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1915: In Mardin im Osten des Osmanisches Reichs werden alle armenischen Männer von der Polizei zusammengetrieben und in die Wüste verschleppt. Monatelang müssen sie dort eine Straße bauen, dann werden sie von Soldaten ermordet. Nazaret (Tahar Rahim) überlebt, wie durch ein Wunder, allerdings werden bei der Hinrichtung seine Stimmbänder durchtrennt…

Nach jahrelanger Recherche beendet Fatih Akin (geb. 1973 in Hamburg) seine Trilogie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ („Gegen die Wand“ 2004, „Auf der anderen Seite“ 2007) mit einem „sehr persönlichen Film“ (cinema 11/14), der den Genozid der armenischen Bevölkerung erstmals auf der Leinwand thematisiert und dieser zum Ausgangspunkt der Odyssee eines Vaters wird, der verzweifelt seine Töchter sucht. Als Inspiration nennt Akin, der auch Drehbuchautor und Produzent ist, John Fords Klassiker „Der Schwarze Falke“ (1956), in dem John Wayne seine von Indianern verschleppte Nichte sucht. So erinnert „The Cut“ mit seinen phänomenalen, geradezu epischen Landschaftsaufnahmen tatsächlich an einen Western. Auch die Gräueltaten der Osmanen und ihrer Zwangsverpflichteten an den hilflosen Armeniern werden aus der Ferne gezeigt und wirken wie ein widerlicher Fremdkörper in der prächtigen Wüstenlandschaft. Nur einmal, als Nazaret seine geschändete und fast schon verhungerte Schwägerin in einem Flüchtlingscamp von ihren Leiden erlöst, ist die Kamera in einer sehr langen Einstellung ganz nah dabei.
Fatih Akin erhält schon während der Dreharbeiten Morddrohungen von türkischen Ultranationalisten, dabei klagt sein Film gar nicht an. Alle Täter sind schon seit Jahrzehnten tot, hier geht es ausschließlich darum aus der Geschichte zu lernen. Die Handlung erreicht ihren ergreifenden Höhepunkt in der Filmmitte, wenn der Regisseur die Macht des Kinos beschwört, das „teilweise auch ein Ort der spirituellen Erfahrung sein kann“ (cinema 11/14): In einem Hof in Aleppo wird Chaplins „The Kid“ (1921) aufgeführt und alle Flüchtlinge sind so sehr von dem Film so eingenommen, dass sie lachend und weinend für einen Moment ihr eigenes Schicksal vergessen. Als Nazaret kurz darauf von seinem ehemaligen Lehrling erfährt, dass seine Töchter noch am Leben sind, beginnt die zweite Filmhälfte, die ihn erst in die Karibik und dann nach Nordamerika führen wird. Hier zieht sich der 2 ½ Stunden lange Handlung ein wenig, dafür mangelt es nicht an weiteren prächtigen Bildern aus dem lebendigen Havanna, den Mangrovenwäldern Floridas oder dem schneebedeckten Kanada. Tahar Rahim („Le Passé – Das Vergangene“ 2013) gehört nicht zu den Großen seiner Zunft, vielleicht wirkt aber auch sein mittelmäßiges Spiel besonders authentisch. Nach zwiespältigen Reaktionen der Kritikerschaft zieht Fatih Akin seinen Film aus dem Wettbewerb von Cannes zurück und lässt ihn beim Filmfestival von Venedig aufführen, wo er für Begeisterung sorgt. (8,5/10)

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