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Alicia Vikander spielt Vara Brittain, die später als Feministin, Pazifistin und gefeierte Autorin auf sich aufmerksam machen sollte. In jungen Jahren wünscht sich die Tochter wohlhabender Eltern nichts sehnlicher, als in Oxford studieren zu können, entsprechend groß ist die Freude, als sie den Aufnahmetest besteht. Doch die Prioritäten verschieben sich, als 1914 der Erste Weltkrieg heraufzieht, in dem unter anderem ihr Bruder, gespielt von Taron Egerton, und ihr späterer Verlobter, gespielt von Kit Harington, kämpfen müssen. Sie selbst geht, als sie es in der Heimat nicht mehr aushält, als Krankenschwester nach Frankreich, wo sie mit Tod und Verstümmelung konfrontiert wird.

Im kollektiven historischen Gedächtnis der Deutschen sind vor allem Nationalsozialismus und Holocaust fest verankert, außerdem vielleicht noch die deutsche Teilung, welche die jüngere Geschichte bestimmte und deren Nachwehen bis heute noch überdeutlich spürbar sind. Dementsprechend widmen sich auch deutsche Filmemacher in großer Regelmäßigkeit Projekten, die im Zusammenhang mit diesen Kapiteln deutscher Geschichte stehen, wobei auch Ausnahmefilme wie „Das Boot“ oder „Das Leben der Anderen“ entstanden sind. Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, ist dagegen ein wenig ins Hintertreffen geraten. Nicht so in Frankreich, Großbritannien, den USA (oder selbst Australien), wo der Erste Weltkrieg präsenter ist, wo man sich an den gewaltigen Verheerungen filmisch weitaus häufiger abgearbeitet hat, ob mit „Wege zum Ruhm“, „Im Westen nichts Neues“ oder zuletzt mit „Gefährten“ und „Das Versprechen eines Lebens“. Mit der Verfilmung des autobiographischen Werkes „Testament of Youth“ der britischen Autorin Vera Brittain ist es Regisseur James Kent nun besser als zuletzt Spielberg und Crowe gelungen, den Zuschauern vor Augen zu führen, was der Krieg für die verlorene Generation des beginnenden 20. Jahrhunderts bedeutete.

1914 gingen die Armeen des 19. Jahrhunderts mit den Waffen des 20. Jahrhunderts aufeinander los. Wer sich, wie in den vorangegangenen Kriegen nicht unüblich, in die Offensive wagte, einen Überraschungsangriff startete, sich auf offenes Feld begab, konnte gegen Panzer, Scharfschützen, Granaten und Giftgas wenig bis gar nichts ausrichten, sodass vor allem in den ersten Kriegsmonaten unzählige Soldaten, viele davon keine 20 Jahre alt, sinnlos verheizt wurden. Es folgte schließlich der zermürbende Stellungskrieg an der Westfront. Die Überlebenden, die in den Stahlgewittern nicht ihren Tod fanden, wurden entweder körperlich verstümmelt oder mussten zumindest seelisch mit den aus heutiger Sicht unvorstellbaren Gewalterfahrungen zurechtkommen. Doch von all dem, vom Alltag der Soldaten, ihrem Leid, dem Sterben im Schützengraben, erzählt „Testament of Youth“ nur indirekt, er behält die Perspektive Vera Brittains konsequent bei.

Doch auch ohne verstörende Wackelkameraaufnahmen aus den Schützengräben ist „Testament of Youth“ stellenweise ernüchternd und bedrückend, wie kaum ein anderer Kriegsfilm aus jüngster Zeit. Wenn Vera Brittain bei einem Kameraden ihres verstorbenen Verlobten nach den Umständen des Todes fragt, nachdem in einem Telegramm von einem schmerzlosen Sterben die Rede war, folgt die ernüchternde Wahrheit, welche die Sinnlosigkeit des Krieges ähnlich aufwühlend verdeutlicht, wie es bereits Bernhard Wicki mit „Die Brücke“ bezogen auf den Zweiten Weltkrieg gelungen ist. Verstörend sind auch die Bilder aus den Feldlazaretten, in denen die Briten schwer verwundete deutsche Soldaten unter erbärmlichsten Umständen operieren, sie vermitteln Eindrücke von einem Ort, an dem der Tod allgegenwärtig ist. Die schwelgerischen Bilder, in denen Kent seinen Film inszeniert, wirken im Kontrast zu solchen Szenen unerträglich surreal. Bei aller visuellen Schönheit ist „Testament of Youth“ durchweg ein Film über eine verlorenen Generation, die ohne eigenes Verschulden als Spielball ihrer Regierungen verheizt wurde. Wenn ein Schicksalsschlag dem anderen folgt könnte man die Geschichte kaum noch glauben - wenn sie nicht wahr wäre. Da hätte es einige hinzugedichtete Zuspitzungen, wie das zufällige Aufeinandertreffen der beiden Geschwister in Frankreich, gar nicht gebraucht.

„Testament of Youth“ erzählt aber auch die Geschichte einer starken Frau, einer Individualistin, die, statt früh zu heiraten, studieren möchte, die freiwillig in Feldlazaretten aushilft. Das Sterben, das Blut, die vielen Schicksalsschläge verändern sie: Sie verliert ihre jugendliche Unbeschwertheit, doch die junge Frau zerbricht daran nicht. Nach all dem Leid, das sie gesehen hat, bringt sie zwar kein Verständnis für die Mutter auf, die sich über die kriegsbedingt eingeschränkte Auswahl im Supermarkt beschwert, aber sie verzeiht den Deutschen, hält am Ende ein Plädoyer für den Frieden, für einen milden Umgang mit dem Kriegsverlierer, das leider nicht gehört wurde. Dass die junge Frau, die anfangs noch den Vater überredete, dem Bruder die Teilnahme am Krieg zu erlauben, zur Pazifistin wurde, wird durch den Film nachvollziehbar. Hinzu kommt Alicia Vikanders Glanzleistung: Die junge Schwedin, frisch für „The Danish Girl“ mit dem Oscar prämiert, wirkt in ihrer Rolle unglaublich authentisch und natürlich, gibt ihrer starken Figur, aber auch dem unfassbaren Leid des Krieges, ein Gesicht. So schafft sie es, den emotionalen, stellenweise arg pathetischen Film nicht in den Kitsch abdriften zu lassen, weil die von ihr vermittelten Gefühle so echt wirken. Der mit „Game of Thrones“-Darsteller Kitt Harington, „Kingsman“ Taron Egerton, mit Dominic West und Emily Watson prominent besetzte Cast überzeugt aber auch im Allgemeinen.

Mit den umwerfenden Bildern, der getragenen Musik und den überwältigenden Gefühlen entsteht so eine emotional jederzeit mitreißende Atmosphäre. Die in den Film eingestreuten Gedichte, die hart an der Grenze zum Kitsch zu verorten sind, steigern die Melancholie noch einmal, sodass „Testament of Youth“ vor allem ein niederschmetternder Film über unmenschliches Leid geworden ist. Und die Botschaft, sie ist klar und deutlich: Nie wieder! Von daher dürfte „Testament of Youth“ ganz im Sinne seiner 1970 verstorbenen Autorin Vera Brittain sein.

Fazit:
„Testament of Youth“ erzählt in wunderschönen Bildern über unmenschliches Leid, ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und gegen den Krieg, ein Film über eine verlorene Generation und eine starke Frau, die dieser eine Stimme geben sollte. Der Film zeigt die Fratze des Ersten Weltkrieges, ohne direkt in die Stahlgewitter einzutauchen, wühlt emotional auf und driftet trotz der pathetischen Machart dank der großartigen Alicia Vikander nicht in belanglosen Kitsch ab. Klare Empfehlung!

92 %

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