The Reach - In der Schusslinie (Kurz und schmerzlos Teil 23)
Das Aufeinanderprallen von Zivilisation und Wildnis ist ob seines dramatischen Potentials ein gern genommenes Sujet im Spielfilm. Konflikte sind praktisch vorprogrammiert und bieten mannigfaltige Möglichkeiten für Zuspitzungen, Abgründe und Existenzkämpfe. In „The Reach" entfalten sich diese zwischen dem millionenschweren Versicherungshai Madec und Dorf-Hilfssheriff Ben (Jeremy Irvine), der in seiner Freizeit schwerreiche Hobbyjäger durch die unwirtliche Mojave-Wüste führt. Schon bei ihrer ersten Begegnung sind die krassen Gegensätze unübersehbar. Hier der ruhige, bescheidene und bodenständige Fährtenleser, dort der großspurig-arrogante und so selbstzentrierte wie -verliebte Geschäftsmann. Man ahnt sofort, dass diese Liaison nicht gut gehen wird.
Michael Douglas legt seine Oscar-prämierte Gordon-Gecko-Rolle neu auf und verströmt aus jeder Pore eine durch beruflichen und finanziellen Erfolg quasi legitimierte Allmacht-Position gepaart mit geradezu genüsslich gelebter Überheblichkeit. Treten Probleme auf, werden sie mit Geld gelöst und das ausnahmslos. Da ist die kaum zu bekommende Jagderlaubnis für eine seltenes Wüstenschaf eine der leichtesten Übungen.
Sinnbild für Medocs Selbstverständnis ist ein Panzer-ähnlicher Mercedes-Jeep samt Dampfgarer, Bar und verchromter Kaffemaschine, so dass sein Besitzer auch in der entlegendsten Wildnis nicht auf gedünsteten Fisch, eiskalten Martini und einen doppelten Espresso danach verzichten muss.
Der anfangs mehr als irritierte Ben erträgt Medocs Gehabe in der Folge mit stoischem Gleichmut, so dass der an die Oberfläche drängende Konflikt zunächst ein schwelender bleibt. Das ändert sich schlagartig, als Medocs im Jagdfieber aus Versehen einen Umschuldigen erschießt. Ben weigert sich, den Vorfall zu vertuschen. Medocs, der seine berufliche Existenz gefährdet sieht, kann allerdings keine Zeugen gebrauchen. Also lässt er Ben daraufhin ohne Kleidung und Wasser durch die Mojave wandern, 100 Meilen von der nächsten Straße entfernt. In dem folgenden, tödlichen Katz-und-Maus-Spiel scheint Medocs damit alle Trümpfe in der Hand zu halten ...
Neben dem spannenden und wendungsreichen Psychoduell der beiden Kontrahenten, ist es vor allem die optische Gestaltung, welche „The Reach" über den Durchschnitt ähnlich gestrickter Filme hebt und sehenswert macht. Kameramann Russell Carpenter taucht das Zwei-Personen-Drama in gleißendes Sonnenlicht und fängt fantastische Wüstenpanoramen ein. Die enorme Weite steht für unbegrenzte Freiheit, für innere Entspannung und atemberaubende Stille. Für Ben bedeutet sie allerdings Tod und Hoffnungslosigkeit, eine Gluthölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Schönheit und existentielle Bedrohung liegen hier ganz eng beieinander und Carpenter bebildert diese Diskrepanz so eindringlich wie unaufdringlich.
Schade, dass dem bis dato gekonnt fiebrigen Skript in den letzten Filmminuten urplötzlich die Puste ausgeht und ein ebenso konventionelles wie blödsinniges Brachial-Ende so gar nicht mit der zuvor geschaffenen Atmosphäre und Erzählhaltung harmonieren will, geschweige denn beides sinnig bzw. stimmig auflöst. Kurz hofft man noch auf eine Fata Morgana, oder wenigstens einen schnöden Alptraum. Aber die Realität ist eben oftmals viel grausamer.
Fazit:
Flirrendes Psycho-Kammerspiel in der gleißenden Sonne der Mojave-Wüste. Ein bildästhetischer Hochgenuss, bei dem Michael Douglas seine Gecko-Paraderolle um die Facette der gnadenlosen (Menschen-)Jagd bereichert. Vor dem doofen Ende sei gewarnt, eine Empfehlung kann es aber nicht verhindern.