Clint Eastwood ist hier erstmals Joe – der wortkarge, grün bemantelte Hüne mit dem schnellen Colt.
Entgegen dem Geist der 50er und frühen 60er, den (US-)(Western-)Helden stets charakterlich makellos und einwandfrei darzustellen, wird hier ein Gegenstück kreiert, das die Welt des Westerns von Grund auf änderte. Joe bedient sich nämlich Mitteln, die kitschige Fifties-Seitenscheitelcowboys wie Randolph Scott oder Audie Murphy nie angewandt, höchstens bekämpft hätten. Er zelebriert die Gewalt und den Tod in einer bis dato ungesehenen Weise und schert sich wenig um die (ungeschriebenen) Westernkonventionen der 50er.
1964, im ersten großen Western Sergio Leones, erschießt Eastwood zwar noch nicht Unbewaffnete (wie im „The Good, the Bad and the Ugly“), ist noch kein gewinnsüchtiger Kopfgeldjäger (wie im „Für ein paar Dollar mehr“) und erst recht kein vergewaltigender Rächer (wie im „Ein Fremder ohne Namen“), aber er geht deshalb nicht im Mindesten weniger erfrischend erbarmungslos zu Werke. Die Delinquenten am anderen Ende der Straße, die unklug genug sind, das Pferd Joes zu triezen oder gar seinen Kumpel, den Barmann zu foltern, sehen sich in der nächsten Sekunde im Staub der Straße wieder. Auch wenn in Leones Filmen noch nicht das blutige Sichtum Getroffener gezeigt wird (wie später in den 70er Western), sondern die frisch Penetrierten augenblicklich tot sind, ist die Gewalt für damalige Verhältnisse maximal. Da wird gefoltert, verbrannt und da werden Frauen erschossen. Leones Art der Gewaltdarstellung verfehlte ihre Wirkung auf die US-Produktionen jener Zeit nicht und veranlasste US-Regisseure wie Sam Peckinpah („The Wild Bunch“, „Pat Garret jagt Billy the Kid“) den gleichen Weg zu beschreiten, auch wenn dieser meiner Meinung nach nie auch nur entfernt an die Klasse der 4 Top-Spaghetti-Western heranreichte. Auch Eastwood selbst, der später in seiner Heimat, den USA, selbst Western drehte, übernahm die Gewalt und die lakonische Art des Helden als filmische Stilmittel.
Joe spielt also – gegen alle Regeln der Westernhochzeit – zwei Banden gegeneinander aus, um sich „ein Plätzchen in der Mitte“ der kriminellen Organisationen vor Ort zu suchen. Selbst der gute John Wayne hatte da wahrscheinlich erst einmal geschluckt. Selbstverständlich mündet der Plan Joes in einem Blutbad, das sich gewaschen hat. Also eigentlich überlebt den Film so ziemlich niemand, ausser Clint. Die kleine Stadt ist anschließend sozusagen entvölkert. Naja, nicht ganz, die harmlosen Anwohner dürfen sich in der Folge über ihre wiedergewonnene Freiheit freuen. Einer der wenigen sozialen Aspekte des Films. Öhm, eigentlich ist es der einzige.
Eine interessante Sache ist übrigens der Vergleich zwischen deutscher und englischer Synchronisation. Während die englische Fassung zwar authentischer wirkt, lässt sie die witzigen, asozialen Sprüche Joes vermissen, die er im Deutschen so formidabel an den Mann bringt. So weist er zum Beispiel den Sheriff auf deutsch an, „den Schotter (also die Erschossenen) unter die Erde zu bringen“, während er auf englisch schlicht ihre Beerdigung fordert. Man muss wirklich sagen, dass die deutschen Tonleute damals bei der Synchronisation ganze Arbeit leisteten und ähnlich wie bei den phänomenal übersetzten – und sogar wesentlich verbesserten – Terence Hill und Bud Spencer Filmen das (deutsche) Endprodukt in einem ganz anderen Licht strahlen lassen. Ist aber dennoch alles letztendlich Geschmackssache!
Dieser Film schrieb Westerngeschichte und gehört meiner Meinung nach zusammen mit seinen drei Leone-Nachfolgern zu den vier besten Western überhaupt. Ein Wahnsinnsfilm, der bezeichnender Weise im Gegensatz zu den allermeisten anderen Western seiner Zeit zeitlos ist. So sehr ich John Wayne Filme liebe und den Kerl gern mag, seine Filme sind - vielleicht mit Ausnahme des genialen „Der Marshal“ - untrennbar mit ihrer Epoche verbunden und wirken leider sehr häufig altbacken. Leone hat das Meisterwerk vollbracht, seine Filme der Physik zu entreißen und sie ohne Abstriche in unsere und die folgende Zeit hinüber zu retten.
Ein Meisterstück!
10/10 Punkten