Giallo Horror Picture Show
"Father's Day" (2011) ließ damals – sieht man von den recht wohlwollenden Kritiken einmal ab! – vermuten, dass Adam Brooks, Matthew Kennedy und Conor Sweeney bloß einen beliebigen Low Budget-Film geschaffen hatten, der in den Spuren von Tarantinos & Rodriguez' "Grindhouse" (2009) wandelte. Wie ihre Co-Regisseure Jeremy Gillespie und Steven Kostanski haben sie sich aber ziemlich gemausert und mit "The Editor" einen der interessantesten neo-gialli der letzten Jahre geschaffen: Ein fröhlich dilettierendes, ausgelassen-albernes und dennoch von großer Treffsicherheit gekennzeichnetes, bisweilen subtiles & subversives, bisweilen vulgäres & lärmendes Bric-à-Brac aus giallo-Motiven & -Subtexten, das mit ausgesprochen eigenwilligen Qualitäten zu punkten versteht.
Die sadomasochistischen Erotik-Szenen aus "Lo strano vizio della Signora Wardh" (1971) geben sich ein Stelldichein mit den Morden aus "La tarantola dal ventre nero" (1971), die Tanzszenen aus "Murderock - Uccide a passo di danza" (1984) treffen auf das Kettensägen-Finale aus "L'uomo senza memoria" (1974); da schleppt gegen Ende ein Hund eine abgetrennte Hand herbei wie es zu Beginn in "Lo squartatore di New York" (1982) zu sehen ist; es gibt hell erleuchtete Räumlichkeiten hinter Glasfassaden im Dunkel der Nacht wie in "L'uccello dalle piume di cristallo" (1970) – und jede Menge schwarze Handschuhe in Großaufnahme, von Klingen bedrohte Augäpfel (die für das italienische Horrorkino insgesamt sehr typisch sind!) und Mordsequenzen aus der Sicht des Täters (bzw. der Täterin).
Abgesteckt wird das Ganze dann von den fernen Randgebieten des Giallothrillers – von seinen phantastischen Abwandlungen und den actionreicheren Terrorfilm-Varianten: Augen leuchten in der Dunkelheit wie in "Suspiria" (1977), Paz de la Huerta tritt im Finale auf wie der Tod in "Inferno" (1980), Inspektor Porfiry liest ein Buch über die Drei Mütter; auf die Spinnen- und Blindenhund-Szenen aus "L'aldilà" (1981) spielt der Film ebenso an wie auf die Axt-Szene aus dem Finale von "Quella villa accanto al cimitero" (1981). Und es gibt eine großartige Parodie auf die Vergewaltigung aus "Autostop rosso sangue" (1977), welche klarmacht, weshalb Adam Brooks als Rey Ciso ausieht wie Franco Nero in Pasquale Festa Campaniles kleiner Perle – und weshalb Conor Sweeneys Figur Konitz heißt.
Giallo-gemäß gibt es auch reichlich nackte Haut in diesem Film – insbesondere in den Szenen vom Film-Set. Und auch die dramaturgischen Momente tauchen hier [Achtung: Spoiler!] allesamt auf: von den vielen Verdächtigen, von denen dann doch keiner der Täter ist (welcher sich darüber hinaus auch noch als Täterin entpuppt), bis hin zu den falschen Fährten und okkulten Elementen. Wichtiger ist hier allerdings das bedeutende Kern-Thema der meisten guten gialli: Die Fehlleistungen der Erinnerung; die fehlerhafte Wahrnehmung... Der giallo war in den allermeisten Fällen ein Subgenre der getäuschten Wahrnehmungen, ein Subgenre der Unzuverlässigkeiten in der Wahrnehmung oder in der Erinnerung an das Wahrgenommene. Wiederkehrende, traumaverarbeitende Alptraumbilder, Tondokumente oder Gemälde sind mitunter verschlüsselte Erklärungen der Kriminalrätsel... Das kommt in weniger ambitionierten neo-gialli wie "Blackaria" (2010), "Come una crisalide" (2010), "Masks" (2011) oder "Francesca" (2015) etwas zu kurz, dominiert jedoch prestigeträchtige Beiträge wie "Amer" (2009) oder "Berberian Sound Studio" (2012), an welchen in "The Editor" die vielen Großaufnahmen von Schaltern und Knöpfen der Filmtechnik erinnern. Diese neo- oder meta-gialli reizen die Sinnlichkeit der audiovisuellen Wahrnehmung extrem aus und thematisieren darüber hinaus auch die mediale Vermittlung. "The Editor" – meta-giallo und Parodie zugleich! – treibt diesen Ansatz auf die Spitze: Cutter Rey Ciso leidet unter erheblichen Wahrnehmungsstörungen (und ist aus vielerlei Gründen einer der Hauptverdächtigen in einer kruden Mordserie am Film-Set). Weil er alles und jeden für bloße Fiktion hielt, habe er einmal in der Heilanstalt gesessen – erklärt sein einstiger Psychiater Dr. Casini unter Rückgriff auf Platons Höhlengleichnis: Und noch immer nimmt Ciso Markierungen des Filmmaterials wahr, auf welchem das Publikum ihn zu Gesicht bekommt. Inspektor Porfiry, der Ciso für den Missetäter hält und zu Konitz, dem ebenfalls schwer verdächtigen Co-Star des Films, eine latent homoerotische, kumpelhafte Beziehung pflegt, erkennt aber letztlich in Cisos Gattin Josephine die Täterin, während er sich Ciso psychisch und physisch (über eine Verstümmelung der Hand) annähert: Letztlich entpuppt er selbst sich als psychisch labil – Ciso ist bloß eine Fiktion Porfirys; ebenso Cisos Konkurrent Giancarlo, der sich letztlich als erfolgreicherer Kollege Porfirys entpuppt. Dr. Casini indes ist Porfirys eigener Psychiater. Und Porfiry flüchtet sich vor der Wahrheit in den Wahnsinn - und findet im Glockenturm der nahegelegenen Kirche eine Filmrolle, auf der er sein eigenes Schicksal betrachten kann. Sein Schrei des Entsetzens wird dem Publikum schließlich auf dem Monitor des Cutters dargeboten: Wahn & Wahrheit, Bild und Abbild geraten zu ununterscheidbaren, austauschbaren Größen in diesem Verwirrspiel, das sich auf Augenhöhe mit dem giallo über dessen doppelte Böden und unerwartete Wendungen amüsiert.
Gerade ein Blick auf Vorbilder fernab der gialli lässt diese Konzentration des Films auf die Täuschung ersichtlich werden: Matthew Kennedy sieht als Porfiry aus wie Donald Sutherland in "Don't Look Now" (1973) und ahmt gelegentlich dessen Mimik in diesem Film nach. Während der an "Quella villa accanto al cimitero" gemahnenden Axt-Szene erinnert er auch an Jack Nicholsons Jack Torrance in "The Shining" (1980). In Cisos Händen wölbt sich eine Videokassette wie in Cronenbergs "Videodrome" (1983) und der ominöse Glockenturm mag Assoziationen an "Vertigo" (1958) wecken. Filme also, in denen die Protagonisten Fehldeutungen ihrer Visionen erliegen, wahnsinnig werden, inmitten der Omnispräsenz des Bewegtbildes dem Realitätsverlust anheimfallen oder schlicht einer betrügerischen Täuschung erliegen. Und die Pointe des wahnsinnig werdenden Ermittlers steht in der Tradition von "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920): Hier wie dort gibt es zudem einen Cesare, wenngleich diese Namensgleichheit in "The Editor" mit seinen wohlbedacht gewählten Figurennamen ausnahmsweise einen Zufall darstellen dürfte. (Und selbst an Carpenters "In the Mouth of Madness" (1994) erinnert der Schlussgag des Films: auch hier ein Verwischen von Realität und Wahn.)[1]
Herausgekommen ist damit eine meta-giallo-Parodie, welche mit einer Fülle von Gags unterschiedlichsten Niveaus und unterschiedlichster Ausrichtung all den Strukturen, Selbstreflexionen und Motiven des Giallothrillers huldigt und sie liebevoll parodiert. Große Namen wie Paz de la Huerta und Udo Kier, berüchtigte Newcomer wie "The Human Centipede II" (2011)-Star Laurence R. Harvey leisten sich bei diesem Unterfangen jede Menge Mut zum Overacting und die Regisseure & Autoren Adam Brooks, Matthew Kennedy und Conor Sweeney geben sich in ihren Hauptrollen reichlich Mühe, möglichst häufig treudoof dreinzublicken. Trashige Überzogenheit kennzeichnet alle Film-im-Film-Momente, derweil der Rest bemüht ist, vermeintlich authentische Bilder und (von Claudio Simonetti ersonnene) Klänge in vermeintlich unfreiwillige Komik umschlagen zu lassen.
Und ganz nebenbei macht diese zwischen unscheinbarem Perfektionismus und berechnendem Laienspiel schwankende Giallothriller-Komödie auch noch den filmischen Umgang mit Frauen, Behinderten, Homosexuellen und Ausländern zum Thema – und mag so auch zum Diskurs über die Inszenierung des Anderen im populären Film anregen.
Ein in vieler Hinsicht außergewöhnlicher, stilecht imitierender und dennoch eigenständig-origineller Genrebeitrag - wenn auch nicht immer ganz geschmackssicher. 6,5/10
1.) Bloß Fellinis "Amarcord" (1974), der hier über einen Film im Film zitiert wird (wenn ein auf den Kirchturm gekletterter Protagonist lauthals sein Verlangen nach einer Frau verkündet), passt auf den ersten Blick nicht so recht ins Bild. Auf den zweiten Blick schon eher, wenn man berücksichtigt, dass "Amarcord" laut Fellini im Rimini-Dialekt "Ich erinnere mich" bedeuten solle und damit als (mitunter trügerischer?) Erinnerungsfilm zu sehen ist. Und es passt auch auf den dritten Blick: denn wie der fiktive Regisseur in "The Editor" (bei seiner Planung von "La vita") hatte auch Fellinis Guido Anselmi in "8½" (1963) – ebenfalls ein Film über Wahn & Realität! – alles & jeden in seinem Film unterbringen wollen. "La vita", der Film, bei dessen Produktion Rey Ciso seinen Verstand verloren habe, ist aber nicht zuletzt auch eine Parodie vieler Bemühungen des Autorenfilms der 60er Jahre, das Leben selbst adäquat einzufangen: Warhol mit seinem 24-Stunden-Film "****" (1967), Godard mit seinem späten Frühwerk ab "Pierrot Le Fou" (1965)... Und "The Editor" ist im Grunde selbst jener Film, welcher "La vita" unter Cisos Händen hätte werden sollen: Porfiry und seine Abspaltung Rey Ciso meinen festzustellen, dass ihre vermeintliche Realität bloß ein Film ist – und halten ihre eigene, vermeintliche Realität zudem auf Filmrollen gebannt in den Händen. Realität und Film sind hier unentwirrbar miteinander verknotet. Dass die Hauptdarsteller von "The Editor" zugleich auch die Regisseure/Autoren von "The Editor" sind, besitzt – anders als bei "Father's Day" – dann auch einige Konsequenz...