Staffel 1
Halb Pferd, ganz Topserie
"Bojack Horseman" ist ein Phänomen. Eine der ersten animierten Netflix-Exklusivserien, zuerst etwas kritisch beäugt, nicht immer ernst genommen und unter dem Radar - und mittlerweile ein heißer Kandidat für die Serien-Hall of Fame. So schnell kann das gehen. Und wer Staffel 1 sieht, weiß auch sofort warum dieser abgehalfterte Hufenstar so beliebt ist. Wir folgen Bojack Horseman, der einst in den 90ern ein gefeierter Sitcomstar war und sich nun im Herbst seiner Karriere durch die Traumfabrik quält. Mit Alkohol, One Night Stands und anderen Skandalen. Nun soll seine Biographie endlich die Wende bringen, was natürlich auch nicht glatt geht, bei einem solchen Narzisten und Egoisten und Drecksack. Doch unter all diesem Schmutz und der harten Schale, verbirgt sich vielleicht doch noch ein fehlerhafter aber echter, gefühlvoller Mensch. Ähm Pferd. Oder was auch immer...
"Bojack Horseman" ist ein Meilenstein in Sachen Netflixserien und jeder, der sich auch nur einen Hauch für animiertes Fernsehen für Erwachsene interessiert, muss diesem liebenswerten, alles andere als perfekten Misanthropen einfach eine Chance geben. Bereuen ist nahezu ausgeschlossen. Zu ehrlich, zu clever, zu subversiv ist das Ganze. Ein Sog, von dem man sich gerne wegtreiben lässt. Vor allem hintenraus merkt man eine Dunkelheit und Kreativität, für die andere Serien Jahre brauchen oder an die sie nichtmal denken...
Positives
+ Bojack ist einfach eine coole Sau. Extrem vielschichtig und interessant. Das Gegenteil von eindimensional.
+ perfekte Synchronstimmen wie Will Arnett oder Aaron Paul
+ bizarre, witzige Nebenfiguren (Mr. Peanutbutter!)
+ grandiose Welt. Wie unsere. Nur bunter, haariger, lustiger.
+ viele Hommagen an und Parodien auf die Traumfabrik und etliche ihrere Stars
+ Gaststars sprechen sich zum Großteil selbst
+ politisch öfters wunderbar unkorrekt
+ spielt die Netflix-Freiheit aus
+ etliche Insider und Jokes im Hintergrund ("I'm a Zelda!")
+ neugierig machendes World Building
+ frech, intelligent und locker geschrieben
+ Backstories machen Lust auf mehr, vor allem Bojacks harte Kindheit
+ später extrem düster und wahnsinnig reif
+ mit trippigen Sequenzen und optischen Highlights
+ etliche Überraschungen und Twists
+ "echter" als die meisten Serien mit nicht gezeichneten Figuren
+ Mut zu Tabuthemen oder dunklen Tönen (Alkohol, Drogen, Spielsucht, "Starzerstörung" usw.)
+ dutzende Wege, wo es noch hingehen kann
+ keine wirklichen Filler-Folgen
+ sehr interessanter Verlauf bzw. Aufbau der Staffel, von hell zu dunkel
+ dennoch ein gutes Gefühl hinterlassend
+ viel mehr Substanz als die meisten anderen "Zeichentrickserien"
+ depressiv aber dennoch aufbauend
+ Hollywood kriegt gehörig sein Fett weg
+ gesellschaftskritisch, hat immer was zu sagen
+ sehr nah am Zeitgeist, sehr "cool". Und das nicht aufgezwungen oder gewollt
+ Bojacks Beziehungen und Zukunft liegen einem am Herz
Negatives
- Weihnachtsspecial war weniger toll (selbst wenn es offiziell gar nicht zur Premierenstaffel gehört)
- tonale Schwankungen muss man erstmal verdauen bzw. einordnen
- hintenraus sehr viel stärker, was die Richtung angeben könnte
- Bojack (und viele andere Figuren) können echte Arschlöcher sein
- nicht die hübscheste Animationsserie, um es nett auszudrücken
- man kommt vielleicht nicht sofort rein, etwas Eingewöhnungszeit ist notwendig. Doch es lohnt sich dran zu bleiben!
- kaum was bis gar nichts für Kinder
Fazit: "Bojack Horseman" rockt und ist ein Instant Winner für Netflix. Etwas Steigerungspotenzial ist zwar noch da, doch so wie sich Staffel 1 entwickelte, bin ich mir sicher, dass hier etwas ganz Großes in Gang kommt. Nihilistisch, ehrlich, tierisch, menschlich. Witzig, traurig, echt. Mit Schatten, Facetten und Falten, wie sie kaum eine andere animierte Serie bietet. Bojack und seine Hollywoodeskapen sind Warnung, Heidenspass und Schocker zugleich. Was für ein Ding! (9/10)