„Du kannst Chinatown nicht verändern, es verändert dich.“
Ein neuer Film mit Chow Yun Fat ist selbst nach seinem enttäuschenden US-Debüt „The Replacement Killers“ immer noch wie ein Magnet für mich. Und nach „The Matrix“, der nun auch meine Ansprüche an eine Hollywood-Produktion in neue Dimensionen geschraubt hat, fehlte mir durchaus ein wenig der Elan, Filme zu schauen, unter denen definitiv keiner Potential für einen weiteren Kultfilm in sich barg. Mit diesen Erwartungen ging ich denn auch nicht an „The Corruptor“ heran. Chow Yun Fat ist aber auch ein guter Grund. Und wer wie ich seine Erwartungen nach dem Ersatzkiller-Debakel etwas zurückgenommen hat, der wird das Kino nach Chow’s zweiten US-Streifen denn auch alles andere als enttäuscht verlassen. Viel mehr Raum läßt Regisseur James Foley, dessen Wurzeln so gar nicht im Action-Genre liegen, den Charakterdarstellungsfähigkeiten seiner hervorragenden Protagonisten. Daß der an der Seite von Chow Yun Fat agierende Mark Wahlberg nach „Boogie Nights“ und „The Big Hit“ als Schauspieler anerkannt ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben.
„The Corruptor“ ist ein Film über die chinesische Mafia, die gleich einer riesigen doch meistens unsichtbaren Krake ihre Tentakeln im Würgegriff um die Stadt New York und ihre Institutionen gelegt hat. Sie ist längst ein eminenter Faktor des Status Quo und jede Aktion von Polizei und Justiz, die tatsächlich mehr als Schein ist, erschüttert weniger die sogenannten Triaden als die Grundfeste von Sicherheit und Ordnung in der Stadt. In dieser Aussage, aber auch in seiner Erzählstruktur, die eben viel stärker auf die Handelnden und ihre Motive gewichtet als auf Action-Kino, dieses jedoch nicht außen vor läßt, erinnert „The Corruptor“ an den Streifen „Im Jahr des Drachen“ (1985, Regie: Michael Cimino), in dessen Produktion Oliver Stone genauso seine Finger hatte wie in „The Corruptor“. Es ist Foley hoch anzurechnen, daß er bei seinem Spagat zwischen recht anspruchsvollem und reinem Action-Kino nicht das dramaturgische Gleichgewicht verliert, sondern die Handlung und die Charaktere immer nachvollziehbar zu zeichnen versteht.
Nick Chen (Chow Yun Fat) ist ein hochdekorierter Beamter des N.Y.P.D. Für seine erfolgreiche Verbrechensbekämpfung in New Yorks Chinatown, genießt er hohes öffentliches Ansehen. Er holt den Dreck von der Straße, kehrt die Bordsteine und Gassen frei von Gewalt und Diebstahl. Was die Öffentlichkeit nicht weiß, ist daß Chen auch auf der Gehaltsliste der mächtigsten Triade in Chinatown steht und seine Maßnahmen gegen das Verbrechen vor allem auch gegen die konkurrierenden Klane gerichtet sind. Und die entscheidenden Tips erhält er natürlich auch von den Gangstern. Das wirft zunächst keine Fragen auf, denn durch die gezielte Ausschaltung der unter Gewaltanwendung neu auf den Markt drängenden Syndikate, gelingt es Chen den Anschein von völliger Kontrolle über Sicherheit und Ordnung auf den Straßen seines Viertels aufrechtzuerhalten. Ein Schein unter dessen Tarnung die Mafia ungestört operieren kann. Doch nun ist die Scheinwelt bedroht. Innerhalb der Triade intrigiert eine jüngere Generation, um die Macht des Hierarchen an sich zu reißen. Chen wird benutzt und verfängt sich immer stärker in den Fallstricken, die ihm die Triaden auf der einen und ob seiner schnellen Erfolge skeptisch gewordene Kollegen vom F.B.I auf der anderen Seite spannen. Und zu allem Überfluß ist da auch noch der Rookie Danny (Mark Wahlberg), ein blutiger Anfänger mit großen Ambitionen. Auch noch ein Weißer. So einer hat in Chinatown nun erst recht keine Chance. Hat er nicht?