Elf Produktionsfirmen, acht Kurzfilme, eine Anthologie: „México Bárbaro“ schickt sich an, der Welt zu zeigen, dass mexikanische Erde mindestens ebenso blutgetränkt ist wie US-amerikanische. Für Horrormären aus Vergangenheit und Gegenwart sollte sie also kein schlechteres Fundament liefern. Schauen wir doch mal, wie viel México in dieser Sammlung steckt…
1 – Tzompantli
Die bunten Rechenschieber, die man zumindest früher in vielen Kinderzimmern finden konnte, wird man nach der der Auftaktepisode „Tzompantli“ wohl mit anderen Augen betrachten. Der zungenbrecherische Titel bezeichnet eine Palisade oder eine vergleichbare Anordnung, die in mittelamerikanischen Ländern zur Präsentation menschlicher Schädel diente, welche in horizontaler und vertikaler Anordnung neben- bzw. aufeinander gereiht wurden – etwa, um die eigene Oberhand in einem Kriegsgefecht zu unterstreichen. Relikte dieses Brauchs sind bis heute mit der Architektur mancher Gebäude verwurzelt und dadurch auch eng mit der mexikanischen Kultur, die bekanntermaßen nah an den Grenzen zum Reich der Toten angesiedelt ist.
Man könnte den eröffnenden Kurzfilm von Regisseurin Laurette Flores fast schon als selbstlos bezeichnen, steht er doch hauptsächlich im Dienste des Hauptanliegens dieser Anthologie, die morbiden, aber faszinierenden Bräuche des Landes mit dem Rest der Welt zu teilen. Sie schlägt eine Brücke zwischen der mythologisch verschachtelten Geschichte des Landes und der nach wie vor vom Aberglauben bestimmten Gegenwart, indem sie die Dämonen aus dem Totenreich in den Körper und Geist heutiger Bandenmitglieder überträgt, die sozusagen im Sinne ihrer Urahnen agieren und dafür sorgen, dass dem Tzompantli nicht die Köpfe ausgehen. Als wäre das noch nicht genug, wird der kleine Ausblick auf das Spektrum mexikanischer Barbarei auch noch aus der Perspektive eines Journalisten erzählt und ein Bewusstsein für die bisweilen lebensgefährlichen Recherchen der Storyschreiber geschaffen.
Schade, dass dabei versäumt wird, einen spannenden filmischen Ausdruck zu finden, der die Episode als solche auch sehenswert geraten ließe. Die schäbigen Sets, der hässliche Farbpalette und der unverbindliche Wechsel zwischen teils unzusammenhängenden Schauplätzen (von einem abgehalfterten Straßenmotel in eine Disco zu einer nächtlichen Exekution auf einer Wiese und zurück)… da entsteht weder Atmosphäre noch Spannung oder Tiefe. Man kann eben nicht beliebig viele Ebenen in neun Minuten anreißen und hoffen, dass sich alles zu einer runden Sache verbindet…
2 – Jaral de Berrios
Dass man gerade inszenatorisch mehr von „México Bárbaro“ verlangen kann als das, was in der Eröffnung gezeigt wird, macht Edgar Nito mit seinem nachgaloppierenden Mini-Horror-Western deutlich. Schon der Establishing Shot, ein romantischer Ausblick auf die staubige Prärie bei Sonnenuntergang, macht viel dessen wett, was Laurette Flores’ Arbeit noch vermissen ließ. Auch in Sachen Kostüm und Maske überzeugt das Gebotene. Die Kleidung wirkt lumpig und verschmutzt, sie ist geblümt mit Blutsprenklern, die sich in zufälliger Anordnung auf dem Textil verteilen. Die Gesichter sind verrußt, die Zähne gelb, das Haar zerzaust. Wie generell im amerikanischen Western geht es auch hier um die Aneignung von Land und Besitz. Natürlich, nicht nur die USA, auch die Mexikaner haben eine Western-Kultur mit hohem Wiedererkennungswert, die hier mit dynamischen, temporeichen Einstellungen in einer abgerissenen Ruine mit weitem Umland wiederbelebt wird.
Der Regisseur spielt auffällig gerne mit Lichtquellen, positioniert seine Kamera entweder direkt in die Flugbahn der Lichtbündel oder gegen sie. Mit Zeitraffern lässt er die Lichtverhältnisse sich dynamisch verändern und erfreut sich an der Mutation der Schauplätze, die zu verschiedenen Tageszeiten jeweils anders wirken. Der Wechsel in die Nacht wird mit einer, sagen wir, choreografisch interessanten Sexszene begossen, die den Startschuss gibt für den Horror-Anteil. Spätestens hier werden nun gewisse Einflüsse durch Sam Raimis Regiestil deutlich: Ein Dämon erhebt sich wie eine Marionette in die Luft und wird von Ventilatoren in ein flatterndes Etwas verwandelt, die Kamera rast wie eine wilde Furie durch die offenen Gänge und am Ende mündet alles in einen 360-Grad-Wahnsinn. Zum Abschluss noch eine letzte, für den Western symbolträchtige Aufnahme und das Grauen, das aus mexikanischem Boden wächst, ist wieder um eine Pflanze reicher.
3 – Drena (Drain)
Der Boden scheint überhaupt eine magische Ausstrahlung auf die Regisseure zu haben, denn auch Aaron Soto befasst sich ausgiebig mit ihm. Genau genommen lässt er seine Hauptdarstellerin in einem Erdloch einen leblosen Körper finden, dem sie einen Joint aus den toten, kalten Fingern entreißt. Als sie diesen zu Hause im Bett raucht, erscheint ihr eine Mini-Kreatur, die ihr befiehlt, Blut aus der Vagina ihrer Schwester zu entnehmen (!), wenn er ihr nicht die Seele aus dem Anus saugen soll (!!)…
Selbst wenn man diesen völlig bekloppten WTF-Moment unter Mitwirkung einer hässlichen Claymation-Puppe mit den Genen der Kaffee-Aliens aus „Men In Black“ nicht in Betracht ziehen würde, hat Soto offenbar jede Menge David Lynch konsumiert. Die ereignislosen Stillleben, in denen er Personen und Gebilde leicht versetzt abfilmt, imitieren dessen Surrealismus, und zwar insbesondere jenen aus der „Inland Empire“-Phase (der mit der Hasen-Sitcom). „Drena“ ist eine dieser Erfahrungen, in denen das Inhaltliche zur Posse verkommt und zum abstrakten Kunstgebilde deformiert wird. Eine besondere Rolle spielt auch die Akustik: Der Tonmeister hat eine diebische Freude daran, Alltagsgeräusche auf Null zu pegeln (das Rascheln der Füße auf dem Bettlaken), unbedeutende, sich wiederholende Geräusche in den Vordergrund zu mischen (das Ticken einer Uhr, Smog aus Umgebungsgeräuschen) und das ganze Gebilde mit einem lauten Schlag wieder in sich zusammenfallen zu lassen. Als Pointe gibt es dann auch noch einen letzten Moment des verwirrten Stutzens, der beinah der berühmten letzten Szene aus Denis Villeneuves „Enemy“ Konkurrenz macht.
Das ist schon exzentrischer Kunstquatsch, keine Frage, aber solcher, bei dem es Spaß macht, zuzuschauen… und zuzuhören.
4 – La cosa más preciada (That Precious Thing)
Trolle und Naturgeister kennt man eigentlich eher aus Norwegen oder Irland, doch auch einige Mexikaner glauben an die Existenz der kleinen Plagegeister, die einem entweder Glück bringen oder das Leben verdammt schwer machen können… je nachdem, wie man sie behandelt. Die junge Dame aus Isaac Ezbans „That Precious Thing“ muss irgendwas falsch gemacht haben, denn sie wird zum Objekt der Begierde für ein ziemlich groteskes Exemplar der Gattung „Alux“, das es nackt und notgeil auf die Jungfräulichkeit der Menschenfrau abgesehen hat. Kaum ist der nutzlose Freund aus der Blockhütte ausgesperrt, wird rund ums Bett ein Haschmisch-Spiel in Gang gesetzt, das in einer widerlichen Orgie voller Körpersäfte endet, inklusive im Kreis tanzender Gnom-Buddies im Bildhintergrund. Durch die chargierenden Darsteller und die bei Tarantino abgelinsten Fake-Grindhouse-Schmutzpartikel wird die Schmuddeligkeit allerdings fast schon bis ins Lächerliche gesteigert. Wenn Ezban hier auf ein Problem seines Landes mit sexuell motivierten Verbrechen hindeuten möchte (laut Statistik wurden allein in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts drei Millionen sexuelle Übergriffe im Land registriert), dann tut er dies in der denkbar schrillsten Form. Das mit Pusteln übersäte Ferkel jedenfalls vereint die durchgeschmorten Sicherungen eines mutierten Gremlin mit den Körperabsonderungen von „Die Fliege“ und dem ordinären Exhibitionismus der Bestie aus „La Bête“, schwingende Gummi-Penisse in Großaufnahme inbegriffen. Wenn man so möchte, haben wir es hier mit dem Splatter-Highlight der Sammlung zu tun – nur dass eben gelb und weiß gekleckert wird statt rot.
5 – Lo que importa es lo de adentro (What’s Important Is Inside)
Fort von der Phantastik und hinein in die bittere Großstadtrealität führt uns Lex Ortega mit seiner Story über einen Kinderschreck von der Straße, der sich um die Belange eines Apartmentblocks kümmert. Eine betont hässliche Episode ist das, die Aufnahmen gefüllt mit endlos weiten Aufnahmen von spröden Betonbauten, die ihre Bewohner Wand an Wand in einem riesigen Ameisenbau einpferchen. Missgebildete Sozialstrukturen werden anhand vieler kleiner Details deutlich: Eine offenbar alleinerziehende Mutter, die den Blick selten auf ihre Kinder gerichtet hat, weil sie im Kopf offenbar damit beschäftigt ist, deren Überleben durch ihren Job zu sichern. Der zwielichtige Mann in Lumpen wird als solcher gar nicht wahrgenommen, außer von dem kleinen Mädchen, das in ihm den Teufel bemerkt, den ihre Mutter nicht wahrnehmen kann, da ihr das Leben einfach zu viel abverlangt, um ihr Gespür für die Bedürfnisse der Kinder zu bewahren.
Ähnlich wie die vorangehende Episode versucht auch diese zu schockieren, macht das aber nur bedingt an graphischen Eskapaden fest (sofern man das Gewühle in Gedärmen dazu zählen möchte, eingefangen über eine Kamera mit starkem Seegang), sondern vielmehr am inhaltlichen Kontext, der jedoch im Abgang ziemlich verpufft und etwas ratlos zurücklässt.
6 – Muñecas (Dolls)
Die „Isla de las Munecas“, eine Insel voller Puppen im Süden von Mexico City, nutzt Jorge Michel Grau als stimmungsvolle Kulisse für ein Hide & Seek aus der Slasher-Ecke, das seinen kontextlosen Inhalt so weit hinter dem ästhetischen Schwarzweiß der erzeugten Bilder versteckt, dass er zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Es geht weniger um das Schicksal der Frau, die sich verzweifelt ihren Weg durch die Sümpfe bahnt, als vielmehr um die stummen Beobachter, die überall von Bäumen hängen und auf Geröll sitzen. Ohne viele Worte beschwört der wohl erfahrenste Regisseur der Reihe die Geister der Vergangenheit, in diesem Fall des angeblichen Ertrinkens eines kleinen Mädchens mit einer Puppe. Das Festhalten an solchen Mythen sagt zumindest viel über die Glaubenskraft der Bewohner des katholisch geprägten Landes aus. Wenigstens dies stellt der Kurzfilm mit seinem unheimlichen Schauplatz überzeugend heraus, wenn er schon nicht dazu willens oder in der Lage ist, durch seine eigene Geschichte zu überzeugen.
7 – Siete veces siete (Seven Times Seven)
Weiter geht es mit der absonderlichen Odysee eines Mannes, der sich an einem See auf die recht umständliche Wiedererweckung einer Leiche einlässt. In der Folge erleben wir schwer nachvollziehbare Rituale und Bild gewordene Wahnvorstellungen, zu denen unter anderem ein in Flammen stehender Reiter gehört, der gemütlich seines Weges trabt, sowie eine Erscheinung der Arachne aus der griechischen Mythologie, die schon das Filmplakat des Alejandro-Jodorowsky-Debütfilms „Fando y Lis“ zierte. Jodorowsky scheint auch sonst ein großer Einfluss gewesen zu sein, lehnt sich die gesamte symbolische Kodierung an das einflussreiche Erbe des Chilenen. Ulises Gùzmans Beitrag eignet sich wegen seiner Rätselhaftigkeit nicht für jeden Zuschauer, wer aber schon bei „Drena“ seinen Spaß hatte, kann sich auf „Siete veces siete“ schon mal vorfreuen.
8 – Día de los Muertos (Day Of The Dead)
Während die Kollegen ihre filmischen Einflüsse vergleichsweise dezent in ihre Geschichten integrieren, kann man bei GiGi Saul Guerreros Abschlussfolge wohl kaum noch von Einfluss sprechen; denn „Dia de los Muertos“ ist schon ein astreines Rip-Off der Eskalationssequenz aus „From Dusk Till Dawn“. Die Genugtuung, mit der die gequälten Stripperinnen gegen aufdringliche Gäste zurückschlagen, entlädt sich mit derselben Genugtuung, mit der sich die Vampire im Titty Twister zum Einbruch der Dunkelheit outeten. Mit jedem ausgestochenen Auge und jedem zerquetschten Schädel wird der Blutdurst nur noch größer. Ganz wie beim großen Vorbild finden im Bildvorder- und Hintergrund mehrere Attacken zugleich statt, sobald der Startschuss ertönt ist; und man ist froh, als unbeteiligter Mann nur auf der Wohnzimmercouch zu sitzen und nicht auf der anderen Seite des Bildschirms irgendwo am Kulissenrand, wo man schließlich immer noch von einem abgebrochenen Stuhlbein getroffen werden könnte…
Dass wenigstens eine der Folgen den „Tag der Toten“ thematisieren würde, war wohl zu erwarten. Dass man dazu aber lediglich die berühmte Grenzland-Fabel aus dem großen Bruderland neu interpretiert, erscheint etwas zu bequem. Die mexikanische Identität darf sich wenigstens im gelungenen Make-Up und der Garderobe entfalten. Salma Hayeks Aura bleibt zwar auch 20 Jahre später absolut unerreicht, aber wenigstens wirken ihre Imitatorinnen nicht völlig unbeholfen.
Zusammengefasst
Die besten Regisseure Mexikos? Del Toro, Iñárritu und Cuarón wurden wohl übersehen, als diese Werbezeile verfasst wurde. Etikettenschwindel würden das aber trotzdem nur die naivsten Zuschauer bezeichnen. Horrorfilm-Anthologien sind normalerweise eben Sprungbretter für Regie-Newcomer mit wenig Erfahrung und eher selten Trainingsgelände für etablierte Fachkräfte. Von den Regisseuren aus „México Bárbaro“ hat mit Jorge Michel Grau („Wir sind was wir sind“) nur einer zuvor bereits einen Langfilm gedreht und sich damit einen etwas größeren Namen erarbeitet. Das unterscheidet diese Anthologie ebenso wenig von den US-Nachbarn wie die generelle Präsentation: Von einer raffinierten Rahmenhandlung keine Spur, stattdessen werden die acht Teile des Kuchens wie die Einzelfolgen einer TV-Serie einfach nacheinander abgespielt, verknüpft nur durch ihren Lokalkolorit und ein paar kurze CGI-Titeleinblendungen mit Folterinstrumenten, die Körperteile durchbohren (auch diese sehen wegen ihrer Hochglanzoptik so aus, als wurden sie von einem Neuling seines Fachs kreiert). Allerdings ist ein verwobenes Filmkonstrukt nach Art von „Trick ‘r Treat“ auch gar nicht das Anliegen der Beteiligten; vielmehr geht es darum, den Erschaffern von Kurzfilmen eine Vertriebsmöglichkeit zu geben. Ohne einen entsprechenden Kontext würden die einzelnen Zehnminüter wohl wie Floße im Golf treiben, ohne Aussicht darauf, entdeckt zu werden. Denn auffällig ist auch: Sämtliche Beteiligte haben bereits diverse Kurzfilme in ihrem Repertoire.
Zumal sich viele Einflüsse insbesondere aus dem amerikanischen Film finden lassen, kann man behaupten, das reine Handwerk wurde beim Unternehmen „Kurzfilm-Bündelung“ überwiegend aus dem Ausland importiert. In Sachen Aufmachung ist es eben ein typischer Anthologiefilm, wie man ihn zuletzt auch mit „Holidays“ oder den „ABCs Of Deaths“ zu sehen bekam. Die meisten Beiträge finden aufgrund der begrenzten Spielzeit auch keinen rechten Zugang zu einer kräftigen Pointe, aber auch das ist eine Schwäche, die mit den Nachbarn geteilt wird. Die nationale Schwerpunktsetzung und die gewählten Themen lassen aber durchaus ein gewisses Alleinstellungsmerkmal durchscheinen; es ist eben doch eine andere Seherfahrung, wenn es mal um die Legenden eines Landes geht, das sich noch nicht ganz so oft der Welt präsentiert hat. Insofern ist „México Bárbaro“ durchaus eine empfehlenswerte Alternative zu den Schauermärchen aus den 50 Staaten, die man doch inzwischen selbst als Europäer kennt wie die eigene Westentasche…
(5.5/10)