Nachdem David Cronenberg in seinen ersten beiden "richtigen" Langfilmen (nach einer Reihe von Semi-Dokus und Kurzfilmen) "Shivers" und "Rabid" die sexuelle Komponente einer sich transformierenden Physis und Psyche unter die noch nicht allzu scharfe Lupe genommen hatte und die gängigen Bilder, Motive und Abläufe des horrorinduzierten SF-Kinos etwas durcheinander gewirbelt hat, bot er mit seinem dritten Werk "The Brood" jetzt eine stärke Verschmelzung der psychischen und physischen Pole dem Publikum an. "Die Brut" mag von Cronenbergs Werken inzwischen ziemlich angejahrt wirken - allein angesichts der Resonanz, die das zwei Jahre später entstandene Werk "Scanners" bekam - tatsächlich ist es aber im Gegensatz zu "Rabid" das komplexere und auch interessantere Werk. Und das gilt auch, wenn Cronenberg in dem Skript zahlreiche Versatzstücke seiner eigenen gescheiterten Ehe verarbeitete.
Gerade mal 90 Minuten lang ist "The Brood", länger braucht der Plot aber auch nicht, um seine mehr als brisante Prämisse und die noch provokanteren Bilder dazu zu visualisieren.
Der Zuschauer stürzt praktisch aus dem Stand (aus dem Vorspann) in die Handlung, indem man einer psychologischen therapeutischen Sitzung von Dr.Raglan (wie immer die subtil animalische Bedrohung: Oliver Reed) annimmt, bei der mittels einer Konfrontationsmethode der gestörte Patient sich mit seinen Ängsten, Agressionen oder Psychosen auseinander zu setzen hat. Raglan schlüpft, möglicherweise durch eine Form der Hypnose oder Selbsthypnose seitens der Patienten (der genaue Ablauf wird nicht geschildert), in die Rolle verschiedener Personen aus dem Umfeld des Patienten und bringt sie dazu, sich mit ihnen einzulassen. Gleichzeitig bewirkt die Methode seiner "Soma Free"-Klinik, Psychoplasmatics, die Manifestation körperlicher Merkmale, die das Innere praktisch nach außen kehren.
Identifikationsfigur wird Familienvater Frank Carveth (Art Hindle als Everyman), der diese Therapie als Zuschauer angewidert miterlebt, bei der dem Patienten Stichwunden, Narben und Brandflecken wachsen, weil er einem starken Vaterkomplex leidet. Franks Frau Nola hat ebenfalls in dieser Klinik eingecheckt und steht praktisch Frank nicht mehr zur Verfügung, allerdings befürchtet der besorgte Vater am Rande der Scheidung, daß seine Frau seine fünfjährige Tochter Candice an den Wochenende quält - die Beweise findet er auf ihrem Körper.
Die Folgen dieses therapeutischen "body horrors" enthüllt Cronenberg nur ganz langsam, zunächst wirkt der Film wie ein sehr intensives Beziehungsdrama in Thrillergriffweite, doch die Nachforschungen bringen den ersten Patienten als Informant hervor, dem krebsartige Wucherungen aus dem Hals dringen und der deswegen in der Klinik verharrt.
Nola selbst erweist sich als extrem gestört, mit einer Masse an agressiven Neigungen ihres Unterbewußtseins, die auf ihre Eltern (Mutter ev. gewalttätig, Vater ignoranter Alkoholiker), auf Frank und eventuelle Affären weisen.
Das Eindringen des Übernatürlichen wird erstmals sichtbar, als ein zu dem Zeitpunkt noch unbekannter bzw. kaum sichtbarer Angreifer mit einem Fleischklopfer Nolas Mutter im Beisein von Candice zu Brei haut. Andere Filme simplerer Bauart hätten jetzt die Folgen dem Vater angehängt, der als Zeuge dieses und der kommenden Todesfälle ein passabler Verdächtiger wäre, aber Cronenberg fixiert das Subhumane, indem er nach dem zweiten Mord den Angreifer selbst für die Behörden visualisiert: ein deformiertes kinderartiges Wesen, angetrieben von schierer Wut und Zerstörungslust, ohne Nabel, also nicht von einem Menschen geboren.
So dämmert dann die eigentliche Mutation von Körper und Geist allen Beteiligten: offenbar kann Norma ihren Haßgefühlen und Ängsten eine körperliche Form geben; Emotionen werden ausgebrütet und nehmen durch die Konfrontation Gestalt an, werden selbst körperlich und handeln eigenständig, was zu einer zunehmend unkontrollierbaren Bedrohung wird.
Cronenberg filtert aus der Ausgangsidee einen perfiden Thriller mit leichtem Bodycount, aber ungemein effektiven Bildern, indem er die Angreifer nur kurz oder eben detailarm präsentiert, selbst in der Autopsie muß man sich auf die Schilderungen des Pathologen verlassen, was zählt ist nur die Wirkung der kleinwüchsigen Wesen. Und diese sind trotz ihrer latenten anatomischen Verwandtschaft zu menschlichen Wesen so bedrohlich und fremd, daß man unwillkürlich frösteln muß, wenn die Bedrohung wieder einmal greifbar wird - wie speziell in einer auch heute noch geradezu sensationell wirkenden Szene, die einen schockierenden Mord in einem vollbesetzten Kindergarten schildert - eine riskante wie makabre Angelegenheit.
Als zusätzliche Metapher wählt der Regisseur den Winter als Handlungszeit, "warme" Orte gibt es nur wenige, draußen wirkt die eisige Bläue des Schnees und des Winterhimmels, die emotionale Kälte, die auch Frank (der mit der Situation überfordert ist) und Candice (die apathisch und traumatisiert wirkt) mit einschließt - nicht zuletzt den Arzt, der mit seiner Methode, den Folgen und der Variabilität der Moral seines Tuns unerträglich gleichmütig bleibt, bis er erst zum Schluß menschliche Züge zeigt.
In der Wirkung steigert sich "The Brood" noch, daß es um Morde an "Kindern", an kindlichen Wesen geht oder Kinder definitiv bedroht scheinen, der psychologische Reflex ist hier so gut herausgearbeitet, daß es nicht zu einer typischen Gegenreaktion kommt, den kleinen "Satan" notfalls einfach umzubringen - wobei die Möglichkeit hier eh sehr diskutabel bleibt.
Gewisse Schwächen hat "Die Brut" jedoch trotzdem: Samantha Eggar als Nola ist als Agressor ziemlich mäßig überzeugend, ihre Wechsel von Emotionalität zu blanken Haß wirken überzogen und teilweise aufgesetzt, Raglans Methoden überwiegend vage, seine Absichten rätselhaft. Die Materialisierung von Emotionen in eine selbständig agierende Form ist jedoch hochwirksam - nicht zuletzt in der recht berühmten "Geburtsszene" am Ende, die für die Spätsiebziger bestimmt ein harter Brocken zu Schlucken war und auch heute noch einen faszinierten Ekelreflex provoziert. Am Ende muß sich der Mann seinen unbewußten und ungewollten eigenen Ängsten bezüglich der Frau, dem unauslotbaren Wesen, stellen - steht eine neue Form der Konfrontation. Beschützerinstinkt, Partnerschaftlichkeit, Verbundenheit, Verlassensängste und die Hinkehr zu eigenen, männlichen Emotionalität (gleich welchem Härtegrad) stehen für Frank auf der Rechnung, mit dem Fazit, daß Beziehungen sich immer auf die nächste Generation auswirken. Stark, dunkel und abgründig, ein Schritt voran für den Regisseur. (8,5/10)