Nacht für Nacht begibt sich die einsame Wölfin auf die Pirsch, um ihren schier unersättlichen Hunger zu stillen. Ihr Jagdrevier ist groß und nennt sich Buenos Aires. Ihr Auftreten ist selbstsicher, ohne arrogant zu wirken. Sie ist sich ihres guten Aussehens ebenso bewußt wie ihrer starken Ausstrahlung, und sie weiß, daß sich der Erfolg über kurz oder lang einstellen wird. Irgendjemand beißt immer an, wenn das Lockmittel Sex heißt. Danach ist die Femme Fatale für kurze Zeit befriedigt und gesättigt, während das Leben ihrer Opfer in der Regel ein vorzeitiges Ende gefunden hat. Ein mürrischer Polizist kommt ihrem mörderischen Treiben auf die Spur. Wie ein Spürhund heftet er sich an ihre Ferse, läßt nicht mehr vor ihr ab, gedenkt, sie zur Strecke zu bringen, koste es was es wolle. Immer wieder entkommt sie seinem Zugriff, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die Schlinge endgültig zuziehen wird.
Einer der besten, interessantesten, originellsten und irgendwie auch schönsten Exploitationfilme der letzten Jahre kommt aus Argentinien! Tamae Garateguys Mujer lobo ist so etwas wie die Punkrock-Version von Ana Lily Amirpours A Girl Walks Home Alone at Night (2014). Während diese grandiose Vampirballade ihre Geschichte ruhig, zärtlich und melancholisch erzählt, umweht von einem wunderbar traumhaften Flair und einem sanften Hauch von Poesie, ist Mujer lobo wild, ungestüm, exzessiv und leidenschaftlich, ein abgründiger, hemmungsloser Fiebertraum mit einer Prise David Lynch und einer gesunden Dosis Jesús Franco. Beide Filme begeistern zudem mit einer ungemein stilvollen Schwarzweiß-Optik; lediglich einmal schleicht sich bei Mujer lobo etwas Farbe ins Geschehen, in einer kurzen aber imposanten, wuchtigen, kraftvoll gestalteten Schlüsselsequenz gegen Ende, wenn die Wölfin am Scheideweg steht.
Um die titelgebende Figur interessanter zu gestalten, bedient sich Regisseurin Garateguy eines kleinen Kunstgriffes. Die Wölfin besteht nämlich aus drei unterschiedlichen Persönlichkeiten, welche auch von verschiedenen Frauen (Mónica Lairana, Guadalupe Docampo und Luján Ariza) gespielt werden. Mal hat die eine das Kommando, mal die andere, und der Übergang ist oft so fließend, daß mitunter sogar innerhalb einer Szene ein Wechsel stattfinden kann. Manchmal ist die Wölfin die eiskalte, erbarmungslose, blutrünstige Killerin, dann wieder die blonde, wollüstige Verführerin. Die dritte Persönlichkeit ist die Schwachstelle im fragilen Gefüge, ist sie doch die einzige, die Gefühle empfindet. Und die sich auch prompt verliebt. Kamera und Musik passen sich der jeweiligen Persönlichkeit an, die gerade aktiv ist. Bei der Blonden ist sie z. B. ruhig und sinnlich, bei der Killerin jedoch rasend und voller wilder Energie.
Eine linear erzählte Geschichte sucht man in Mujer lobo vergebens. Was man stattdessen geboten bekommt ist eher ein dynamisches Sich-treiben-lassen durch das nächtliche Buenos Aires, eingefangen in einer eindrucksvollen Schwarzweiß-Ästhetik, welche dem Geschehen eine ganz eigene, irgendwie hypnotische Note verpaßt. Man fühlt sich wie in einem angenehmen Rausch, dem man nicht widerstehen und in dem man sich verlieren kann. Großartig. Das einzige, das ich dem Film vorwerfen kann, ist die fehlende emotionale Ebene sowie die mangelnde Charaktertiefe einiger Figuren, womit sich dieses Exploitation-Kunstwerk zumindest ein wenig den "Style over Substance"-Vorwurf gefallen lassen muß. Keine Frage, Mujer lobo zeigt dem konventionellen Genre-Mainstream gepflegt den Mittelfinger und wird bestimmt viele Fans ratlos zurücklassen. Aber so ist das nun mal mit Visionen, die eigenwillig, radikal und ohne Kompromisse umgesetzt werden.