Was „Secretary“ in letzter Instanz ist, dürfte Gegenstand so einiger Diskussionen sein, denn diese liebevoll gemachte Studie über Selbstverletzungen und Sadomasochismus bezieht ausnahmsweise einmal nicht Position irgendwelcher moralischen Vorgaben, sondern läßt seine Figuren auf das Simpelste für sich allein stehen, auf daß sich das Publikum sein eigenes Urteil bilden möge.
Das ist mir persönlich schon außerordentlich sympathisch, macht es einem Durchschnittspublikum jedoch um so schwieriger, denn nichts hat der Zuschauer lieber, als einen Film relativ schnell in eine bestimmte bzw. bekannte Kategorie einzuordnen, um einfacher damit umgehen zu können.
Maggie Gyllenhal spielt hier eine junge Frau, die nach langwieriger Therapie jetzt so weit zu sein scheint, das wirkliche Leben wieder in Angriff nehmen zu können. Allerdings ist ihr Drang zur Selbstverletzung (sie schneidet sich mit Vorliebe unter Stress mit Nähgeräten in die Oberschenkel) nur unterdrückt, das wahre Problem liegt nämlich in ihrem zerfahrenen Elternhaus, wo die Mutter langsam am depressiven und trinkenden Vater verzweifelt.
Bemüht kämpft sich die junge Frau über den ganzen Film hinweg in die Freiheit, auch wenn die anders aussieht, als man denken könnte. Denn ihr Job als Sekretärin eines Rechtsanwalts stürzt sie in ein neues Abhängigkeitsverhältnis, als ihr Chef (James Spader als undurchsichtiger Jedermann) ihre Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten bemerkt. Bemüht rückt er sie für ein Leben in Freiheit zurecht, bis er bemerkt, daß ihre Folgeleistungen mehr auf dem Wunsch beruhen, von ihm dominiert zu werden, da er bisweilen seine Lektionen mit Demütigungen würzt, weil er den Eindruck hat, es mit einem unreifen Kind zu tun zu haben.
Daraus erwächst folgerichtig eine sadomasochistische Abhängigkeit gegenseitiger Natur, in der er sie im Rahmen des Jobs für Fehler „bestraft“, während sie das still genießt und sich von ihrer Familie freischwimmt.
Doch die mangelnde Kommunikation schafft Probleme und als er sich selbst unsicher wird und das Ausmaß der Aktionen die Überhand über den normalen Arbeitsablauf bekommen, tritt er den Rückzug an. Unsicher in der eigenen sexuellen Position (er neigt gegenüber starken Frauen und Mandantinnen selbst zum Devoten), stößt er sie von sich. Sie muß sich erst selbst erforschen und über ihre eigene Schmerzgrenze gehen, um ihn davon zu überzeugen, daß Liebe und Schmerz nebenbei existieren können und das Bekennen zum Sadomasochismus für ihn kein Verlust der Identität bedeutet.
Es gibt in diesem Film diverse Szenen von bitterem und frischem Witz, deren Komik aber mehr der Unsicherheit und dem Selbstfindungsdrang der Protagonistinnen entspringen. An sich geht der Film vorsichtig distanziert und sehr behutsam mit seinen Figuren um, unterstreicht ihre Tragik und Einsamkeitkeit, betont ihre innere Leere und visualisiert so auf hervorragende Weise ihren Wunsch nach dem jeweils anderen Menschen, der die eigene Identität ergänzen könnte. Nichts wird erklärt oder zerredet, nichts wird auf das Dezidierteste analysiert und genau das ist so menschlich an diesem leisen Plädoyer für das Anderssein.
Zwischen liebevoller Kuriosität und Tragik erhebt dieser Film unausgesprochen seine Stimme für das Ausleben dominanter und devoter Züge und bietet so vielen Betroffenen ein brauchbareres Podium als so manche Dokumentation. Und allen, die mit dem Thema nichts anfangen können, kann er etwas Verständnis beibringen. Sofern das Publikum aufgeschlossen und ruhig genug ist, sich anhand dieses entspannten Films damit auseinanderzusetzen. (8/10)