Review

Vorneweg: Wer dieses Review liest, nimmt Spoiler in Kauf und erklärt sich hiermit damit einverstanden! *g*
„Secretary“ sagte mir leider gar nichts und ich bin nur zufällig in dieses Kleinod hineingestolpert, so wie sein restliches Publikum in Deutschland sicher auch, da der Film hier so was von unter den Tisch gefallen ist. Ausschlaggebend war bei mir die Tatsache, dass James Spader die männliche Hauptrolle spielt – einer meiner absoluten Favoriten seit Perlen wie „Sex. Lügen und Video“, „Frühstück bei ihr“ und „Todfreunde“. Wegen ihm hatte ich auch bei der Inhaltsangabe des Streifens keinerlei Bedenken, da einem Mr. Spader mit seiner reduzierten Art auch noch so heikle Themen äußerst sensibel und glaubhaft näher bringt. Demnach sah ich die lauernde Gefahr gebannt, dass die Rubrik S/M mal wieder Hollywoodlike mit einem Haufen lächerlicher Klischees durch den Dreck gezogen wird. Ich sollte Recht behalten.

Aber genug der Lobhudeleien für James Spader und ab zu „Secretary“. Maggie Gyllenhaal, die mir bisher offenbar entfleucht ist, denn ich kann mich spontan nicht erinnern sie schon mal gesehen zu haben, liefert eine unglaublich intensive Performance ab. Bis an die Schmerzgrenze sozusagen, was natürlich im Kontext eine ganz neue Bedeutung bekommt :-). Es ist eine Wonne ihr dabei zuzusehen, wie sie ihre Figur Lee Holloway vom depressiven und leicht verhuschten Mäuschen zu einer starken Frau werden lässt, die weiss was sie will und dafür mit allen Mitteln kämpft. Maggie ist in allen Lagen würdevoll und einfach liebenswert: Ob in Klamotten, die die nächste Humana-Box an der Straßenecke sogar angewidert wieder ausspucken würde, oder auf allen Vieren, wenn sie ihrem Chef die Post mit den Zähnen kredenzt und auch mit heruntergelassenem Höschen über den Tisch gebeugt, um ihm als pure Wichsvorlage zu dienen.

Wenn jetzt jemand mein Pamphlet bis hier gelesen hat, ohne den Film bereits gesehen zu haben, dann dürfte er beim letzten Satz sicher die Augenbraue skeptisch hochgezogen haben. Keine Angst - auch Mitmenschen, die mit S/M nichts am Hut haben, sind bei „Secretary“ gut aufgehoben. Es geht ‚einfach’ um eine Frau, die sich auf ihre Weise emanzipiert. Mit der Annahme der Sekretärinnenstelle im Büro des Anwalts Grey versucht Lee sich ein Stück weit von ihrem verkorksten Elternhaus und ihrer bedrückenden Kindheit und Teeniezeit zu lösen. Sie drückt ihren Schmerz und ihre Zerrissenheit schon lange in Form von Selbstverletzungen aus, denn nur wenn sie sich die Oberschenkel ritzt, fühlt sie, dass sie lebt.

Grey, selbst ein emotionaler Krüppel mit Angst vor Gefühlen, ist sofort von Lees Wesen fasziniert, weiss aber nicht so recht mit ihr umzugehen. In seiner Hilflosigkeit behandelt er sie nach und nach immer schroffer und bemerkt, dass Lee keinen Widerstand leistet und offenbar auch noch Spass daran hat. Er entdeckt dadurch an sich eine leicht sadistische Ader, was ihn sichtlich erstaunt und noch mehr verunsichert. Eine Zeit lang kosten die beiden das Befehl-Gehorchen-Bestrafen-Spiel voll aus und leben ihre Lust in einer sehr soften S/M Beziehung ausschließlich im Büro aus. Grey merkt irgendwann, dass bei Lee Gefühle ins Spiel kommen und schreckt zurück. Liebe? Die Braut spinnt wohl! Da er wegen seiner neu entdeckten Gelüste ohnehin gegen ein unbequemes inneres Chaos kämpft, stößt er Lee von sich, kündigt ihr und wechselt sogar die Schlösser aus. Männer…*kopfschüttel*

Unsere Heldin lässt sich zum Glück von seiner eilig errichteten Mauer nicht abschrecken und durchbricht sie durch einen großen und unglaublich konsequenten Beweis ihrer Liebe. Nach - in diesem speziellen Fall - extrem langen 3 Tagen kommt die Botschaft dann doch schon in seinem Kleinhirn an und er erkennt, dass sie seine fehlende Hälfte und Seelenverwandte ist und dazu noch eindeutig die Stärkere in der Beziehung. Was dann folgt, ist einfach nur noch schön und für mich eines der ergreifendsten Happy Ends der Filmgeschichte. Grey nimmt endlich die immens große Verantwortung eines Doms gegenüber seines Subs an, befreit die trotzige Lee aus ihrer misslichen und doch lustvollen Lage, kümmert sich rührend um sie und öffnet ihr seine verletzte Seele. Und wenn sie nicht gestorben sind, versohlt er ihr noch heute den Hintern.

Es fällt mir nicht leicht den Film in eine Schublade zu stecken und würde ihn am ehesten als großen kleinen Liebesfilm mit komischen Untertönen einordnen. Es ist für einen amerikanischen Film durchweg bemerkenswert, mit wie viel Respekt und Einfühlungsvermögen das Thema S/M behandelt wird und man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Drehbuchautorin ganz genau wusste, worüber sie da schreibt. „Secretary“ hat mich mit seiner Ehrlichkeit, seinem prosaischen Grundton und den unglaublich guten Haupt- sowie Nebendarstellern tief berührt und bewegt und mich sogar ein bisschen neidisch auf das werden lassen, was die beiden Hauptfiguren aneinander haben. Das hat schon lange keiner der üblichen ‚klassischen’ Liebesfilme mehr geschafft. Ich ziehe lediglich einen kleinen Punkt in der A-Note ab, weil es mir im Hinblick auf die folgenden Ereignisse ein bisschen aufstieß, dass Lee am Anfang des Films aus der Klappse entlassen wird: Die meisten S/M Freunde sind sicher kein Fall für den Seelenklempner.
9/10

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