Review

Fick ja, Van Damme! Habe ich mir letztens erst einmal wieder hart gegönnt. Voll slay, Brudis! Okay, lassen wir den Slangscheiß, aber was wahres ist dran: "Leon", anderenorts "Lionheart", "Full Contact" oder komplett sperrig "A. W. O. L - Absent without Leave" betitelt ist ein durchaus unterhaltsamer Mischmasch aus "Kickboxer" - Familienracheplot und "Blood Sport" - mäßiger Untergrundkampfturnei moralisch zweifelhafter Ausprägung. Naja, wie es illegale Straßenkämpfe hält meistens sind. Dementsprechend kommt der Film stellenweise erfrischend dreckig und unglamourös um die Ecke geschlichen und versetzt seine Zuschauerschaft in jenen glorreichen Zeitabschnitt, als die frühe Neunziger noch die späten Achtziger waren. Glaubt mir, wenn ihr den Streifen gesehen habt macht das Sinn: das Ganze wirkt, als hätte es schon ein paar Jahre fertiggedreht auf Halde gelegen.

Mein Mediabook war im Übrigen einer jener Käufe aus den 4 1 / 2 Jahren, wo ich selbst Kampfsportler (naja, eher Selbstverteidigungsschüler) war und dadurch erstmals so richtig Bock auf diese Art von Kloppkino hatte. Wie bei mir üblich lag er dann eine Weile geduldig im Regal, bis mir dann die Stunde schlug und die Scheibe gestern pünktlich zum Feierabend mit einem standesgemäß zimmerwarmen Oettinger Export reingezogen habe. Enttäuscht wurde ich nicht, im Gegenteil: auch, wenn eines der Missionsziele Van Dammes (RACHE!!!!!) in dem Film zu kurz kommt wird einem reichlich anderes feines geboten, noch vor den KÄMPFEN!!!!! Vor allem DRAMA!!!!! Sogar eine relativ große Menge DRAMA!!!!!

Das Glück ihres Namensvetter Jean - Paul haben die Gaultier - Brüder definitiv nicht gepachtet: während Leon sich als Fremdenlegionär verdingt bestreitet Brüderchen Francoise in den USA seinen Broterwerb als Dealer und wird bei einem Geschäfstermin nicht nur um sein Geld beschissen, sondern auch noch nach einer Benzindusche weit über den Garpunkt hinaus zergrillt. Brüderchen Leon will ihn auf dem Sterbebett besuchen, aber der Kommandant hat mal wieder die Post einbehalten und somit endet Leons Karriere bei der berühmten Légion Entrangere in Fahnenflucht bzw. als Kohlenschaufler im Kesselraum eines Schmugglerdampfers.

In New York an Land gespült sucht unser Protagonist nach Kohle, um seinen (inzwischen toten ) Brüder zu besuchen, dessen Witwe nunmehr einen Arsch voller Schulden, eine durchzufütternde Tochter und bald keine Wohnung mehr hat. Nach Belaberungsversuchen des Ex-Kämpfer und Gossenpromoters Joshua Eldritch lässt Leon sich auf einen neuen Job als Gassenhauer vom Dienst ein und steigt langsam in den Rängen der Straßenkämpfer auf, bis eine verschmäht Geschäftspartnerin den Champion Atilla auf ihren einstigen Liebling hetzt. Und dann waren da noch die zwei wachhabenden Oberdullies von französischen Geheimdienst, die den Deserteur zurück in die väterlichen Arme der Fremdenlegionär bringen sollen. Na gut, wenns sein muss...

Wie gesagt haben wir das alles ein bis zwei Jahre zuvor bereits gesehen. Und wie so oft: Was soll's. Ja, im Grunde haben Regisseur Sheldon Lettich und sein Star zwei Van Damme'sche Kino Hits zu einem zusammengeschraubt, die Seriennummern abgefeilt und dem ganzen Haufen erst eine bittere Gossenpatina verpasst, um danach alles mit Goldlack zu übersprühen. Als Beleidigung der Zuschauerintelligenz kann man das trotzdem nicht bezeichnen, denn 1990 von Vam Damme zu verlangen, sein Kino Werk vielfältiger zu gestalten war damals schon ungefähr eine genau so blöde Idee, wie Metallic darum zu bitten, auf ihren Konzerten den verfickten Ton runterzudrehen. Zumindest vor Erscheinen des schwarzen Albums. Den Rest dieser traurigen Geschichte kennt man ja. Aber der Karateschuster Van Damm bleibt hier treu bei seinem Ausgangsleisten.

Und variiert trotzdem, so wie AC/DC, als sie ihrerzeit "You shook me all Night long" schrieben: Das ist der Punkt, wo das DRAMA!!!!! ins Spiel kommt. Und die HERZIGKEIT!!!!! und, am allerwichtigsten, der FAMILIENSINN!!!!! Letzterer ist Leon nämlich trotz der Legionsstatute, dass man seinem alten Leben gefälligst zu entsagen hat nie wirklich abhanden gekommen, weswegen er in Joshua einen Mentor-Manager - Hybridfreund findet und den ganzen Kampfklumpatsch überhaupt mitmacht. Tatsächlich machen diese Szenen einen Hauptteil des Filmes aus. Kein Oscarmaterial, aber doch ein Abwechslungsgarant, zumal man sich fragt, welcher Gegner das fragile Bürgerglück als nächstes mit Fäusten torpediert. Auf eingeölte Muskelfetischshots und andere tolle Darstellungen kontrahierender Athletenkörper muss man dabei mitnichten verzichten. Mein persönliches Highlight unterschwelliger Homoerotik: Leon, der sich vor den Augen zugekokster Bonzrn im Ringeroutfit mit einem bebadehosten Surfertypen im hüfthohen Restwasser eines leergepumpten Pools balgt.

Jenen, die den 2008er "J. C. V. D." als bisher einziges ernstzunehmendes Schauspielrelikt des belgischen Kloppkünstlers beurteilen möchte ich "Leon" ganz besonders ans Herz legen. Ebenso jenen, die wie ich die MTV-mäßigen Schnittgewitter der Neuzeitaction hassen. Ach verdammt, ALLE sollten diesen Film schauen: "Leon" ist cool und fährt auch mit angezogener Handbremse ein ordentliches Tempo auf. Tut euch nur den Gefallen und wartet nicht mehr als zehn Jahre: Gesäß und Wirbelsäule tun mir gerade echt weh, weil ich mich seit gestern Abend wiederholt in den Arsch gebissen habe. 

Details
Ähnliche Filme