Review

Scheiße, bin ich alt! "Mikey" habe ich irgendwann mit 15 gesehen, einige Monate, nachdem meine Eltern mir zum Geburtstag einen eigenen Fernseher schenkten (Röhre! Voll geil weil retro!), der selten genutzt in meinem Zimmer stand und wenn, dann nur zum DVD - schauen und zum gelangweilten Zappen am Abend. Warum ich den Streifen gesehen habe? Keine Ahnung. Ich tippe mal auf Langeweile, eine Vorahnung meines Trasherwachens oder die Hoffnung, ein cineastisches Kleinod zu entdecken, vielleicht auch ein Molotov Cocktail aller dreier Aspekte, der auf meiner Hirnrinde detonierte. Mutmaßlich klingelte eine Jahre alte Erzählung meiner Mutter über Mackauly Culkins Radikalimagewechsel "Das zweite Gesicht" im Hinterkopf und ich erhoffte mir anhand der Plotbeschreibung in der Fernsehzeitung einen ähnlichen Thriller. Bekommen habe ich stattdessen Billigheimerhorror, einige guter Lacher und jede menge Kopfschmerzen.

Grob umrissen ist "Mikey" die Slashervariation von "Kevin allein zu Hause": Protagonist ist ein 9 - jähriges Saublag mit soziopathischen Tendenzen: in einem Moment der scheinheilige Augenschein einer jeden Mutter lässt der Knabe mit dem Aggressionsproblem nur allzu gerne die Zuckermaske der Niedlichkeit fallen, um im nächsten Augenblick mit fiesem Blick durch den Film zu trampeln (wie verzogene Saugören das gerne mal tun) und alles abzuschlachten, was sich ihm in den Weg stellt. So metzelt das Arschlochkind aus der Hölle gleich zu Beginn seine gesamte Adoptivfamilie nieder, um kurz darauf von den ahnungslosen Behörden in die Hände zweier arme Schweine gegeben zu werden, die Adoption sei Dank die Unfreuden der Elternschaft bald am eigenen Leibe erfahren sollen. Aber auch ein abgebrühter Killer braucht mal Urlaub und so freundet sich Mikey mit dem Nachbarsjungen Ben an und lässt über lange Strecken des Filmes seine kleine schwarze Seele baumeln.

Bis der frühreife kleine Drecksack eine präpubertäre für Bens Schwester ausbrütet, die aus gutem Grund (10 Jahre Altersunterschied) kein Interesse an dem WInzpsycho hegt. Unter anderem das ist der Anlass für Mikey, in den Frank Zito - Modus umzuswitchen und wie ein wild gewordener Miniaturrasenmäher durch ein Feld unfähiger Erwachsener zu mähen, markige Mini - Terminatorsprüche inklusive.

'Nee, watt süß! Oder eher: watt sauer. Mikey, den man auch hervorragend Kevin, Marvin oder Cedric nennen können (leidgeplagte ErzieherkollegInnen kennen das Klischee! Und den Funken Wahrheit darin...) ist ein gar vortrefflicher Spaß für Kinderhasser, die gerne schreien "Ich hab's ja gleich gesagt!" und Pädagogen, die direkt hinterher rufen "Soweit kommt es irgendwann noch, bei diesen unfähigen Eltern heutzutage." Also, zumindest, solange was im Film passiert. Dazwischen gähnt die Leere in unüberhöbrarer Lautstärke durch den Film. Und selbst, wenn was passiert brennt einem die Frage "Warum?" auf den Nägeln. Ja, sicher, weil es sich um einen Horrorfilm handelt. Aber welche Umstände treiben bitteschön einen Neunjährigen dazu, die Käfigtür in seinem Schädel zu öffnen und das blutrünstige Vögelchen darin rauszulassen!? Die Antwort auf diese Frage hätte die Handlung zwischen den Morden durchaus interessanter gestaltet als das Hinterhercreepen hinter der Nachbarstochter und das Malen gruseliger Bilder. "Vor den Toten braucht man keine Angst zu haben. Vor den Lebenden schon." ist der Satz, der einer Erlklärung noch am nächsten kommt. Und dennoch nichts aussagt.

Na gut, dann bleibt ja immer noch der Mordsspaß, wegen dem wir alle vor dem Fernseher saßen. Der ist wie gesagt bis auf eine Ausnahme recht amüsant (das hinterfotzige Ertränken der eigenen Adoptivschwester: Assi hoch 3!), hätte aber auch für meinen Geschmack etwas jecker ausfallen können: Der Murmel - / Baseballschläger - Mord haut noch voll in die "Home alone" - Kerbe, diverse Schleuderschüsse, Föhne in Badewannen und andere Gemeinheiten auch noch gerade, aber der Rest ist irgendwie schon mal da gewesen. Dann wäre da noch das Ende, was ich damals als unglaublich gemein empfand. Da stellte ich mir mit 15 schon die Frage, warum keiner der saudummen adulten Figuren dem Bengel nicht mal ordentlich eine gepellt haben. Lediglich der Rektor der Grundschule gibt sich die Mühe (vergeblicher) Gegenwehr und bietet dem Zuschauer zusätzlich noch das absurde Bild eines Grundschulpädagogen mit Schußwaffe. Da hat wohl jemand "Die Klasse von 1984" gesehen und befürchtet nun das Schlimmste.

"Mikey" ist kein kompletter Schuß in den Ofen und hat sich seinen Kultstatus gewiss verdient. Aber ehrlicherweise habe ich den Film in den letzten zwanzig Jahren nicht sonderlich vermisst und nach der Schnelldurchlaufsichtung reicht es mir auch glatt für die nächsten zwanzig. Mal schauen, was ich mit 55 von dem Film halte.






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