Review

Cronenbergs „Die Brut“ hat wie fast alles aus seinem Frühwerk viel mit Psychosomatik in Form einer Manifestation psychischer Geschwüre zu tun, die sich zur Überraschung der Betroffenen nicht als Krankheit oder Behinderung herausstellen, sondern zum Arm medialer Verlängerung ausformen; so wie „Die Fliege“ ihren Verfallsprozess zunächst als Weg in den sicheren Tod versteht, um bald doch eine (bei Cronenberg stets negativ konnotierte) Stärke daraus zu schöpfen, dienen die tumorartigen Auswüchse im vorliegenden Film der Optimierung menschlicher Weitervererbungsstrategien.

Obwohl die Überraschungsattacken entstellter Kobolde in Kinderjacken auf überrumpelte Erwachsene klar nach den Mechanismen klassischer Horrorfilme verlaufen, von denen sich Cronenberg spätestens seit „Spider“ (2002), streng genommen aber schon seit „Videodrome“ (1983) zu lösen begann (womit ihm heute möglicherweise ein Verständnis für das eigene Frühwerk abhanden gekommen sein mag), sind bereits endlos verschachtelte Subtexte in den vermeintlich geradlinigen SciFi-Horror-Plot integriert, die ein ganzheitliches, unmittelbares Verständnis für die Geschehnisse erschweren und als Resultat eine gewisse Trägheit mit sich führen; denn das Reißerische eines Genrefilms bricht nur dann hervor, wenn Cronenberg im autobiografischen Modus die Pferde durchgehen und er seine erste Ehefrau, die er einst an eine Sekte verlor, auf der Leinwand im wahrsten Sinne des Wortes erwürgt. Selbst wenn die Entfremdung der Ehefrau von der eigenen Familie zuvor milder illustriert wird, etwa in den Gesprächen zwischen dem Ehemann (Art Hindle) und dem Psychotherapeuten seiner Frau (Oliver Reed), sorgt eine Mischung aus Zorn und Unterkühlung noch für eine vergiftete Atmosphäre. Abseits dieser Szenen wirkt speziell die Kameraarbeit unangenehm objektiv, immer darauf bedacht, das Asymmetrische (die abstrakte Architektur der Polizeistation von Toronto, die wie ein Holzfußboden aussehende Wandverkleidung in Dr. Raglans Demonstrationssaal, die Blumentapeten im Haus der Schwiegermutter) so symmetrisch wie möglich einzufangen.

So wird die Verfleischlichung geistiger Entitäten anhand eines Buches mit dem Titel „The Shape Of Rage“ vorangetragen, der bei verschiedenen Gelegenheiten ins Bild gerückt wird und für sich genommen bereits Schlüsselbegriff für anregende geisteswissenschaftliche Diskurse sein könnte. Darüber hinaus geht es aber auch noch um das Durchbrechen von Masken: Die erste Szene zeigt ein Rollenspiel zwischen zwei Männern, augenscheinlich Vater und Sohn, gut ausgeleuchtet in einem ansonsten völlig dunklen Raum. Es ist nicht auf Anhieb ersichtlich, worin die Rolle besteht und worin die Natur. Erst spät offenbart Cronenberg mit einem Zoom-Out ein Publikum und es wird deutlich, dass nicht Vater und Sohn in einem Zwiegespräch zu sehen sind, sondern Arzt und Patient. Mit dieser Erkenntnis einher geht eine völlige Irritation des Zuschauers, der fortan in Hauptdarsteller Art Hindle – dies wiederum als Zugeständnis an das gut definierte Regelwerk des Genrefilms – eine Identifikationsfigur findet, die sich voller Verzweiflung durch den Plot bewegt, worin Dinge geschehen, die sich jenseits seines Kontrollbereichs finden.

Insbesondere wenn er sich auf das Mädchen (Cindy Hinds) konzentriert, kann Cronenberg es sich erlauben, die Genreregeln für den Einsatz roter Heringe zu missbrauchen; dass ihre Mischform als Opfer bzw. Medium im Stil des vier Jahre später folgenden „Poltergeist“ und als Kapuzengestalt wie in „Don't Look Now“ (1973) zur Ablenkung genutzt werden kann, kommt sämtlichen Handlungssträngen und ihrer Verknüpfung zugute. Vor allem lässt er das Publikum lange über die Verbindung des Mädchens mit dem/den deformierten Angreifer(n) im Unklaren. Ein Anorak als Kutte des Bösen? Wenn dem so ist, streut der Regisseur Verdachtsmomente in diese Parallele und schiebt somit die komplette Handlung in eine potenzielle Auflösung, die letztlich so nie aufgelöst wird.

Obwohl „Die Brut“ eigentlich über eine sehr kompakte Struktur verfügt, die sich immer unmittelbar um die Schützerrolle des Vaters dreht, wagt sich der Nebenschauplatz um einen Ex-Patienten (Robert Silverman) ein wenig vom Kern weg, indem er die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit des Gebotenen für einen erkenntnisreichen Exkurs kurz verlässt. Dennoch bleibt der Eindruck einer straffen Erzählung, die wenig Entropie benötigt, um ein Maximum an Zusammenhängen zu generieren. Der Eindruck des Schmucklosen kommt nicht von ungefähr, denn was entbehrlich ist, landet gnadenlos auf dem Schneideraum. Mit entsprechender Sorgfalt ist das Übrige zu betrachten; eine Bedeutung hat jede noch so kleine Verschiebung.

Das gleichzeitige Empfinden einer gewissen Trockenheit und einer dennoch unleugbaren emotionalen Aufgewühltheit aufgrund der sehr persönlich dargestellten Themen führt zwar zusammen mit der noch nicht völlig ausgereiften Signatur zu einem etwas unrunden Seherlebnis, dennoch ist „Die Brut“ wohl der erste große Cronenberg nach seinem experimentellen Kokon-Status aus „Stereo“- und „Crimes of the Future“-Zeiten.

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