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Josh Hutcherson spielt einen jungen Kanadier, der zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwägerin in Kolumbien lebt und an den paradiesischen Küsten als Surflehrer arbeitet. Er lernt eine Einheimische kennen und lieben, die ihn schließlich auch ihrem Onkel Pablo Escobar, gespielt von Benicio del Toro, vorstellt. Der Nordamerikaner gehört damit zur Familie des mächtigen Drogenbarons, der sich die Beliebtheit der verarmten Bevölkerung erkauft und seine Gegner, darunter kolumbianische Spitzenpolitiker, eiskalt ermorden lässt. Als sich der Drogenkrieg zuspitzt, wird die Nähe zu Escobar verhängnisvoll.

Hätte der italienische Schauspieler Andrea Di Stefano, der „Escobar: Paradise Lost“ als Autor und Regisseur stemmte, das Leben des gleichnamigen Drogenbarons verfilmen wollen, hätte die Laufzeit von zwei Stunden wohl kaum ausgereicht. Escobar, der in den 70ern ein gigantisches Drogenimperium aufbaute und erst Anfang der 90er gestürzt und getötet werden konnte, gehörte laut Forbes zeitweise zu den zehn reichsten Männern der Welt, während er quasi eine Monopolstellung im Kokainhandel innehatte. Er trat als großer Gönner der verarmten Bevölkerung auf, finanzierte Krankenhäuser und Schulen, hatte der Immunität wegen zeitweise hohe politische Ämter inne und konnte in Kolumbien jeden Gegenspieler problemlos ermorden lassen, darunter einen Minister und einen Präsidentschaftskandidaten. Seine Vita könnte problemlos mehrere Staffeln einer Gangsterserie füllen. Doch Di Stefano geht an das Thema ganz anders heran, er nimmt die Perspektive des fiktiven, naiven Kanadiers ein, der ins Umfeld des Drogenbarons gerät, so ähnlich, wie sich Kevin Macdonald dem afrikanischen Diktator Idi Amin in „Der letzte König von Schottland“ genähert hatte. Außerdem nutzt Di Stefano die historische Figur, mit der er recht frei umgeht, vor allem dazu, einen spannenden Thriller zu erzählen - und das gelingt ihm.

Dabei kann sich Di Stefano vor allem auf seinen Hauptdarsteller Benicio del Toro verlassen. Der charismatische Puerto-Ricaner, der bei seinem Oscar-Gewinn für „Traffic“ oder zuletzt beim nicht minder überzeugenden „Sicario“ im Drogenkrieg auf der anderen Seite des Gesetzes stand, ist für die Rolle des Pablo Escobar regelrecht geboren. Schon in der ersten Szene, in der er in aller Seelenruhe den jungen Kanadier anweist, eine wertvolle Fracht für ihn zu verstecken und anschließend seinen Fahrer zu erschießen, wird klar: Mit diesem Mann ist nicht zu spaßen. Ähnlich wie bei Joe Pescis Meisterleistung in „Casino“ muss del Toro nicht mal im Bild sein, um Angst und Schrecken zu verbreiten, seine Gegenwart ist immer spürbar, seine Schwergen sind überall. Und wenn er im Bild ist, dann ist seine Präsenz so erdrückend, dass man die Luft im Raum schneiden könnte. Hinzu kommt die großartige deutsche Synchronisation mit der tiefen, düsteren Stimme von Torsten Michaelis. Dabei erfährt der Zuschauer gar nicht allzu viel über das Leben und Wirken Escobars, doch das braucht er letztendlich auch gar nicht. Del Toro Darstellung bringt den Charakter des skrupellosen Verbrechers näher, während zumindest dessen Methoden, die ihm den Machterhalt sicherten, im Film deutlich werden. Del Toros Darstellung wird im Film durch den sympathischen und anfangs sehr zurückhaltend erscheinenden Josh Hutcherson zudem gelungen kontrastiert, der in den „Tributen von Panem“ ja stets darstellerisch etwas limitiert erschien, hier jedoch eine makellose Vorstellung abliefert. Das ist vor allem in der zweiten Filmhälfte der Fall, wenn der Kanadier im Angesicht der Gefahr über sich hinauswächst.

Zu behaupten, dass es allein del Toro ist, der „Escobar“ über das Mittelmaß hievt, würde Di Stefano, der ebenfalls ausgezeichnete Arbeit abliefert, jedoch nicht gerecht werden. Di Stefano hat eine gute Geschichte mit rotem Faden und perfektem Spannungsbogen geschrieben, die trotz einiger Klischees und einer nicht ganz so spannenden ersten Filmhälfte überzeugt. Er erzählt sie unterhaltsam und flüssig auch über den einen oder anderen Zeitsprung hinweg und gibt in der zweiten Filmhälfte schließlich richtig Gas. Wenn der Kanadier die schmutzige Arbeit Escobars erledigen soll und dann bei ihm in Ungnade fällt, verdichtet sich die fiebrige Atmosphäre, weil klar ist, dass es für den Protagonisten in Kolumbien keine Fluchtmöglichkeit, keinen Ausweg gibt, zumal Escobar auch bei Polizei und Militär den einen oder anderen Gefallen einfordern kann. Di Stefano entfesselt so schließlich eine atemlos spannende Hetzjagd, bei der vor allem die letzten Minuten nachhaltig im Gedächtnis bleiben dürften. „Escobar“ lebt aber auch von seinen Bildern, von den traumhaft schönen Einstellungen der kolumbianischen Strände, von den mit satten Farben eingefangenen Eindrücken eines gleichermaßen wunderschönen wie gefährlichen Landes.

Fazit:
Andrea Di Stefano ist mit „Escobar“ ein gradliniger, vor allem in der zweiten Filmhälfte atmosphärisch dichter und spannender Thriller gelungen, der des Weitern mit seinen berauschenden Bildern und dem großartigen Benicio del Toro überzeugt.

79 %

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