikonische Musik der Beach Boys! Außerdem Studioaufnahmen, die diese tolle Musik & deren Entstehung fast greifbar werden lassen. Der ganze Film & seine andersartige Verschmelzung von psychologischem Drama & Biografie, passt exzellent zu seinem porträtierten Menschen. Vielleicht gibt es Filme, nach denen man heißer auf die abgebildete Musik ist. Näher an der Seele dahinter war man sicher selten. Gute Biopics sind rar, gerade in den letzten Jahren - "Love & Mercy", voller faszinierender Gegensätze & menschlicher Wunder wie Abgründe, ist eines davon. Ohne Zweifel.

Wenn sich ein Film über einen Musiker schon so auf den emotionalen, dramatischen Aspekt des Menschen hinter dem Star konzentriert, spielen die gewählten Darsteller natürlich das Schlüsselkriterium, ob das Werk versagt oder voll zur Entfaltung kommt & beim Zuschauer einen Nerv trifft. Und da bietet der Beachboys-Film 4 hochkarätige Schauspieler, von denen jeder seine Sache hervorragend macht, man sich gegenseitig antreibt. Elizabeth Banks spielt Brians blonden Rettungsengel einfühlsam & mutig, Paul Giamatti ist, abgesehen von seiner seltsamen Haarpracht, ihr ebenbürtiges Gegenstück. Man liebt es ihn zu hassen, er verkörpert die psychologische Fussfessel seines "Freundes" & Opfers wahnsinnig gut. Solche Monster in Helfersgestalt ala der Schwester Ratchet sind noch immer die Schlimmsten. 

Trotz all den tollen Ansätzen hätte das Ganze noch in die Hose gehen können - wäre der Hauptdarsteller eine Fehlbesetzung. Und da er hier von zwei verschiedenen Männern verkörpert wird, gab es doppelt Gefahr. Ungerechtfertigt, denn man kann sich kaum entscheiden wer besser ist, der junge Paul Dano oder der alte John Cusack. Für mich hat Dano knapp die Nase vorn & ist nicht umsonst mein liebster Jungschauspieler. Was er in den letzten Jahren abliefert, ist das Gerüst auf dem Legenden gemacht sind. Trotzdem sollten wir Herrn Cusack ebenfalls Respekt zollen, selbst wenn er es hier & da übertreibt in seiner verschrobenen, zugepumpten Art. Beide werfen sich voll in ihre Rolle & das Risiko der Doppelbesetzung war kein Fehlschlag, ganz im Gegenteil.

Fazit: das Biopic des Beachboy-Kopfes, ist ein kleiner, emotionaler & fast schon experimenteller Geheimtipp, der einem das gebeutelte wie geniale Musikwunder Brian Wilson erstaunlich nahe bringt! Sehenswert anders in allen Belangen!

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