Der 12. Februar 1993 war ein schwarzer Tag in der englischen Kriminalgeschichte. An diesem Datum musste der 2 Jährige James Patrick Bulger sein Leben lassen. Entführt aus einem Einkaufszentrum, gequält und getötet von 2 10 Jährigen Jungen. Auf Grund der Grausamkeit löste der Fall weltweite Entrüstung aus und die beiden Täter mussten für mehrere Jahre ins Gefängnis. In indirektem Zusammenhang mit dem verabscheuungswürdigen Verbrechen wurde dem Psycho-Horror Mikey (1992) im vereinigten Königreich 1993 von der BBFC die Freigabe entzogen, da er die kaltblütigen Familienmorde eines 9 Jährigen Buben thematisiert. Gewalt, welche von jugendlichen Straftätern ausgeht, ist auch in Filmen ein heikles Thema. Insofern ist der spannende Mix aus Horror und Thriller auch auf Grund seiner beklemmenden Schonungslosigkeit bestimmt nichts für schwache Nerven. Die damalige Vorverurteilung der Sittenwächter ist aber meiner Meinung nach völlig überzogen, da es sich um ein rein fiktives Unterhaltungsprodukt handelt, welches zu derlei Taten weder anstiftet, noch sie in irgendeiner Weise verherrlicht. Wer also auf der Suche nach aufreibendem Nervenkitzel ist, dem sei Mikey wärmstens ans Herz gelegt, auch wenn das Drehbuch im Bereich Plausibilität und Nachvollziehbarkeit nicht immer die richtige Entscheidung trifft.
Auf dem Regiestuhl gab Dennis Dimster sein Debüt, welcher bereits als Darsteller in bekannten TV-Serien wie Drei Engel für Charlie, Fantasy Island oder Hulk mitgespielt hatte. Die Geschichte stammt aus der Feder von Jonathan Gassner, für den sein Skript die erste Arbeit zu einem abendfüllenden Spielfilm war, bis dahin schrieb er seine Drehbücher für einzelne Folgen von Freddys Nightmares (1989) und 21 Jump Street (1991). Das Verhaltensmuster des psychisch gestörten Mörders lässt sich am besten mit dem Killer des Horror-Klassikers The Stepfather (1987) vergleichen, in welchem ein liebender Vater seine Frau und seine Kinder auf Grund zwischenmenschlicher Spannungen und Harmoniewegfall tötet, die Spuren verwischt und dann eine neue Familie gründet, um diese nach den ersten Schwierigkeiten wieder zu ermorden. Der verstörte 9 Jährige Mikey (Brian Bonsall) wird von der Polizei zusammengekauert im Wandschrank entdeckt. Keiner würde nur im entferntesten auf die Idee kommen, dass dieser niedliche Junge gerade seine Adoptivfamilie bestehend aus Schwester, Mutter und Vater grausam ermordet hat. Ein neues Adoptionsverfahren weist den Knaben den ahnungslosen Pflegeeltern Neil (John Diehl) und Rachel Tranton (Mimi Craven) zu, während Mickey die Schulklasse der befreundeten Lehrerin Shawn Gilder (Ashley Laurence) besucht. Als seine Schwärmerei zur 17 jährigen Nachbarstochter Jessie (Josie Bissett) nicht erwidert wird und die neue Familienidylle erneut zum Bröckeln anfängt, greift Mikey abermals zu drastischen Mitteln...
Nachdem konsequenten, schockierenden Einleitungsmassaker, in welchem Mikey seinen plötzlichen Wandel vom niedlichen Sprößling zur eiskalten Mordmaschine ohne mit der Wimper zu zucken durchzieht, lässt es Dimster in seiner Inszenierung erst einmal ruhig angehen, um das neue familiäre Umfeld des so unschuldig wirkenden Knabens einzuführen. Als Ursache für Mikeys Abnormalität müssen gemäß gängiger Klischees etwas alibihaft traumatische Erlebnisse in seiner frühen Kindheit herhalten, welche beiläufig erwähnt werden und hinter vorgehaltener Hand unterschwelliges Verständnis für dessen Blutwerk erzeugen sollen. Die Harmonie, das Vertrauen und die Zuneigung zu seinen Bezugspersonen sind wichtige Eckpfeiler für bindungsgestörte Kinder, auch wenn diese Werte von neuen Pflegeeltern kurzfristig natürlich nur oberflächlich befriedigt werden können. Die heile Scheinwelt verkörpern John Diehl und Mimi Craven jedenfalls transparent, wenn sie den Jungen mit ihrer Liebe naiv überhäufen, was realistisch betrachtet eher die eigene Erleichterung darstellt, endlich ein Kind zu haben. Erzwungen und etwas weit hergeholt wirken allerdings die ersten Verdachtsmomente der Lehrerin Shawn Gilder (Ashley Laurence), welche nur wegen einer auffälligen Zeichnung und eines Betrugsversuchs des Jungen die Krankheit basierend auf eigener Internetrecherche komplett diagnostiziert haben will und auch ihre nachfolgenden Recherchemethoden können nicht immer überzeugen. Außerdem sind Konflikte mit der Glaubwürdigkeit vom Mikeys Kräften nicht von der Hand zu weisen, beispielsweise im alleinigen Leichen bewegen oder bei seinem Überleben des Treppensturzes. Von daher muss sich Gassner den Vorwurf gefallen lassen, das Drehbuch auf Kosten der Dramatik nicht immer zu 100% durchdacht zu haben.
Jene Makel sind aber kein Weltuntergang, da der Film beileibe keine langweilige Charakterstudie sein möchte, sondern ein knallharter, auf Spannung ausgelegter Horror-Slasher und hier offenbart Mikey seine wahren Stärken. Mikeys angeschlagene Psyche kann weder mit Kritik noch mit Zurückweisung umgehen und der Klassiker der verschmähten Liebe ist für Mikey der Auslöser, dass er unkontrollierbar rot sieht. Dabei schafft es der Mikey Darsteller Brian Bonsall mit seiner Darbietung die Transformation vom mustergültigen und liebenswerten Traumkind zum gewieften, empathielosen und eiskalt mordenden Satansbraten zu verkörpern und dem Streifen seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Bonsall antizipiert seine Figur jedoch nicht mit übertrieben verrücktem Minenspiel, nein er agiert mit einem einzigartigen, emotionslosen Killerblick, dass dem Zuschauer der Atem stockt, wenn er seine verdutzten Opfer zur Strecke bringt. Bemerkenswert ist, mit welcher Raffinesse er die Verbrechen wie Unfälle aussehen lässt und mit welcher Fantasie der hinterhältige Bengel fast jeden Gegenstand als Werkzeug seines Amoklaufes benutzt. Da werden Murmeln zur tödlichen Falle ausgelegt, ein Fön fliegt in eine bemannte Badewanne oder ein Sprungbrett wird zum Katapult in den Pool für die nicht schwimmende kleine Schwester umfunktioniert. Aber Mikey kann es auch rabiat, etwa mit einem Baseballschläger seinen Widersacher totzuprügeln oder mit Pfeil und Bogen auf Menschenjagd zu gehen. Sie merken schon, ein Gewissen kennt der unscheinbare Knirps nicht und gerade das macht ihn so gefährlich. Mikey muss sich auch vor den etablierten Genreikonen wie Freddy, Jason, Michael Mayers nicht verstecken.
Dass die weiteren Schauspieler sich mit ihren größtenteils soliden Auftritten schwer tun, bei der Güte von Bonsalls Leistung aus seinem Schatten zu ragen, ist keine ganz so große Überraschung. Mit der Besetzung von Josie Bissett als attraktive Teenagerin, welche zur ungewollten Schlüsselfigur von Mikeys Gewaltausbruch mutiert, ist es der Casting-Abteilung allerdings gelungen, zumindest für die Herren der Schöpfung einen optischen Leckerbissen bereit zu stellen. Bissett dürfte den meisten aus den Erfolgsserien Melrose Place und The Secret Life of the American Teenager ein Begriff sein und in Mikey beweist sie, dass sie neben ihrem gefälligen Äußeren auch mit darstellerische Qualitäten punkten kann. Ihre Darbietung wirkt selbstsicher und professionell, während die Performance von Lyman Ward, der den windigen Schulleiter gibt und neben anderen zahlreichen Kinofilmen auch in Nightmare 2 - Die Rache mitgespielt hat, meiner Meinung nach etwas enttäuschend ausgefallen ist. Fairer halber muss man jedoch hinzufügen, dass er ähnlich wie Ashley Laurence vom Skript mit einer etwas dämlichen Figurenzeichnung gesegnet wurde, da kann es schon schwerfallen, positive Akzente zu setzen, wenn man die Geisel seiner eigenen Rollendefinition ist.
Als ernstzunehmendes Psychogramm funktioniert Mikey nur bedingt, weil mögliche Ursachen zu schablonenhaft und rudimentär abgearbeitet werden und das Drehbuch sich auch Schwächen in Logik und Charakterisierung leistet. So ist Mikey eher ein Geheimtipp für alle, die auf nervenaufreibende Slasher-Unterhaltung setzen und die Qualität nicht ausschließlich nur an den blutigen Tatsachen ausmachen. Trotz ein bis zwei blutiger Gewaltspitzen lebt der Horror-Schocker eher von seiner enormen psychologischen Spannung und der tabuisierenden Wirkung seines jugendlichen Mörders, als von übertriebenen Splatterszenen und hat mit Brian Bonsall einen Darsteller, der in der Rolle des geisteskranken Killerkindes wahrlich aufgeht. "Weißt du, tote Menschen sind nicht diejenigen, vor denen man Angst haben muss, lebende Menschen." MovieStar Wertung: 7 von 10 Punkte.