Review
von Leimbacher-Mario
Die vier fehlenden Finger des undurchsichtigen Cutters
Eine absolute Nische zu parodieren ist nicht einfach und meist noch weniger erfolgreich - zumindest den ersten Punkt haben die Kanadier von Astron-6 stark gemeistert, das Widerlegen des zweiten Punktes ist ihnen leider verwehrt geblieben, doch das war absehbar. Wussten sie wahrscheinlich sogar selbst. Dass vielleicht auch dadurch seitdem kein (Lang-)Film aus dieser sensationellen Retrowerkstatt gekommen ist, ist dennoch sehr schade. Da bleibt wohl nichts anderes übrig als „The Editor“ noch ein paar mal zu sehen, bevor die „Fathers Day“-Macher nachlegen. Womit ich gut leben kann, denn ich kriege von dieser aberwitzige än Gialloparodie nicht genug und halte sie für die wahrscheinlich kompletteste und schönste Produktion der Astron-6-Boys. Die Handlung ist verzwickt, umständlich, hakenschlagend - eben genau wie das bei einem Giallo sein sollte. Kurzform: in einer Produktionsstätte für billige Horrorfilme geht ein bizarrer Killer um, der seine Opfer nicht nur tötet, sondern sie auch immer einige Finger kürzer macht. Und da dem stoischen, wenig geschätzten Cutter des Studios seit einem Unfall vor einigen Jahren genau diese Finger fehlen, er seitdem eine klobige, halbe Holzhand trägt, steigt dieser natürlich in der Verdächtigenhitliste der orientierungslosen Polizei sehr hoch ein...
„The Editor“ ist hysterisch bescheuert und gleichzeitig atemberaubend hübsch - eine Kombi, die man selten sieht. Udo Kier nimmt sich selbst und „Suspiria“ gleich mit auf die Schippe, der elektronische Score geht nach vorne als ob er nichts anderes kann als in der ersten Reihe zu stehen und im Hintergrund macht mal eben eine hübsche Lady nackig Dehnübungen - ich kann nicht mehr! Vor Lachen, vor Bewunderung, vor Neid nicht mit den Jungs zusammenarbeiten zu können. „The Editor“ sprüht über vor Respekt vor solchen Klassikern wie „Four Flies on Grey Velvet“ oder „La Tarantola Dal Ventre Nero“. Famose Beleuchtung trifft auf sinnbefreite Dialoge, grandiose Bildkompositionen treffen auf eine (natürlich beabsichtigt!) nie ganz genaue Synchro, hübsche Frauen treffen auf deutliche Textilallergie. Das Ding hat alles und noch viel mehr! Der finale Test ob Gialloheads Humor haben und auch über sich selbst, ihre Zeit und ihre Meister lachen können. Für mich ist „The Editor“ ein moderner Comedyklassiker. Jetzt schon. Nicht für jedermann, aber wer will das schon sein. Wenn dieses Unikum trifft, dann aber richtig. Seine Nische befriedigt er wie zehn Nutten kurz vor Feierabend. Die Jungs wissen definitiv was sie tun und selbst das wirre, konfuse, doppelbödige Ende macht im Kontext und im Vergleich mit den parodierten Geschichten mehr Sinn als man meint. Kurz: ich liebe „The Editor“!
Fazit: überraschend respektvolle, äußerst hübsche und super unterhaltsame Giallo-Satire der Trashspezis von Astron-6. Wahrscheinlich die einzige und beste überhaupt. „The Editor“ ist heiss, cool und lässig. Die heilige Dreifaltigkeit. Witzig ohne Ende, jedoch fast nur für Spaß verstehende Fans von Argento, Martino, Fulci, Bava und Co. Ein Insiderwitz voller Charme, Kreativität und Esprit.