(K)eine keltische Kindergeschichte
In der feinen Animationsperle "Melodie des Meeres" geht es um einen kleinen Jungen, der seine Mutter scheinbar bei der Geburt seiner Schwester verliert. Jahre später wird er von seiner Oma in die große Stadt gezogen & muss nicht nur den Weg zurück auf seine heimische Insel finden, sondern auch feststellen, das seine kleine, wortkarge Schwester die letzte Selkie ist - eine magische Gestalt, die sich in einen Seehund verwandeln kann, mit spirituellem Draht zu den Fabelwesen irischer Sagen...
In einem Jahr der Minions & der unzählbaren Sequels, kann ich mich nur für Filme wie diesen oder "Erinnerungen an Marnie" bedanken. Klar sind die Minions, nur als Beispiel, auch lustig, flotter & actionreicher, haben genauso ihre Daseinsberechtigung, gefallen Kindern & Erfolg spricht eh für sich (& den mauen Geschmack der Masse). Aber trotzdem bin ich froh, dass es auch für Kinder & Kindgebliebene noch Stoff gibt, der mehr fordert, der mehr bietet, der viel, viel tiefgründiger ist. Ein Film wie "Song of The Sea", der sicher auch beim 5. Gucken noch Neues & Magisches bereit hält, was einem zuvor vielleicht nicht so aufgefallen ist. Ein Kind von 8 Jahren ist vielleicht etwas überfordert, kann den Film aber genauso genießen wie sein junger Vater mit 29 - beide haben Spaß & 90 verzaubernde Minuten, allerdings auf komplett unterschiedlichen Ebenen. Toll, wenn Filme alle Generationen zusammen bringen können.
All das klingt ungeheuer allgemein gehalten, trifft aber auf das neue Werk der britischen Animationsschmiede absolut zu. Trotzdem will ich noch auf ein paar spezielle Szenen & Aspekte kommen, die ich besonders toll finde. Da wäre ein Look & eine vor fantastischen, süßen, detailverliebten Ideen nur so sprudelnde Welt, die sehr an die Glanzzeiten des Studio Ghiblis erinnert. Mehr Kompliment geht visuell nicht. Dann natürlich die tragische (Familien-)Geschichte an sich. Durchzogen mit skurrilen Fantasiecharaktern, mal traurig, mal kindlich, mal sogar richtig schaurig. Definitiv vielseitig & nur gegen Ende vielleicht etwas zu rührselig. Meine Lieblingsstelle ist definitiv die Konfrontation mit der Eulenhexe in ihrem Turm - da schreckten die Kinder im Kino zwar zusammen, ich war aber absolut am Sitztand. Allgemein muss man aber natürlich darauf gefasst sein, dass sowohl Anspruch höher als auch Tempo niedriger liegen, wie gewohnt. Vor allem für Kinder & untrainierte Augen bzw. Besucher dieser Welt mit falschen Erwartungen, kann das alles etwas überfordernd sein.
Das Versinken in dieser keltischen Welt lohnt sich jedoch, selbst wenn einem die ganzen Sagen & Mythen fremd sind. Denn auch wenn der Protagonist Ben zu Beginn unsympathisch & seltsam antiheld-like daher kommt, macht auch er ein große Wandlung durch & ist alles andere als ein eindimensionaler Charakter. Die Beziehung zu seiner Schwester wirkt echt, von herzlich bis eifersüchtig, ist Herzstück des Films. Zusammen mit einem irischen Hammersoundtrack, der tief unter die Haut geht & im Ohr bleibt. Eine gute Nacht Geschichte, die zwar manchmal etwas einschläfernd wirkt, insgesamt aber vor Ideen, Liebe & Magie nur so Purzelbäume schlägt. Zeitweise erinnert das melancholische Spektakel an Indie-Videospiele, in denen man die Charakter mittlerweile auch eher durch ruhige, emotionale Abenteuer schickt, als durch actiongeladene Schlachten. Einfach eine mitreißende, verdammt gute Geschichte!
Fazit: selbst die Kleinsten werden unterbewusst feststellen, wie ungewöhnlich, wie künstlerisch & emotional wertvoll "Song of The Sea" ist. Ein bleibendes Kunstwerk - so viel bezaubernder als die gewohnte Hollywood-Massenware. Ein kleines, fragiles Wunder, dass solche "Arthaus-Kinderfilme" (doppelt ekliger Begriff!) noch gemacht werden!