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Südengland, 1870: Bathsheba Everdene (Carey Mulligan) ist eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Farm allein bewirtschaftet. Als ihr der benachbarte Schäfer Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts) einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn zurück. Nachdem Bathsheba den Hof ihres Onkels geerbt hat, macht ihr der reiche Großgrundbesitzer William Boldwood (Michael Sheen) Avancen…

Thomas Vinterberg (geb. 1969 in Frederiksberg, Dänemark) ist neben Lars von Trier einer der Begründer der Dogma 95 Bewegung und inszeniert nach den strengen Vorgaben das herausragende Gesellschaftsdrama „Das Fest“ (1999). Vinterberg dreht u.a. den Science Fiction Film „It’s All About Love“ (2003), den Jugendfilm „Dear Wendy“ (2005) und das erschütternde Sozialdrama „Die Jagd“ (2012). 2015 überrascht er mit der Verfilmung des 1874 erschienenen Romans „Far from the Madding Crowd“ (so auch der Originaltitel) des britischen Schriftstellers Thomas Hardy (1840-1928) und bewältigt auch diese Aufgabe mit Bravour. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist. Sie braucht keinen Mann um Farm und Feld zu bewirtschaften. Deshalb weist sie Nachbar Gabriel ab, stellt später aber den durch ein Unglück mittellos gewordenen Schäfer ein, nachdem er bei einem Feuer ihre Ernte gerettet hat. Auch der wohlhabende Großgrundbesitzer von nebenan hat keine Chance als Ehemann. Stattdessen fällt Bathsheba ausgerechnet auf den schmierigen Ex-Soldaten Frank Troy (Tom Skurridge) rein, der sie mit Uniform und Fechtkunst beeindruckt, zur Bewirtschaftung ihres Anwesens aber denkbar ungeeignet ist. Zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer bereits so sehr in die Geschichte involviert, dass er aufstehen und der Geblendeten ins Gewissen reden möchte.
Thomas Vinterberg konzentriert den klassischen Stoff in 120 min. auf seine wichtigsten Momente, bleibt aber ansonsten der Romanvorlage treu. Dem ist auch das eher konventionelle Ende geschuldet. Der Film beeindruckt mit grandiosen Bildkompositionen, wobei der Regisseur die Dogma Grundsätze nicht gänzlich vergessen hat und an Originalschauplätzen mit entsprechenden Requisiten und unter weitgehendem Verzicht auf künstliche Beleuchtung arbeitet. Carey Mulligan („Drive“ 2011, „Inside Llewyn Davis“, „Der Große Gatsby“ beide 2013) vermag jeden mit ihrem Lächeln zu bezaubern und liefert auch sonst eine beeindruckende Leistung als emanzipierte Frau der ersten Stunde. Matthias Schoenaerts („Der Geschmack von Rost und Knochen“ 2012, „The Drop – Bargeld“ 2014) wird schnell zum 2. Sympathieträger und Michael Sheens („Underworld“ 2003, „Jesus Henry Christ“ 2012) Darstellung des verzweifelt Liebenden geht unter die Haut. Eine annähernd perfekte Literaturverfilmung. (9,5/10)

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