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Ein gutes Jahr nach dem ersten komödiantischen Feiertags-„Tatort“ des Weimarer Ermittlerduos Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) folgte am Neujahrstag 2015 der zweite Streich, ebenfalls aus der Feder der Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger. Die Regie übernahm diesmal Richard Huber („Das Biest im Bodensee“), für den die Verquickung von Krimi und Komödie kein Neuland war.

Bei einem Überfall auf die Stadtkämmerei werden nicht nur 120.000 EUR erbeutet, sondern auch Sekretärin Sylvia Kleinert (Nora Quest, „Die rote Zora“) erschossen – vermeintlich versehentlich, als der maskierte Täter gleich mehrere Warnschüsse abfeuerte und die Kugeln durch die dünnen Wände das Opfer trafen und tödlich verletzten. Dorn und Lessing bezweifeln jedoch, dass es sich um einen Kollateralschaden handelt, finden heraus, dass Kämmerer Iwan Windisch (Jörg Witte, „About a Girl“) ein Verhältnis mit der Toten hatte – und sich unversehens in einem immer verrückter werdenden Fall wieder, der sie in die Geisterbahn und ins Spiegelkabinett eines Rummelplatzes, in ein Tätowierstudio, ins Leichenschauhaus sowie einen FKK-Club führt und Bekanntschaft mit der eifersüchtigen Nicole Windisch (Therese Hämer, „Neger, Neger, Schornsteinfeger“), der Geisterbahnbetreiberin Rita Eisenheim (Sophie Rois, „Der Hauptmann von Köpenick“), dem einen oder anderen Kleinkriminellen (Dominique Horwitz, „Ein tödliches Wochenende“ und Pit Bukowski, „Tatort: Im Schmerz geboren“) und einem plötzlich auftauchenden Zwilling machen lässt. Führt da jemand ein bizarres Doppelleben? Was sind wessen Motive? Wo ist die Beute und wer überhaupt der Täter? Der bereits aus dem ersten Weimarer „Tatort“ bekannte und just aus der Haft entlassene Caspar Bogdanski jedenfalls nicht…

Fragen über Fragen und das Duo ermittelt, indem es im antiquarischen Passat ihres Chefs von Einsatzort zu Einsatzort „eilt“ und ihn dabei nach und nach in seine Einzelteile zu zerlegen droht. Dieser Running (oder vielmehr Driving) Gag ist nur einer von vielen humoristischen Momenten in diesem „Tatort“ voller verschrobener Charaktere, unter denen Dorn und Lessing noch am zurechnungsfähigsten wirken, obwohl sie selbst auch alles andere als normal sind – wie sich u.a. in ihren kuriosen Versuchen, sich zu verloben, offenbart. Die wendungsreiche Handlung hat es dann auch wahrlich in sich und steckt voller Überraschungen, die dramaturgisch auf den Punkt gebracht gleichsam fesseln und unterhalten, und wurde darüber hinaus mit ein wenig Erotik (Szenen im FKK-Club), Filmzitaten (wer denkt nicht an „Shining“, wenn Nicole Windisch mit einer Axt hinter ihrem Mann her ist?) und sogar existenziellen Fragen gespickt: Ist der eigene Lebensentwurf der richtige oder möchte man nicht aus einmal aus ihm ausbrechen, evtl. gar mit jemand anderem tauschen? Wie gut kennt man seinen Partner eigentlich? Und lohnt es sich überhaupt, angesichts kranker und zerbrechender Beziehungen um einen herum über Heirat nachzudenken?

Besonders der subtilere Humor, für den die ebenso coole wie zu sarkastischen Kommentaren neigende Dorn und der eigentlich eher abgeklärte, hier jedoch von seiner Partnerin und Kollegin in Personalunion getriebene Lessing sorgen, kommt prächtig zur Entfaltung – wenn letzterer leider auch manch Dialog vernuschelt. Die Kulturstadt Weimar wird zum Schauplatz einer Groteske, durch die das ermittelnde Duo nicht immer zielsicher, letztlich jedoch mit der nötigen vorausschauenden Intelligenz wandelt und den Fall löst, sich gegenseitig jedoch fester aneinander bindet, nachdem die Geschehnisse auch für den Zuschauer mittels Rückblenden aufgedröselt wurden. Die Hamburger Folkrocker Element of Crime spielen zum romantischen Ausgang dieses „Tatorts“ dann ihr melancholisches „Wenn der Wolf schläft“ und liefern damit den musikalischen Höhepunkt eines an Highlights nicht armen Soundtracks, der mit Kylie Minogues „I Should be so Lucky“ beginnt und The Clash („The Guns of Brixton“) ebenso erklingen lässt wie – wie passend – Body Counts „Cop Killer“.

Welch ein Glücksfall für Weimar, welch heiterer Lichtblick in der TV-Krimilandschaft!

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