Ein Film, spannend wie die Adresse auf einem Brief
Chantal Akermans Filmstudenten(alp)traum und Arthousemeilenstein "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles" stand schon ewig auf meiner Watchlist - aber wann hat man schon mal über drei Stunden Zeit konzentriert einer alleinerziehenden belgischen Hausfrau bei ihrem trockenen Tagewerk zuzugucken? Oder wann will man(n) das wirklich? Denn (außer eventuell noch Bela Tarrs unendlich langen Kunstfilmen oder Warhols filmischen Farbtrocknungsexperimenten) hat kaum ein "wichtiges Filmwerk" diese Vibes der Langeweile, der Alltäglichkeit und der "Nichthandlung" - und gilt doch als schlicht unumgänglich für Kinonerds. Zumindest einmal in seinem Leben sollte man den gesehen haben, so die weitläufige Meinung. Und ich kann mich da nur anschließen. Vielleicht nicht "unter 25" in eines jeden filmischer Sturm- und Drangphase. Aber mit ausreichend Reife und Vorwissen, Zeit und Geduld, hat "Jeanne Dielman" sicher immer noch Power, Daseinsberechtigung und eine einmalige, einlullende Aura...
Ein Film... des Sehen, des Zusehen, des Beobachten, der Details, der Normalität, der Kraft der Frau, des Alltags, des Zuhauses, der Familie, der Einsamkeit, des Charakters, der Leere, der Fülle, der Eintönigkeit, der Beständigkeit, der Klassik, der Zeitlosigkeit, der Schwerelosigkeit, des luftleeren Raums, der Ideen, der Träume, der Hoffnungen, des Lebens, des Überlebens, der Melancholie, der Hypnose, der schweren Augenlider, des Mutes, der Mutterschaft, der Resignation, der Power, des Demuts, der Ruhe, der Mühe, der Filmkritiker, der Nische, der Nerds, des Anspruchs, der Nichtigkeiten, der Wichtigkeiten, der Richtigkeiten, der Inneneinrichtung, der Holzvertäfelung, der Schutzmechanismen, des Zusammenhalts, der Siebziger, der frankophilen Raums, der Momente, des Stillstands, des Auf- und Abs, der Reinigung, der Nacht, des Tages, des Tees, des Schnees (von gestern?), des Graus, des Grauens, der "Sight & Sound", der Bedachtheit, der Überraschtheit, des Kaugummis, der Dusche, des Handwaschgangs, der Gänge, der Enge, der Zwänge, der Strenge, der Menschheit, des Glaubens, des Zeitraubens, der Zeit, des Tun, des (Nicht-)Ruhm, der Tapete, des Kleisters, des Kämmen, der Bilder, der Spiegel, des Nachdrucks, der Relativität, der Emanzipation, des Internen. Ein Brecher!
Fazit: das gewollt-"langweiligste" und trotzdem spannendste "Hausfrauenepos" aller Zeiten. Einflussreich, langsam, fleißig, mysteriös und unique. Bis heute ein Meilenstein des (positiven und lehrreichen) "Gähnens". "Nichts" war selten gehaltvoller.