Der derzeit jüngste Viennale-Trailer stammt vom derzeit ältesten Regisseur der Welt und quillt geradezu über von dem, was die einen Altersweisheit, die anderen Altersschwachsinn bezeichnen würden: es ist einer jener Filme, der - wäre er nicht von so verschwindend geringer Kürze - für einen Großteil aller Zuschauer nahezu unerträglich sein dürfte.
Manoel de Oliveira, der sich mittlerweile dem 106. Lebensjahr annähert und nach einer überragenden qualitativen Hochphase in den 80er Jahren mittlerweile vor allem unaufgeregte, kleine Filme anfertigt, hat "Chafariz das Virtudes" aus Material erstellt, das im Rahmen seines bis dahin jüngsten (Kurz-)Films "O Velho do Restelo" (2014) entstanden ist, der bislang nur auf einigen Festivals zu sehen war. Ob der bedeutendste Brunnen in de Oliveiras Heimatstadt Porto in jenem Film eine ähnlich tragende Rolle spielt oder gar zusammen mit einigen erhellenden Hintergrundinfos in Szene gesetzt wird - etwa darüber, warum dem Brunnen der Tugenden ausgerechnet seine Marienstatue fehlt und wieso er (obwohl seit über hundert Jahren ein Nationalmonument) immer wieder mit unschönen Graffiti verunziert werden kann - ist mir noch unbekannt.
In "Chafariz das Virtudes" fehlt von Mängeln und Besudelungen jede Spur, ebenso von jedem Kontext: konzentriert sich de Oliveira doch bloß auf zwei steinerne Wasserspeier am unteren Ende des Brunnens, die er in strenger Symmetrie und durchweg statisch abbildet. Ein Brunnen der Tugenden ist "Chafariz das Virtudes" vor allem im kinematographischen Sinne: "Erbaue deinen Film auf Weißem, auf der Stille und auf Unbeweglichkeiten", schrieb Robert Bresson einst in seine Notizsammlung und de Oliveira nimmt diese Forderung sehr ernst; zum Weißen fügte er ein paar Grau- & Ocker-Töne hinzu, zur Stille ein angenehmes Plätschern, zur Unbeweglichkeit zwei fließende Wasserfäden. Nicht mehr, nicht weniger - eine Minute lang.
Ein Film, der einem Standbild beängstigend nahe kommt - und gerade dadurch zeigt, was Film und Foto voneinander trennt: "In dem Augenblick, in dem das kinematographische Bild dem Photo am nächsten kommt, unterscheidet es sich zugleich am radikalsten von ihm", orakelte Deleuze in seinen Kinobänden und hatte viele Filmliebhaber damit auf seiner Seite: Kubelka, Tarkowskij, McLuhan, Tarr, Benning... Benning lieferte fünf Jahre vor de Oliveira bereits einen Viennale-Trailer ab: "Fire & Rain" (2009), der ein nicht unähnliches Konzept verfolgt hatte: fließende Bewegung - als Werbefilm für ein Filmfestival und das Kino. Auch de Oliveira geht so vor und nimmt das Fließen in der fließenden Bewegung wörtlich und zeigt: fließendes Wasser.
Fließendes Wasser, fließende Zeit: "Chafariz das Virtudes" ist ein Film über das Vergängliche, dazu muss man sich nicht extra nochmals das enorme Alter des Filmemachers vor Augen führen. "Alles fließt", wurde Heraklit lange Zeit zugeschrieben: und man sollte nicht so voreilig sein, zu übersehen, dass zumindest diese Aussage beständig in sich ruht. Und dass man nicht zweimal in den Fluss steigen könne, weil das Wasser stets neues und man selbst stets ein Anderer sei, hindert einen trotzdem nicht daran, beispielsweise den Douro ziemlich verlässlich als den Douro identifzieren zu können. De Oliveira lässt nun auch nicht alles fließen, sondern bloß zwei unscheinbar kleine Wasserfäden, die sich aus den Mäulern der Wasserspeier ergießen, die - einander enorm gleichend und dennoch indiviuell erscheinend - in vollendeter Achsensymmetrik das Bildfeld zieren, das zum Großteil von der steinernen Mauer ausgefüllt wird.
Diese Mauer, die das verbirgt, was hinter den steinernen Fratzen zu sein scheint, die einen schier unerschöpflich scheinenden Wasservorrat ausspeien, macht aus diesem Alterswerk über Verharrung und Bewegung, über panta rhei und festgemauerte, unumstößliche Gesetzmäßigkeiten auch einen kleinen Film über das geheimnisvolle Quell allen Lebens: Rätselhaft und ewig wie die Sphinx stieren die teilnahmslosen Fratzen ins Leere, schütten unermüdlich Wasser aus und gewähren keinen Blick auf den Ursprung von dem, was sie ausströmen lassen. Angesichts dieser wie primitive, dämonische Götzenbilder wirkenden Figuren lässt sich erahnen, dass die Marienstatue selbst dann nicht in den Film gefunden hätte, wäre sie noch vorhanden.
"Chafariz das Virtudes" ist ein unglaublich unspektakulärer Film und es wird vermutlich Leute geben, die zweieinhalb nervtötende Stunden "Armageddon" (1998) dieser erbaulichen Minute der Tugenden jederzeit vorziehen würden; dabei ist "Chafariz das Virtudes" nicht bloß von konsequenter Formstrenge gezeichnet und ein perfekter Film über das Wesen des Films, sondern auch eine völlig unideologische und dabei von tiefer Spiritualität geprägte Beschäftigung mit Ursprung und Vergänglichkeit, die dieses vermutlich doch ausgesprochen persönliche Alterswerk zu einem würdigen filmischen Testament macht (wenngleich zumindest noch ein Spielfilm ansteht: "A Igreja do Diabo" (2015?), der sich nach diversen Finanzierungs- und Gesundheitsschwierigkeiten als 63. Film des Altmeisters nun in der Postproduktion befinden soll).
8/10