Der „Tatort: Vielleicht“ aus dem Jahre 2014 wurde der Abgesang auf den Berliner Hauptkommisssar Felix Stark (Boris Aljinovic) und mit dem 31. nicht nur sein letzter, sondern auch sein einziger Fall, in dem er ohne seinen Kollegen Till Ritter auskommen muss, der bereits nach der vorausgegangenen Episode den Dienst quittiert hatte. Drehbuchautor und Regisseur Klaus Krämer, der zuvor bereits die Berliner Beiträge „Machtlos“ und „Hitchcock und Frau Wernicke“ geschrieben und inszeniert hatte, machte aus Starks Abschied ein Mystery-Kriminaldrama, in dem es parapsychologisch zugeht.
Als die norwegische Psychologie-Studentin Trude Bruun Thorvaldsen (Lise Risom Olsen, „Solness“) bei Stark auf dem Revier vorspricht, weil ihre Alpträume ihr einen zukünftigen Mord an der Studentin Lisa Steiger (Tinka Fürst) verraten, bleiben Stark und sein Team freundlich, nehmen Trude jedoch nicht ernst. Als jedoch zwei Wochen später Lisa tatsächlich vergewaltigt und ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird, plagt Stark das Gewissen. Um den Täter (Niels Bormann, „Mondkalb“), der sich als Handwerker ausgegeben und sich so Zutritt zur Wohnung verschafft hatte, ausfindig zu machen, lässt er sich auf eine Zusammenarbeit mit der mysteriösen Norwegerin ein. Doch die sichtlich unter ihrer besonderen Begabung leidende junge Frau sieht eine weitere Bluttat voraus, in die auch Stark verwickelt ist…
Inwieweit es legitim ist, dass ein TV-Krimi wie der „Tatort“ übernatürliche Phänomene aufgreift, ohne sie zu widerlegen, sei einmal dahingestellt, soll an dieser Stelle aber nicht diskutiert werden. Ein Whodunit? gibt es diesmal nicht, dafür eine meist ziemlich verhuscht dreinblickende Norwegerin, die Deutsch mit Akzent spricht und der Polizei mehr Rätsel aufgibt, als es „herkömmliche“ Fälle tun. Trotz ihrer seherischen Fähigkeiten ist für Stark, Polizeipsychologe Robert Meinhardt (Fabian Busch) und die Kolleginnen und Kollegen Paula Wimberg (Laura Tonke), Malte Steiner (Christian Sengewald), Oleg Knipper (Dimitrij Schaad) und Maria Schuh (Anjorka Strechel) viel klassische Ermittlungsarbeit vonnöten, um dem Täter auf die Spur zu kommen. So wird ein Eindruck der ermüdenden Sísyphusarbeit vermittelt, die solche Fahndungen häufig darstellen. Interessanter- und perfiderweise lässt sich der Täter von den im Internet von der Polizei als Warnungen präsentierten Tricks für seine Vorgehensweise inspirieren und gerät irgendwann ausgerechnet an Trude. Bei seiner Verhaftung flucht und schimpft er wie ein Rohrspatz, was irritiert – insbesondere deshalb, weil das Publikum ansonsten nichts über ihn erfährt: Motive und Charakterzeichnung bleiben auf der Strecke, der Zufall spielte zudem eine zu große Rolle. Das ist eines der großen Versäumnisse dieser Episode.
Wer nun glaubt, der „Tatort“ richte seinen Fokus ergo auf den mit Trudes zweiter Vorhersehung verbundenen Fall, behält in gewisser Weise Recht: Dieser wird zu Starks großem Finale, nach dem Verlust seines Fahrrads (typisches Berliner Delikt: Fahrraddiebstahl) scheint er auch den Kampf gegen das Schicksal zu verlieren. Hierbei erfährt man jedoch nicht das Geringste über die Hintergründe der Tat und ihr Motiv, nicht einmal etwas über die Täter – seltsamerweise schien Krämer zu glauben, für diesen „Tatort“ auf all das verzichten zu können.
Dies ist die größte Schwäche dieses Films, der mit seiner melancholischen Atmosphäre, Olsens starkem Schauspiel und der sympathischen Ausstrahlung Starks als einfühlsamem Kommissar punktet. „Vielleicht“ zeigt, welche Bürde eine Begabung wie Trudes darstellen und zu welchen Konflikten sie im zwischenmenschlichen Bereich führen kann. Darüber hinaus erfährt man, an wen man sich wenden kann, droht man an einem Todesfall psychisch zu zerbrechen – und dass es nicht möglich ist, ein Praktikum bei der Polizeipsychologie zu absolvieren. Seine Versetzung hatte Stark übrigens schon vor seiner finalen Konfrontation eingereicht, ein eigentlich unnötiges Handlungselement angesichts des Ausgangs.
„Vielleicht“ ist ein Mystery-Drama mit vielen starken Momenten, dem über weite Strecken der Spagat gelingt, dennoch die knochentrockene Ermittlungsarbeit aufzuzeigen, statt sich in psychedelischen Sphären zu verlieren – der aber auch wichtige Elemente weitestgehend ignoriert, obwohl in Anbetracht seines häufig gedrosselten Tempos Zeit für sie gewesen wäre. Das lässt dieses ungewöhnliche, weil Parapsychologie als real existentes Phänomen behandelnde Berliner Finale leider recht unausgewogen erscheinen.