Drehbuchautor Michael Proehl hatte mit seinem Skript zu „Tatort: Im Schmerz geboren“ für einen der größten Kritikerlieblinge der öffentlich-rechtlichen TV-Krimireihe gesorgt. Zusammen mit Erol Yesilkaya entwickelte er auch das Drehbuch zu Hauptkommissar Frank Steiers (Joachim Król) Abgesang: Der Frankfurter beendet in diesem „Tatort“ von Regisseur Sebastian Marka („Hit Mom - Mörderische Weihnachten“), der bereits Ende 2013 gedreht, aber erst im Winter 2015 ausgestrahlt wurde, seine Karriere als Ermittler.
Als Kommissar Steier während eines Routineeinsatzes unvermittelt auf den mehrfach vorbestraften Nico Sauer (Maik Rogge, „Um jeden Preis“) trifft, gibt dieser zwei Schüsse ab, die durch die dünnen Wände des Wohngebäudes ein kleines Mädchen nebenan töten. Vor Gericht wird Sauer freigesprochen, nicht zuletzt, weil Steier Restalkohol von der vorausgegangenen Nacht im Blut hatte. Steier hat die Schnauze nun gestrichen voll, quittiert den Dienst und will Sauer ohne rechtliche Legitimation ans Leder. Als er Wind davon bekommt, dass Sauer zusammen mit seinem Bruder Robin (Vincent Krüger, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) und dessen heroinabhängiger Freundin Lisa (Janina Schauer, „Der letzte Tanz“) einen Einbruch ins Haus Matthias Langenbrocks (Steffen Münster, „Karniggels“) plant, sucht er jenen Ort auf, an dem Langenbrock erschlagen wird, beobachtet von Nachbar Rolf Poller (Armin Rohde, „Zwei Weihnachtsmänner“) – selbst ein ehemaligen Kommissar. Und dieser verfolgt einen eigenen Plan: Er sperrt Steier zusammen mit dem kriminellen Trio in seinen Keller und ergeht sich in perfiden Psycho-Spielchen…
Treffen zwei ehemalige Kommissare aufeinander… Da breitet der eine dem anderen bereitwillig seine Lebensgeschichte vor dem anderen aus, welcher ihm wiederum Falschaussagen zusichert. Doch daran hat der mit seinem Leben weitestgehend abgeschlossen habende, wütende Poller wenig Interesse, vielmehr geht es ihm darum, dass sich alle vier Gefangenen ihrer wahren Charaktere gegenseitig bewusst werden. Vornehmlich will er dadurch dem noch nicht vollends versauten Robin die Augen öffnen, denn er hat die Hoffnung, dass dieser dadurch wieder zurück auf den Pfad der Tugend findet. Die Erkenntnisse, die vor allem Steier und Robin erlangen, sind bitter und desillusionierend. Nein, ein Nico Sauer lässt sich nicht mehr resozialisieren und ohne mit der Wimper zu zucken, würde er weitere Todesopfer in Kauf nehmen, wenn es zu seinem Vorteil gereicht. Und die heroinsüchtige Lisa, für die Robin sich am Einbruch beteiligte, dankt es ihm kaum, würde sich für den nächsten Schuss prostituieren und Bayers Hustenmittel jederzeit Robin vorziehen.
So gesetzlos und perfide Poller auch vorgeht: Dieser „Tatort“ ist dahingehend konzipiert, dass das Publikum ihm über weite Strecken zustimmt, wenn er seine Lektionen mit Gewalt durchsetzt. Zugleich kommt dies jedoch einer Bankrotterklärung des deutschen Strafrechts gleich, denn Pollers Fatalismus bedeutet letztlich: Bestimmte Straftäter sind nicht resozialisierbar, die Polizei ist machtlos und Drogenabhängigen ist weder zu trauen noch zu helfen. So wahr das häufig sein mag, so fatal wäre es, diese Erkenntnis im Strafrecht zu verankern und dieselben Konsequenzen zu ziehen wie Poller. Letztlich demonstriert „Das Haus am Ende der Straße“ den häufig schizophren anmutenden Konflikt, in dem sich Kommissare wie Steier befinden, folgt man der Logik und dem Blick auf die Abgründe der Gesellschaft dieses „Tatorts“ – der jedoch auch nachdenklich stimmen und dabei behilflich sein kann, eigene Bekannt- und Seilschaften kritisch zu hinterfragen.
Eingebettet wurde diese Handlung in einen düsteren, gut geschauspielerten und fotografierten Thriller, der auf die mehr oder weniger typische Polizeiarbeit komplett verzichtet und sich auch auf keine Ermittlung begibt, sondern die Täter in den Mittelpunkt rückt, von denen Steier beinahe selbst einer geworden wäre. Die Anspielung des Titels auf den Rape’n’Revenge-Klassiker „The Last House on the Left“ führt natürlich in die Irre, wenngleich Rache auch hier zunächst zum treibenden Motiv wird, bis sich Steier aufgrund Pollers Spiel wieder der Vernunft besinnt. Dass über seinem letzten Fall das Damoklesschwert des möglichen Heldentods schwebt, macht diesen „Tatort“ gewiss nicht weniger spannend. 7,5 von 10 Promille Restalkohol dafür.