"Es ist als hätten wir vergessen was wir sind."
In einer nahen Zukunft bedrohen Sandstürme und eine beschädigte Biosphäre die Menschheit. Durch Pflanzenkrankheiten sind Grundnahrungsmittel, wie Weizen, nicht mehr züchtbar. Einzig Mais ist eine sichere Nahrungsquelle. Die Menschheit ist stark geschrumpft und konzentriert sich auf die Produktion von Nahrungsmitteln. Technischer Fortschritt existiert ebensowenig wie das Militär.
Auch der einstige NASA-Astronaut Cooper (Matthew McConaughey) bewirtschaftet als Farmer Felder. Alleinerziehend bewahrt er außerdem das wissenschaftliche Interesse seiner beiden Kinder, was in der Schule und bei Freunden nicht gern gesehen ist. Durch merkwürdige Ereignisse im Haus erhält Cooper Koordinaten zu einem geheimen Stützpunkt der NASA. Dort wird er von seinem einstigen Professor Brand (Michael Caine) als Pilot rekrutiert. Mit dessen Tochter Amelia (Anne Hathaway) sowie Doyle (Wes Bentley) und Romilly (David Gyasi) soll Cooper in den Weltraum fliegen und in einer neu entdeckten Galaxie Planeten auf die Möglichkeit einer Besiedlung erforschen.
Christopher Nolan's ("Inception", "The Dark Knight"-Reihe) Science-Fiction-Epos "Interstellar" ist klassisches Kino in seiner reinsten Form. Es baut sich langsam, geradezu träge, auf, verlangt nach einem Interesse an den gebotenen, in hierigem Fall sehr wissenschaftlichen, Themen, setzt auf seltene, bodenständige Action und führt seine zahlreichen offenen Handlungsfäden zum Schluss erst zusammen. Zunächst ist also Geduld gefragt und davon einiges.
Die endzeitliche Welt wird in "Interstellar" entfaltet sich sehr langsam. In Nebensächlichkeiten erfährt das Publikum mehr über das Los der Menschheit, den Zustand der Erde, die Sympathie zu Wissenschaft und Technik und den alltäglichen Hürden. Mysteriöse Ereignisse werden mit nachvollziehbaren Argumenten begründet. Erst viel später wird sich herausstellen, dass der überaus langsame, dialoglastige und überlange Auftakt einen tieferen Sinn hat.
Auffällig ist zunächst, dass "Interstellar" nicht so wie die letzten Werke von Nolan in die epische Breite geht. Zunächst bewegt er sich sehr eng an den Figuren und zielt auf die Gefühle des Publikums ab. Eine Vater-Tochter Beziehung stellt das zentrale Motiv dar und hat den Hang zur Überdramaturgie. Das führt dazu, dass der Science-Fiction-Film stellenweise ein unerwartet emotionaler Film ist und gar nicht so sehr das rein technisierte Effektfeuerwerk, das man erwarten würde. Dieses kommt erst später.
Mit dem Start ins All beginnt auch ein überbordener Trip in die Welten der Physik. Bemannte Raumfahrt über lange Distanzen, Wurmlöcher, Schwarze Löcher, die Relativität der Zeit, Formeln, Theorien. Ob all das schlüssig verarbeitet ist, kann ein Laie nicht einmal annähernd bewerten. Hat man als Zuschauer aber den Mut dies zu akzeptieren, offenbaren sich durchaus überzeugende Situationen in einer hochintelligent konstruierten Handlung.
Gegen Ende wirds allerdings sehr utopisch. Und auch wenn alle offenen Punkte zum Schluss clever miteinander verbunden werden, stört es, dass nicht alle futuristischen Elemente erklärt werden.
Dramaturgisch ist "Interstellar" etwas holprig. Manche Bilder und Ereignisse würdigt der Film mit einem übermäßigen Anspruch aufgewendeter Laufzeit. Über andere rauscht er geradezu hinweg. In der ersten Hälfte finden sich nur wenige Höhen, die dafür sehr einprägsam sind. Erst die zweite Hälfte kann durchgehend mit einem spannenden Erzählrhythmus, überraschenden Wendungen sowie einer dichten Atmosphäre punkten.
Dank des orchestralen Soundtrack von Hans Zimmer reißt der Film ordentlich mit. "Interstellar" ist ein Film, der viel Atmosphäre aus der Bild und Ton Kombination gewinnt, gerade zur späteren Laufzeit.
Die digitalen Effekte erschaffen ansehliche Bilder von unserem und einem anderen Sonnensystem, die allerdings nicht die Qualität des vergleichbaren Films "Gravity" erreichen.
Die Darsteller agieren allesamt gut. Herausheben tut sich Matthew McConaughey ("The Wolf of Wall Street") mit einer großen Präsenz und variantenreicher Spielfreude. Die weitere namhafte Besetzung besteht aus Michael Caine ("The Weather Man"), Anne Hathaway ("Les Misérables"), Wes Bentley ("American Beauty"), Jessica Chastain ("Zero Dark Thirty") sowie Casey Affleck ("Der letzte Kuss"), die alle ansprechend aber weniger auffällig schauspielern.
"Interstellar" wandelt eindeutig auf den Spuren von Stanley Kubrick's Klassiker "2001 - Odysee im Weltraum", ist jedoch erheblich zugänglicher. Längen hat der Film durch seine nüchterne und philosophische Stimmung durchgehend. Und besonders bis zur Hälfte des Films kann der langwierige Aufbau und die zahlreichen, mit physikalischen Theorien überladenen, Dialoge die Geduld ordentlich strapazieren. Ist dies überstanden überrascht der Film allerdings mit einer unglaublich dichten Atmosphäre und beständiger Spannung. Vorausgesetzt man kann mit utopischen Elementen und den wissenschaftlichen Themen etwas anfangen.
9 / 10