Das Ende der Menschheit auf der Erde ist absehbar. Während der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre absinkt, sind die meisten Nutzpflanzen von Mehltau und ähnlichen Plagen befallen, sodass den Menschen zur Ernährung lediglich der Mais bleibt, der aber auch absterben wird. In Zukunftstechnologien wird schon lange nicht mehr investiert, vielmehr versucht man, irgendwie zu überleben. Matthew McConaughey spielt einen Ingenieur und ausgebildeten Astronauten, der als Landwirt eine Farm betreibt, auf der er mit dem Vater seiner verstorbenen Frau und seinen beiden Kindern lebt. Durch eine Gravitationsanomalie in seinem Haus werden ihm mysteriöse Koordinaten vermittelt, die ihn zu einem geheimen Standort der CIA führen. Von hier aus planen Wissenschaftler die Reise der Menschheit auf einen anderen, erdähnlichen Planeten. Sie können den ausgebildeten Raumfahrer für die entscheidende Erkundungsmission in andere Galaxien gut gebrauchen. Daher muss sich dieser nun zwischen seiner Familie und dem Überleben der Menschheit entscheiden.
Christopher Nolan, der vielleicht beste Regisseur seit der Jahrtausendwende, wird meist besonders mit einem bestimmten Adjektiv in Verbindung gebracht: Visionär. Er hat das Comic- und Superheldengenre mit seiner düsteren „Batman“-Trilogie um Jahrzehnte vorangebracht, dabei auch auf vielschichtige Charaktere, hervorragende Schauspieler und eine gute Story und nicht ausschließlich auf spektakuläre Zerstörungsorgien gesetzt. Zwischendurch hat er mit „Inception“ einen innovativen Sci-fi-Thriller abgeliefert, der definitiv als visionär bezeichnet werden kann. Überhaupt kann Nolan wie kein anderer Blockbusterkino und intellektuellen Anspruch kombinieren. Hinzu kommen mit „Prestige“ und „Memento“ zwei weitere herausragende und perfekt ausgeklügelte Thriller, die zu den Highlights der letzten beiden Dekaden gezählt werden können.
„Interstellar“ war aber nicht nur aufgrund der beeindruckenden Filmographie seines Regisseurs von Anfang an ein sehr interessantes Projekt, das war es sogar in mehrfacher Hinsicht. So war lange bekannt, dass Jonathan Nolan, Mitautor des Drehbuchs und Bruder von Christopher, Theoretische Physik studierte, während er das Drehbuch schrieb, wobei man zusätzlich auf weitere wissenschaftliche Expertise zurückgriff. Von daher konnte man gespannt erwarten, wie die Nolans Wissenschaft und Blockbusterkino denn kombinieren würden. Darüber hinaus wurde bereits in den Trailern deutlich, dass dieser Nolan emotionaler als die übrigen werden würde. Häufig wurde dem Regisseur vorgeworfen, dass seine Filme meist kalt und düster, nicht aber emotional oder einfühlend seien, weswegen der Virtuose wohl noch keinen längst überfälligen Oscar einheimsen konnte. Da das Projekt bereits seit Jahren geplant wurde, kann man ihm sicherlich nicht vorwerfen, vor allem deshalb verstärkt auf Emotion zu setzen, weil er seinem Oscar hinterherhechelt. Dennoch ist es eine spannende Frage, wie denn ein emotionaler Nolan-Film so aussehen würde. Kurzum: „Interstellar“ war von Anfang an eine lang herbeigesehnte Wundertüte mit vielen vielversprechenden Ansätzen.
Wenngleich diesmal einiges anders ist, so erkennt man im dramaturgischen Aufbau des Films dennoch zahlreiche Elemente eines typischen Nolan-Films wieder. Am Anfang und im Mittelteil treibt Nolan seinen Film ohne zu überhasten, aber dennoch stringent, voran, er verknüpft das Geschehen auf der Erde, wo die Tochter des Astronauten und die NASA-Wissenschaftler eine vertrackte Gleichung zu lösen haben sowie das Schicksal des Sohns auf der Farm mit dem des Raumfahrers, der in den Untiefen des Weltalls nach einer neuen Erde sucht. Dabei gewinnen seine Figuren an Profil, während Nolan allerhand Fragen aufwirft, die die Spannung hochhalten. Im Finale führt er die Handlungsfäden dann gekonnt zusammen, während die Stille des Weltraums der an „Suspiria“ erinnernden Spannungsmusik von Hans Zimmer weicht. Der Regisseur beantwortet die Fragen, deren Lösungen er bereits angedeutet, aber doch geschickt verschleiert hat und lässt einen verblüfften Zuschauer zurück. Das gelingt Nolan hier, wie schon bei den „Batman“-Filmen oder „Inception“, ausgezeichnet. Und das macht auch „Interstellar“ zu einem guten und sehenswerten Film, der zunehmend Spannung aufbaut und über die volle Lauflänge gelungene Unterhaltung bietet.
Ein Meisterwerk ist Nolan diesmal aber nicht gelungen, dafür macht er zu viele Fehler. Am Anfang lässt er sich viel Zeit, um seine Zukunftsvision einer sterbenden Erde zu zeichnen, um die Charaktere zu konstruieren und ihnen die notwendige emotionale Tiefe zu verleihen. Das funktioniert dank der guten Darsteller und der sehr eindringlichen, weil nicht ganz unrealistischen Weltuntergangsszenarien ganz gut, etwas behäbig ist der Film im ersten Drittel aber dennoch. Und auch im letzten Drittel gelingt Nolan nicht alles. Hier übertreibt er es ein wenig, fabuliert über 5-Dimensionale Wesen und strapaziert die physikalischen Grundgesetze ein wenig zu sehr, schickt seinen Protagonisten in einen hinter dem Schwarzen Loch verborgenen Tesserakt und opfert den bisher guten Grundeindruck von einem emotionalen Nolan-Film schließlich für ein unpassendes und kitschiges Happy-End, auf das man getrost hätte verzichten können. Zudem wird das Verhältnis des Raumfahrers zu seiner Tochter ein wenig überstrapaziert, während das zu seinem Sohn nicht weiter thematisiert wird.
Dennoch soll hier keineswegs der Eindruck entstehen, bei “Interstellar“ würde es sich um einen schlechten Film handeln, er ist ein tatsächlich visionärer Mix aus Emotion und Dramatik, eine großartige Zukunftsvision, ein Blockbuster, der Interesse an Naturwissenschaft zu wecken vermag, ein Bilderbogen, von dem man sich nicht abwenden kann. Es gibt herzzerreißende Szenen, wenn der von McConaughey verkörperte Protagonist seine Tochter verlässt, wenn er sich die zugesendeten Videos seiner Kinder anschaut, Szenen, in denen McConaughey nach “Dallas Buyers Club“, “True Detective“ und “Mud“ erneut unter Beweis stellt, dass er sich vom schauspielerischen Fliegengewicht zu einem der aktuell besten Charakterdarsteller entwickelt hat. Diese wechseln mit fulminanten Bildern der Weiten des Weltraums, an denen man sich kaum sattsehen kann, wobei auch die Effekte und Action-Sequenzen stets zu überzeugen wissen. Man sieht hier erneut, dass Nolan sich in visueller Hinsicht seit „Batman Begins“ Film für Film massiv steigern konnte. Besonders sehenswert sind die Aufnahmen des Wurmlochs bzw. des Schwarzen Lochs, bei denen auf physikalische Korrektheit Wert gelegt wurde. Wie schon bei Alfonso Cuarons Meisterwerk “Gravity“ bewegt sich die Kamera mitunter nahezu schwerelos durch den Raum, wobei immer wieder tolle Eindrücke von der Schwerelosigkeit wie auch von den Weiten des Weltraums vermittelt werden. Darüber hinaus darf man Nolan danken, dass er auf eine Inszenierung in 3D verzichtet hat, allein schon weil das Tragen der 3D-Brille angesichts der Laufzeit auf Dauer wohl zur Qual geworden wäre. Etwas enttäuschend sind allenfalls die Bilder der drei Planeten, die von den Raumfahrern bereist werden, da sich der Einfallsreichtum der Macher beim Austüfteln der fremden Welten hier sichtlich in Grenzen gehalten hat.
Wie zuletzt bei „Gravity“ gelingt auch Nolan besonders im Mittelteil eine abwechslungsreiche Mischung aus ruhigen Szenen, in denen er sich ganz den Weiten des Weltraums widmet, dessen Stille ins Kino transportiert und die Bilder für sich stehen lässt und Szenen, in denen Zimmers Score dröhnt, in denen eine hohe Geräuschkulisse erzeugt wird. Dabei streut Nolan immer wieder physikalische Fakten ein, die den Film interessant gestalten, aber auch nur dann, wenn sie dem Film und seiner Handlung dienlich sind. Er überfordert sein Publikum damit nicht und verhindert, dass “Interstellar“ zu einem anekdotenreichen Quasi-Dokumentarfilm verkommt. Außerdem philosophiert Nolan etwa über die Grenzen unseres Planeten, wenngleich sein Werk in dieser Hinsicht arg tendenziös daherkommt. Er hält darüber hinaus immer wieder Überraschungen, Wendungen und Ideen bereit, um die Spannung hochzuhalten und hat es einmal mehr geschafft, einen namenhaften Cast für sein Projekt zu gewinnen und die wichtigsten Rollen mit sehr guten und passenden Darstellern zu besetzen.
McConaughey sticht dabei natürlich heraus, ist glaubhaft in der Rolle des Durchschnittstypen besetzt, der nun letztendlich die Welt retten soll. Er transportiert den Konflikt des Protagonisten, der sich zwischen seinen Kindern und dem Schicksal der Menschheit entscheiden muss, stets hervorragend auf die Leinwand und erweist sich somit als perfekte Besetzung für die Rolle. Daneben ist eine gewohnt gute Anne Hathaway zu sehen, die nach “The Dark Knight Rises“ erneut mit Nolan gedreht hat, sowie ein routinierter Michael Caine, ohne den ohnehin kein Nolan-Film auskommt. Neben den drei Oscar-Preisträgern erweckt besonders die 14jährige Mackenzie Foy in der Rolle der jungen Murph einen guten Eindruck, wobei Jessica Chastain, die hier nach ihrer Galavorstellung in „Zero Dark Thirty“ in der Rolle der älteren Murph besetzt ist, ebenfalls voll und ganz überzeugen kann. Der Cast wird durch weitere bekannte Gesichter wie Matt Damon, Casey Affleck, John Lithgow und Ellen Burstyn, aber auch durch weniger bekannte Gesichter, die ebenfalls zu überzeugen wissen, komplettiert.
Fazit:
Christopher Nolan erweist sich erneut als visionärer Filmemacher, der Blockbusterkino und Anspruch zu kombinieren vermag. Er begeistert streckenweise mit berauschenden Bildern, mit seinen Handlungsfäden, die beim Finale geschickt zusammenlaufen, mit seiner bedrückenden Zukunftsvision und einem hervorragenden Cast, wobei er immer wieder interessante physikalische Fakten einstreut und diesmal auch für einige sehr emotionale Momente sorgt. Aufgrund des schleppenden Beginns, des etwas weit hergeholten Finales und des unpassenden Happy-Ends kann er aber nicht ganz an seine bisherigen Meisterwerke anknüpfen, wenngleich ihm hier teilweise eindrucksvolles Überwältigungskino gelungen ist.
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