Review

kurz angerissen*

Man ist geneigt, Quentin Dupieux' assoziative Praktiken mit jedem Film zunehmend in Frage zu stellen; weil er sich eben letztlich wiederhole, ein und dasselbe Sujet immer wieder von unterschiedlichen Perspektiven beleuchte. "Rubber" hat immerhin bereits beide Seiten des Reifens aufgezeigt, nichts also ausgelassen, das notwendigerweise von "Wrong", "Wrong Cops" oder nun eben "Realité" neu erzählt werden müsste. Die These cineastischer Willkür ist äquivalent zur Falsch-Wahr-Dualität der klassischen Logik und nun eben auch zur Dichotomie von Wirklichkeit, Traum und der artifiziell eingefügten dritten Ebene der Fiktion – ein unentwirrbares Geflecht, das mit dem klassischen Surrealismus nach Buñuel adäquat dargestellt scheint.

So rückt Dupieux in seinem sechsten Film keinen Deut von der bewährten Praxis ab. Er arrangiert kontextfreie Sequenzen, die für sich genommen bereits ins Bizarre greifen und entwickelt sie so lange weiter, bis sie sich durch scheinbar zufällige Überlagerungen irgendwann ineinander verkeilen. Eine hässliche Bronzeoptik mit muffigem Frühachtziger-Flair sowie ein schrecklich repetitiver, hibbeliger Orgel-Soundtrack sorgen für fasertrockenes Klima, das von Dupieux mit konstatierendem Nonsens gefüttert wird, wie man ihn beispielsweise auch von "Napoleon Dynamite" kennt – folgerichtig, dass diesmal auch Jon Heder zum (teilweise ebenfalls repetitiven) Cast gehört und diesmal statt Moonboots, Fliegerbrille und White Afro ein Rattenkostüm trägt.

Neu ist allerdings, dass "Realité" seine cineastischen Ambitionen stärker zum Ausdruck bringt als die Vorgängerwerke, die allesamt dazu tendierten, in ihre Einzelszenen zu zerfallen. In die Verknüpfung der verschiedenen Ebenen wird mehr Mühe gelegt, die Klammer hält das Geschehen fester zusammen. Deutlicher treten auch Filmzitate als Bindemittel hervor; von Cronenbergs Frühwerk ("Scanners", "Videodrome") über David Lynch ("Lost Highway") klammert sich Dupieux gezielt an analoge Requisiten wie Videokassetten und Schnurtelefone, um anhand gebräuchlicher Züge des surrealistischen Kinos seine deiktischen Szenenverweise unterzubringen. Ganze Einstellungen werden mehrfach gedreht, Details in ihnen verändert und somit – zugegebenermaßen recht bequem – verschiedene Zeit- und Realitätsebenen miteinander in Einklang gebracht.

Eigentlich hat Dupieux mit seinen Arbeiten nie behauptet, etwas anderes vorgelegt zu haben als Skizzen, doch "Realité" strebt spürbar eine höhere Vollendungsstufe an. Nicht alle Ebenen werden gleichermaßen geschickt verarbeitet (der Handlungsstrang um Heder, dem von einem vernarbten Hautarzt quasi "Hautausschlag im Gehirn" attestiert wird, bleibt eine zu frei schwebende Meta-Aussage über das Werk selbst), der Kern um einen Regisseur und seine Drehvorbereitungen jedoch überzeugt in seinen feingesponnenen Interferenzen, auch wenn man jede Idee, ja beinahe schon jede Einstellung glaubt, bereits einmal in einem anderen Film gesehen zu haben – und das muss nicht unbedingt einer von Dupieux selbst gewesen sein.

*weitere Informationen: siehe Profil

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