„Ridleys Mission Impossible - von einem der auszog, das perfekte Epos zu toppen"
Jahrelang gab es Gerüchte hinsichtlich eines „Gladiator"-Sequels. Bei solch einem, Publikum wie Kritiker gleichermaßen begeisternden Mega-Erfolg eigentlich ein ungeschriebenes Hollywoodgesetz. Schließlich hatte Ridley Scott dem längst tot geglaubten Monumentalfilm ein spektakuläres, nie für möglich gehaltenes Comeback beschert und das angestaubte Genre wieder so salonfähig gemacht, dass seitdem jedes Jahr ein bis zwei Epigonen über die Leinwände flimmern.
Zwar konnte bis dato keiner an die Qualität des Retrotrendsetters anknüpfen, die Kasse stimmte aber dennoch häufig genug um weiterhin neue Versuche zu starten. Scott steuerte höchst persönlich zwei Mittelalter-Schinken („Königreich der Himmel", „Robin Hood") zur selbst losgetretenen Welle bei, nur bei den Forderungen nach einem zweiten „Gladiator" blieb er standhaft. Bis jetzt. Denn das Bibelepos „Exodus" ist nichts anderes als ein verblüffend offensichtliches Remake seines Römer-Hits.
Im Zentrum stehen zwei aufstrebende, rivalisierende Machtmenschen, von denen einer die Gunst des sterbenden Herrschers besitzt, aber nur der andere als leiblicher Sohn für die Thronfolge in Frage kommt. Wie Maximus in „Gladiator", ist Moses in „Exodus" nicht nur der Günstling des aktuellen Herrschers, sonder auch der bessere Feldherr und damit beliebter bei Heer und Volk. Als Ramses nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft antritt, zögert er daher wie sein römisches Pendant Commodus nicht allzu lange, um den lästigen Rivalen los zu werden. Dem zusätzlich erteilten Mordauftrag kann der Geächtete zwar so eben noch entgehen, sieht sich nun aber nicht nur all seiner Privilegien sowie der entsprechenden Lebenssituation beraubt, sondern ist seitdem permanent auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft.
In der Fremde findet er schließlich zu sich selbst und sinnt auf Vergeltung. Mindestens gauso sehr geht es aber auch um Befreiung der Unterjochten und Geknechteten, die der Despotie des neuen Herrschers praktisch hilflos ausgeliefert sind. Damit schließt sich dann auch der Kreis zum Vermächtnis des verstorbenen Ziehvaters, der einen mehr auf Bedacht und Ausgleich gerichteten Führungsstil pflegte.
Mann könnte nun natürlich einwenden, dass „Exodus" auf der in der altestamentarischen Moses-Geschichte basiert und daher keine Kopie, sondern das Original darstellt. Allerdings hängt Scott seinen Film hinsichtlich der Protagonisten, ihrer Motive und ihrer Handlungen eindeutig an dem konfliktträchtigen Dualismus der ungleichen Stiefbrüdern auf, so dass die dramaturgische wie narrative Nähe zu „Gladiator" mehr als frappierend ist.
Zwar geht es Moses natürlich auch darum sein geknechtetes Volk ins gelobte Land und damit in die Freiheit zu führen. Aber auch Maximus will dem römischen Volk mit der Rückkehr zu republikanischen Verhältnissen zumindest mehr politische Freiheit verschaffen. Zwar kann Moses bei der Auseinandersetzung mit Ramses auf die tatkräftige Unterstützung Gottes zählen, dennoch findet auch hier wie in "Gladiator" ein Generalangriff auf die Legitimität und Autorität des Herrschers statt, die diesen zu gewaltsamen und brutalen Gegenmaßnahmen treibt, die die Eskalation der Ereignisse zusätzlich befeuern.
Neben diesen Parallelen hinsichtlich der zentralen Figurenkonstellation und des dramaturgischen Grundgerüsts gibt es auch visuelle Blaupausen. So schwelgt Scott in „Exodus" in spektakulären Bildern der altägyptischen Metropole Memphis, die er ähnlich wie das kaiserzeitliche Rom als von Monumentalbauten und luxuriösen Interieurs geprägtes Machtzentrum präsentiert. Hier wie dort inszeniert er ein kraftstrotzendes Großreich, dessen Hang zur Dekadenz aber schon die Vorzeichen des Niedergangs in sich trägt. In den zahlreichen Massenszenen finden sich erneut Anleihen bei der Riefenstahlschen Präferenz für Geometrie und die Suggestivkraft des monumentalen Spektakels.
Rein optisch steht „Exodus" „Gladiator" also in nichts nach, übertrifft letzteren sogar teilweise, insbesondere bei der Bebilderung der 10 Plagen mit denen Gott den widerspenstigen Pharao in die Knie zu zwingen versucht. Die Bilder des blutrot gefärbten Nils, Millionen von Fröschen, Heuschrecken und faustgroßen Hagelkörnern belegen wieder einmal Scotts Meisterschaft, CGI-gestützte Effekte unglaublich realitätsnah und beeindruckend in Szene zu setzen. Absoluter Höhepunkt ist ohne Frage die Teilung des Meeres und die im Anschluss über die Ägypter hereinbrechende Flutwelle. Wie sehr sich Scott auf solche Sequenzen versteht, zeigt der direkte Vergleich zu Christopher Nolans aktuellem SciFi-Hit „Interstellar", dessen Riesenwelle dagegen ähnlich furchterregend wie im Freibad von nebenan daher kommt.
Der „Look" von „Exodus" ist also mal wieder über jeden Zweifel erhaben und wird auch dem Spektakel-Gehalt des Sujets jederzeit gerecht. Nur war die visuelle Seite noch nie Scotts Problem, ganz im Gegenteil. Sehr häufig musste er sich allerdings schon den wenig schmeichelhaften „Style over Substance"-Vorwurf gefallen lassen und der wird mit diesem Film definitiv neue Nahrung bekommen.
Denn obwohl einem das Bemühen die Stärken von „Gladiator" zu kopieren beinahe in jeder Einstellung und verfilmter Drehbuchseite gewissermaßen ins - ob dieser einfallslosen Dreistigkeit arg verwunderte - Gesicht springt, kann „Exodus" nicht einmal annähernd an die Qualitäten des Vorbilds anknüpfen. Passend zum Genre sind die Gründe dafür Legion.
Zuallererst fällt die seltsame Gewichtung und Schwerpunktsetzung bei der Szenen-Montage auf. Geradezu im Eilzugtempo rast Scott durch die für seine Erzählung eigentlich so wichtige Rivalität zwischen Moses und Ramses und belässt es bei phrasenhaften Kommentaren und schlaglichtartig beleuchteten Episoden. Hier wird nichts entwickelt oder tiefer ausgeführt, sondern lediglich checklistenartig abgearbeitet. Zudem lässt man die Darsteller enervierend hölzerne und banale Dialoge aufsagen, die den negativen Effekt noch zusätzlich verstärken. Die keineswegs minder begabten Darsteller Christian Bale (Moses) und Joel Edgerton (Ramses) werden dabei teilweise auf Schultheater-Niveau herabgewürdigt. Nicht zum ersten Mal wirkt Scott bei der Schauspielerführung völlig überfordert, wenn er es mit einem schwachen Drehbuch zu tun hat.
Besonders störend kommt das bei Edgerton zum Tragen, den er Ramses als störrischen und launigen Teenager spielen lässt und den Film damit eines überzeugenden Gegenspielers beraubt. Anders als Joaquin Phoenix´ Commodus, ist Ramses ein fürchterlich langweiliger, weil im Kern einfältiger und einfallsloser Charakter, der dem in seiner Tatkraft, seinen Überzeugungen und seiner Energie überlebensgroß gezeichneten Moses weder im Positiven, noch im Negativen irgendetwas Relevantes entgegen zu setzten hat. Da aber auch letzterer weit weniger ambivalent angelegt ist als der zwischen Loyalität und Rachsucht hin und her gerissene Maximus, lässt „Exodus" auf Figurenebene praktisch völlig kalt. Dass Scott sämtliche Nebencharaktere dazu auch noch sträflich vernachlässigt und Mimen wie Ben Kingsley, Sigourrney Weaver, John Torturro sowie Aaron Paul zu bloßer Staffage mit einer Handvoll platter Dialogzeilen degradiert, passt wunderbar ins ohnehin schon verpatzte Bild.
Gerade weil die Ereignis-Handlung ob ihres Bekanntheitsgrades keinerlei Überraschungen birgt, wäre es umso wichtiger gewesen, aus den Beziehungen der Figuren untereinander entsprechend Kapital zu schlagen und ihnen charakterliches Profil zu verleihen. So wirkt der Film trotz all dem Bombast und der zügig voranschreitenden Erzählung seltsam zäh und öde. Christian Bale müht sich redlich als einzig einigermaßen vom Skript ernst genommener Charakter, erreicht aber letztlich nicht mehr, als den Film notdürftig zusammen und damit den Zuschauer bei der Stange zu halten.
„Gladiator" bleibt somit weiterhin das einzige Beispiel für eine in jeder Hinsicht gelungene Reaktivierung des monumentalen Historienspektakels. Nicht einmal Ridley Scott selbst scheint in der Lage, diese Leistung zumindest zu wiederholen, wofür sein in beinahe jeder Hinsicht gescheitertes Quasi-Remake „Exodus" auf schmerzliche Art und Weise den Beleg liefert. Evident wird damit aber auch Folgendes: ohne ein starkes Drehbuch ist Scott lediglich in visueller Hinsicht ein Meister seines Fachs. Vielleicht hätte er das Genre nach „Gladiator" einfach hinter sich lassen sollen. „Monumental" mag als Adjektiv durchaus steigerbar sein, in seiner inhaltlichen Bedeutung handelt es sich aber bereits um einen Superlativ.